Schreckgespenst oder Retter Amerikas – seit Ronald Reagan wurde wohl kein US-Präsident im Hinblick auf seine (geplante) Wirtschaftspolitik so kontrovers diskutiert wie Donald Trump. Wahrscheinlich ist, dass das US-Wachstum infolge der von Trump angekündigten staatlichen Investitionen sowie Steuersenkungen und Deregulierungen spürbar zulegen dürfte. Wahrscheinlich ist auch, dass die vorgenannten Maßnahmen die Inflationsrate und die Zinsen in den USA über die Maßen steigen lassen und in Verbindung mit einem erstarkenden US-Dollar und wachsenden Protektionismus die globalen Finanzmärkte erschüttern werden. Ausgang ungewiss.

Blick in die US-Vergangenheit: Reagan als Impulsgeber

Wer einen Blick in die Zukunft wagen will, sollte immer auch in die Vergangenheit schauen. Aus US-amerikanischer Sicht endete die letzte goldene Ära der Geldanlage schon zur Jahrtausendwende. Begonnen hatte sie Anfang der 1980er-Jahre nahezu zeitgleich mit der ersten Amtszeit Ronald Reagans. Davor hatte die Wall Street rund eineinhalb Jahrzehnte mehr oder minder auf der Stelle getreten. Die Bewertungen an den US-Aktienmärkten waren niedrig, die Margen der Unternehmen lagen am Boden und ihre Bilanzen waren marode, bedingt durch eine jahrelang überhöhte Inflation.

Doch dann trieben US-Präsident Ronald Reagan (Stichwort „Reaganomics“) auf der einen und Großbritanniens Premierministerin Margaret Thatcher („Thatcherism“) auf der anderen Seite des Atlantiks die Deregulierung und die Globalisierung voran. Der Eiserne Vorhang fiel. Und die demografische Entwicklung mit den geburtenstarken Jahrgängen der sogenannten Babyboomer tat ein Übriges, um die Wirtschaft zu stimulieren. Die Folge: Produktivität, Margen und Profite der US-Konzerne setzten zu einem ungeahnten Höhenflug an. Einer der größten Bullenmärkte des ausgehenden Jahrtausends war geboren: Bis zur Jahrtausendwende stieg der US-amerikanische S&P 500 um 1.500 Prozent. Die Zinsen langlaufender US-Staatsanleihen gaben im selben Zeitraum um rund 70 Prozent nach.
Nur wenige Wochen nach dem Millenniumswechsel kam der erste Megacrash: Die glitzernde Hightech-Welt der New Economy brach in sich zusammen. Es folgten die Anschläge vom 11. September 2001 und das Platzen der Blase am US-Hypothekenmarkt. Die Folgen sind bekannt.

Die heutige Welt ist geprägt von Unsicherheit

Die Welt zu Beginn des Trump-Zeitalters ist geprägt von Unsicherheit. Und das nicht nur ob der Unwägbarkeiten, die mit dem neuen Mann an der Spitze der größten Volkswirtschaft der Welt einhergehen. In der Folge der Globalisierung bewegen wir uns heute längst in einer multipolaren Welt, in welcher der globale Machtanspruch der USA durch mächtige Konkurrenten wie China oder Russland infrage gestellt wird. Mangels einer klaren Führung durch den Weltpolizisten USA nehmen die geopolitischen Unsicherheiten vielerorts weiter zu.

US-Gesellschaft driftet immer weiter auseinander

Globalisierung und Deregulierung können Wachstum bedeuten, aber auch einen reduzierten Schutz für Arbeiter und Angestellte. Die Mittelschicht schrumpft rasant – allen voran in den USA und Großbritannien. Gemessen am Median sind in den USA die realen Haushaltseinkommen 2015 zwar erstmals seit acht Jahren wieder gestiegen, sie erreichten aber lediglich das Niveau von 1995. Schon seit den 1980er-Jahren haben sich die Margen und die Produktivität zunehmend vom Lohnwachstum abgekoppelt. Von 2000 bis 2015 sank der Lohnanteil an den Erträgen der US-Konzerne um 7 Prozent, das entspricht 535 Milliarden US-Dollar.

Eine Entwicklung, die sich durch den Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation 2001 noch verschärfte und die sich durch die Digitalisierung potenziert. Wo auf der einen Seite neue Arbeitsplätze für Hochqualifizierte entstehen, werden auf der anderen Seite Jobs vernichtet. Googles selbstfahrende Autos etwa könnten dereinst das Aus für Taxi- und Lkw-Fahrer bedeuten, Amazons vollautomatische Supermärkte das Ende der Kassiererjobs.

