Die wichtigsten Fakten:

  • Kapitalmarktjahr 2018 geprägt von Verunsicherung
  • Realwirtschaftliche Aspekte sprechen für weiteres Wachstum
  • Anlegerstimmung könnte 2019 ins Positive drehen

Wenn die Wirtschaft solide wächst und die Unternehmen hohe Gewinne einfahren, ist das gemeinhin ein gutes Umfeld für steigende Aktienkurse. Dass dem nicht immer so ist, zeigte sich 2018: Die US-Wirtschaft beispielsweise wuchs um knapp 3 Prozent und die Gewinne der Unternehmen im S&P 500 legten durchschnittlich mehr als 20 Prozent zu. Trotzdem schloss der US-Leitindex das Jahr mit einem Minus von 4,4 Prozent ab. Doch wie lässt sich diese Diskrepanz erklären?

Tägliche Kapitalmarkteinschätzung per E-Mail. Jetzt informieren

Märkte vor ganz neuen Herausforderungen

Blickt man genauer auf die Situation im abgelaufenen Jahr, löst sich der scheinbare Widerspruch zwischen guten wirtschaftlichen Daten und schlechter Aktienmarktentwicklung schnell auf. Denn Anleger investieren weniger in die gegenwärtige Lage als in die Zukunft. Und dort sahen sie gleich mehrere Herausforderungen auf sich zukommen, die historisch ohne Präzedenzfall waren und folglich zu hoher Verunsicherung führten.

Das betraf unter anderem die möglichen Folgen des globalen Handelsstreits: Statt durch Protektionismus waren die vergangenen Jahrzehnte durch das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) und später die Welthandelsorganisation (WTO), also den Abbau von Handelshemmnissen, geprägt. Wie sich die internationalen Wertschöpfungsketten im Zuge der „America First“-Politik des US-Präsidenten verändern würden, war daher vollkommen unklar.

Darüber hinaus stellte sich 2018 zunehmend die Frage, wie sich die US-Wirtschaft im Zuge der milliardenschweren Entlastungen von US-Unternehmen und -Haushalten durch die Steuerreformen Donald Trumps tatsächlich entwickeln würde. Unklar war beispielsweise, in welchem Umfang Unternehmen das zusätzliche Geld über Investitionen in den realwirtschaftlichen Kreislauf einbringen werden. Zudem würde sich erst mit Beginn der Steuerrückerstattungen für Privathaushalte im Februar 2019 zeigen, ob der fiskalische Stimulus Verbraucher tatsächlich zu mehr Konsum anregt. Dieser Aspekt war und ist schwer einzuschätzen, da der Stimulus in eine wirtschaftliche Boomphase fällt, in der die Konsumneigung ohnehin hoch ist.

Der dritte Unsicherheitsfaktor war der Ausstieg der Notenbanken – allen voran der Fed und der EZB – aus ihrer ultralockeren Geldpolitik. Noch nie zuvor hatte es eine so lange Phase so billigen Geldes gegeben. Entsprechend weit gingen die Meinungen der Marktteilnehmer über den richtigen geldpolitischen Weg auseinander und entsprechend sensibel reagierten sie auf jede Verlautbarung der Währungshüter. Durch die Ankündigung von Fed-Chef Jerome Powell von Anfang Oktober 2018, die Leitzinsen aufgrund der dynamischen US-Konjunktur- und Beschäftigungsentwicklung möglicherweise über den „neutralen Zins“ anheben zu wollen, schienen sich die Befürchtungen der Marktpessimisten zu bestätigen – obwohl Powell im selben Atemzug betonte, dass man vom neutralen Niveau wohl „noch ein ganzes Stück“ entfernt sei. Der neutrale Zins ist ein theoretisches Konstrukt, bei dem sich Sparrate und Investitionen derart im Gleichgewicht befinden, dass die Wirtschaft weder stimuliert noch gebremst wird. Eine Anhebung des Leitzinses über das von Powell bei rund 3 Prozent veranschlagte Niveau hätte daher definitionsbedingt negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung.

Schließlich sorgten die Brexit-Verhandlungen für ständige Unruhe. Nur wenige Monate vor dem anstehenden Austrittstermin Großbritanniens aus der EU am 29. März 2019 verhärteten sich die Fronten immer stärker. Alles schien möglich, von einem neuerlichen Referendum bis hin zu einem ungeordneten Brexit, der sehr wahrscheinlich mit negativen Auswirkungen für beide Verhandlungspartner verbunden wäre.

Jeder der vier Punkte hatte für sich allein genommen das Potenzial, das Verhalten der Marktteilnehmer nachhaltig zu beeinflussen. Zusammengenommen führten sie in der Analystengemeinde zu einer großen Bandbreite an Prognosen, was die Verunsicherung der Investoren zusätzlich befeuerte. Hinzu kamen ab Mitte Oktober 2018 schwächer als erwartete Zahlen einzelner US-Techunternehmen, die die Anlegerstimmung weiter drückten. Dies ging so weit, dass der Markt eine Rezession einpreiste und es zu massiven Kursverlusten im vierten Quartal kam.

