27. April 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
der ifo Geschäftsklimaindex fällt auf ein Mehrjahrestief und signalisiert zunehmende Konjunktursorgen in Deutschland, US-Stimmungsindikatoren deuten auf eine robuste Konjunktur bei deutlich zunehmendem Preisauftrieb hin, und Industrie und Handel Argentiniens schwächeln.
ifo Geschäftsklimaindex fällt auf Mehrjahrestief
Die Stimmung in den deutschen Unternehmen hat sich deutlich eingetrübt. Der Geschäftsklimaindex des ifo Instituts fiel im April stärker als erwartet von 86,3 auf 84,4 Punkte und erreichte den niedrigsten Stand seit Mai 2020. Die Firmen bewerteten ihre aktuelle Lage schlechter und blicken noch pessimistischer auf die kommenden Monate. Im Verarbeitenden Gewerbe dämpften vor allem Unternehmen der chemischen Industrie ihre Erwartungen, viele meldeten zudem zunehmende Engpässe bei Vorprodukten. Auch im Dienstleistungssektor hat sich die Stimmung spürbar verschlechtert, insbesondere im Groß- und Einzelhandel sowie in der Logistik. Einzelhändler befürchten, dass die Inflation die Kaufbereitschaft weiter bremst. Im Bauhauptgewerbe ist das Geschäftsklima nahezu eingebrochen. Die Hoffnung auf einen raschen Aufschwung ist damit vorerst verflogen, umso dringlicher sind zügige Reformen durch die Bundesregierung.
US-Konjunktur bleibt robust – aber Preisdruck nimmt spürbar zu
In den USA signalisierten die am Donnerstag veröffentlichten Vorabschätzungen der Einkaufsmanagerindizes (PMIs) für April weiterhin einen robusten konjunkturellen Ausblick, allerdings bei deutlich zunehmendem Preisdruck infolge hoher Energiepreise. Der branchenübergreifende PMI stieg auf 52,0 Punkte nach 50,3 im März. Im Verarbeitenden Gewerbe erhöhte sich der Index auf 54,0 Punkte und erreichte damit ein 47-Monatshoch, während sich der Dienstleistungs-PMI von 49,8 auf 51,3 Punkte verbesserte und damit wieder in den Expansionsbereich zurückkehrte. Gleichzeitig wies der PMI-Bericht auf einen kräftigen Anstieg des Preisauftriebs hin. Die Vorleistungskosten stiegen auf den höchsten Stand seit elf Monaten, während die Verkaufspreise im Dienstleistungssektor so stark stiegen wie zuletzt vor 45 Monaten. Der energiepreisgetriebene Preisdruck dürfte den Rückgang der Inflation verzögern und spricht für eine vorsichtige geldpolitische Haltung der US-Notenbank. Entsprechend reduzierten die Märkte ihre Zinssenkungserwartungen: Die Wahrscheinlichkeit einer Leitzinssenkung bis zum Jahresende liegt aktuell bei knapp 20 Prozent, nach rund 30 Prozent vor der Veröffentlichung der PMI-Vorabschätzungen.
Rekordquartal für US-Wagniskapital
Der US-Markt für Wagniskapital, der aufstrebende Start-ups finanziert, erreichte im ersten Quartal 2026 Höchststände. Die Summe aller Investitionen betrug knapp 270 Milliarden US-Dollar und übertraf somit jeden Jahresgesamtwert außer von 2021 und 2025. Die Summe aller Verkaufswerte lag bei rund 350 Milliarden US-Dollar, dem höchsten Quartalswert überhaupt. Ein genauerer Blick zeigt jedoch ein komplexeres Bild: Ohne die fünf größten Transaktionen und Verkäufe fallen diese Zahlen um 73 Prozent beziehungsweise 87 Prozent. Eine hohe Konzentration prägt den amerikanischen Wagniskapital-Markt nach der Pandemie weiterhin, aber das erste Quartal dieses Jahres setzte einen neuen Extremwert. Unterhalb der Spitzenwerte bleiben Transaktionen weiterhin rar. Geopolitische Konflikte haben zudem neue Hürden für das ohnehin herausfordernde Umfeld für Verkäufe geschaffen. Investitionen in Wagniskapital können risikobewussten, langfristig orientierten Anlegern Chancen auf Wertzuwachs bieten, allerdings kann eine gute Diversifikation zwischen Regionen und Sektoren helfen, das Markt- und Liquiditätsrisiko zu minimieren.
Argentiniens Wirtschaft: Industrie und Handel bremsen, Rohstoffe trotzen dem Trend
In Argentinien lag die wirtschaftliche Aktivität im Februar um 2,1 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Belastend wirkten vor allem die Industrie und der Handel, die jeweils um 8,7 Prozent und 7 Prozent zurückgingen. Im Rahmen der Reformagenda belasten drakonische geldpolitische Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung die Wirtschaft – sehr hohe Zinsen dämpfen Investitionen und Konsum. Der Rückgang im Februar ist zudem teilweise kalenderbedingt, da zwei zusätzliche Feiertage im Vergleich zum Vorjahresmonat anfielen. Dagegen verzeichneten Bergbau und Rohstoffförderung ein kräftiges Jahreswachstum von 9,9 Prozent, begünstigt durch steuerliche Anreize im Öl- und Gassektor sowie hohe Energiepreise. Die sektorale Divergenz in der Wirtschaftsdynamik spiegelt sich auch am Aktienmarkt wider. Der MSCI Argentina Index verzeichnet seit Jahresbeginn einen Anstieg von knapp 3 Prozent in Euro, getragen von einem Kurszuwachs des Rohstoffsektors von rund 15 Prozent, der knapp die Hälfte des Index ausmacht.
Demgegenüber verlor der Finanzsektor, mit einer Indexgewichtung von rund 25 Prozent, im gleichen Zeitraum knapp 6 Prozent. Einstiegsmöglichkeiten im argentinischen Energiesektor sind vorhanden, sollten jedoch vor dem Hintergrund erhöhter politischer Risiken mit Zurückhaltung beurteilt werden.
Ausschüttungen 2026: Dividendenrendite ist nicht alles
Hohe Dividendenrenditen wirken attraktiv – doch dahinter kann mehr Risiko stecken, als die Kennzahl vermuten lässt: etwa wenn Ausschüttungen nicht aus laufenden Gewinnen, sondern aus der Substanz finanziert werden oder wenn die Rendite nur steigt, weil Kurse zuvor stark gefallen sind. Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich erklären, welche Qualitätsmerkmale zählen, wie Dividendenaristokraten einzuordnen sind und warum Fonds helfen können – aber nicht jeden Fallstrick automatisch vermeiden.
Zahl des Tages: 65.000
Die Neandertaler starben, soweit wir wissen, vor 40.000 Jahren aus. Doch schon vorher ist es für unsere entfernten Verwandten einmal richtig eng geworden, wie ein Team um Charoula Fotiadou von der Universität Tübingen durch DNA-Analysen festgestellt hat. Schon vor rund 65.000 Jahren, als in Europa ein kaltes und trockenes Klima herrschte, schrumpfte demnach die Zahl der Neandertaler rapide – übrig blieb nur eine kleine Restpopulation, die sich nach Südwestfrankreich zurückgezogen hatte. Diese Stammeslinie erholte sich zunächst, als die Temperaturen wieder anzogen. Doch möglicherweise, so die Forscher, war das Ende da schon vorprogrammiert: Mangelnde genetische Vielfalt könnte zum endgültigen Aus der Neandertaler beigetragen haben.
Zeigen Sie heute Durchhaltevermögen.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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