Dass die Spannungen in der US-amerikanischen Gesellschaft zugenommen haben, liegt aber nicht nur an der ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen, sondern auch daran, dass die Bildungs- und Gesundheitskosten außer Kontrolle geraten sind. Ein Beispiel: Betrug die Summe der Zahlungsverpflichtungen aus offenen Studienkrediten in den USA 2004 noch rund 300 Milliarden US-Dollar, so liegt sie heute bei mehr als 1,2 Billionen US-Dollar. Geht es bei der Spanne zwischen Arm und Reich lediglich um größere Autos oder luxuriösere Häuser, so kann eine Gesellschaft das zumeist verkraften. Geht es aber um Notwendigkeiten wie eine gute Ausbildung oder eine angemessene Krankenversorgung für die Familie, so wird die Schere bei den Einkommen und Vermögen zu einem gesellschaftlichen Problem.

Ob zu Recht oder nicht: Trump weckt Amerikas Lebensgeister

Das Ergebnis kennen wir. In den USA heißt es Trump, in Großbritannien Brexit. Fast scheint es, dass die Wähler nun frei nach dem Motto des Dramatikers und Politikers George Bernard Shaw sagen: Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute, seht euch an, wo uns die Normalen hingebracht haben! Wie frustriert die US-amerikanische Bevölkerung in weiten Teilen zu sein scheint, zeigt nicht nur der Ausgang der US-Wahl, sondern auch die Reaktion auf den Sieg Trumps: Seit den Wahlen ist Erhebungen des Marktforschungsinstituts Gallup zufolge das Verbrauchervertrauen so rasant gestiegen wie seit neun Jahren nicht mehr.

Mit dem Einzug einer neuen Partei ins Weiße Haus werden seit jeher die Lebensgeister der Nation geweckt. Der Ökonom John Maynard Keynes sprach in diesem Zusammenhang von „animal spirits“, tierischen Instinkten. Dabei ist es zunächst einmal ganz egal, ob der Glaube an eine bessere Zukunft wirklich begründet ist oder eher auf tönernen Füßen steht. Der Glaube an Trump beflügelt nicht nur seine Wähler aus der weißen Arbeiterschicht. Microsoft-Mitbegründer und Multimilliardär Bill Gates etwa, der vor der Wahl kaum Sympathien für Trump aufbrachte, verglich ihn danach mit der Präsidentenikone John F. Kennedy. So wie dieser mit den Raumfahrtmissionen der NASA könne auch Trump das Land durch Innovation zusammenführen. Eine mutige Aussage.

Trump wird die USA verändern – abzuwarten bleibt wie

Mut und Hoffnung werden wir fortan in jedem Fall brauchen. Denn Amerika wird sich fundamental verändern, und das nicht immer im positiven Sinne. Neben den bereits genannten Steuererleichterungen für die Unternehmen und später auch für die Bevölkerung – inklusive einer Steueramnestie für im Ausland gebunkertes Kapital – sowie der geplanten Deregulierung und den Infrastrukturinvestitionen ist beispielsweise auch geplant, die unter dem Namen Obamacare von Trumps Vorgänger durchgeführte Gesundheitsreform zumindest in Teilen rückgängig zu machen. Nicht zuletzt könnten von der neuen US-Regierung Mitgliedschaften in internationalen Freihandelsabkommen gekündigt und neue Handelsbarrieren aufgebaut werden.

Selbst wenn nur ein Viertel der von Trump angekündigten Vorhaben umgesetzt wird, sollte die Wirtschaft profitieren. Zumal gelegentlich der Eindruck entsteht, dass Trumps Pläne von Experten ernster genommen werden als von ihm selbst.

Mein Fazit: Trump will Amerika „wieder groß machen“. Das ist ihm anscheinend schon vor seinem Amtsantritt gelungen. Doch mit den hochgeschraubten Erwartungen für die Wirtschaft und den Aktienmarkt ist im ersten Quartal auch Potenzial für Enttäuschung vorhanden. Solange die US-Notenbank Fed nur graduell die Zinsen normalisiert und die Wirtschaft auf einem moderaten Wachstumspfad bleibt, sollte selbst eine Korrektur dem Bullenmarkt kein Ende setzen. Alles Weitere muss das Trump-Zeitalter erst noch zeigen.

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