Wachstumshöhepunkt erreicht – aber keine Rezession in Sicht

Tatsächlich scheinen alle bedeutenden Volkswirtschaften ihren Wachstumshöhepunkt im vergangenen Jahr für diesen Zyklus überschritten zu haben. Und auch bei den Gewinnerwartungen der Unternehmen kommt es weltweit vermehrt zu negativen Revisionen. Die Gefahr einer kurz bevorstehenden Rezession sehe ich jedoch nicht. Denn im Gegensatz zur Entwicklung an den Kapitalmärkten – seien es die Verluste an den Börsen, die Flucht der Anleger in vermeintlich sichere Staatsanleihen, die Verflachung der US-Zinsstrukturkurve oder die Preisabschläge bei Öl und einigen Industriemetallen – sprechen wesentliche realwirtschaftliche Aspekte für weiteres Wachstum. Ein Business-Index des Research-Anbieters Evercore ISI beispielsweise, der eine sehr breite Palette von US-Konjunkturindikatoren wie Bankkredite, Autoverkäufe, Hausbaugenehmigungen, Flugreisen oder Investitionen berücksichtigt, bescheinigt der größten Volkswirtschaft der Welt auch für 2019 ein solides Wachstumspotenzial. Ich rechne mit einem Plus von 2,5 Prozent – weniger als in den Jahren zuvor, aber immer noch weit entfernt von einer Rezession. Weltweit erwarte ich nach 3,8 Prozent im Jahr 2018 für 2019 und 2020 jeweils ein Wachstum von rund 3,5 Prozent.

Marktausblick trotz anhaltender Risiken verhalten positiv

Aus meiner Sicht war die negative Entwicklung der Aktienmärkte zum Jahresende 2018 daher übertrieben. So entsprachen die Kursniveaus Ende Dezember in Modellrechnungen einem Einkaufsmanagerindex (PMI) von ungefähr 45 – was darauf hinweist, dass der Markt eine Rezession eingepreist hatte. Tatsächlich lagen und liegen die meisten PMIs der großen Wirtschaftsregionen aber weiterhin über der 50-Punkte-Marke, was wirtschaftliche Expansion anzeigt. Sollte es bei den oben angesprochenen Hauptherausforderungen – Handelsstreit, Entwicklung der US-Wirtschaft, Geldpolitik und Brexit – nicht zu negativen Überraschungen kommen, scheint mir ein leichter Anstieg der PMIs möglich. Dafür spricht unter anderem, dass sich China und die USA weiteren Verhandlungen im Zollstreit nicht grundsätzlich verschließen. Darüber hinaus erwarte ich beim Brexit, bevor es zu einem ungeordneten Austritt kommt, eher eine Einigung in letzter Minute oder eine zeitliche Verschiebung. Und die Fed hat in Anbetracht der Kapitalmarktverwerfungen und niedrigerer Inflationsraten zuletzt signalisiert, in diesem Jahr je nach Datenlage zurückhaltender agieren zu wollen als Anfang Oktober 2018 angekündigt: Statt mit drei Leitzinsschritten rechne ich für 2019 nur noch mit zwei Anhebungen. Der Markt geht derzeit sogar davon aus, dass die US-Leitzinsen im laufenden Jahr gar nicht mehr angehoben werden.

Nach Jahresverlusten an den Kapitalmärkten 2018: Anlegerstimmung könnte ins Positive drehen.

Anleger sollten ihre Erwartungen klar definieren

Bei allem verhaltenen Optimismus: Geblieben sind die Unsicherheiten bezüglich der marktbestimmenden Herausforderungen – in diesem Punkt ähnelt das laufende Jahr dem vorherigen. Hinzu kommt, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen insgesamt verschlechtert haben. Aber: Die angesprochenen Risiken scheinen in den Kursen bereits größtenteils eingepreist. Die jüngste Erholung an den Aktienmärkten ließe sich daher als allmähliche Normalisierung nach negativen Übertreibungen interpretieren.

Anleger sollten in dieser Phase ihre eigenen Erwartungen genau definieren und ihr Portfolio entsprechend chancenreicher oder defensiver ausrichten. Wer mit einer fortschreitenden Markterholung rechnet, dürfte in den kommenden Monaten gut mit Aktien fahren. Für vorsichtigere Anleger könnte sich neben Anleihen guter Bonität und Immobilien auch eine Absicherung über Anlagemöglichkeiten mit Kapitalschutz anbieten.



Aktuelle Marktkommentare erhalten Sie im täglichen Newsletter „PERSPEKTIVEN am Morgen“.

Jetzt anmelden

Anlagewissen

Redaktionsschluss: 31.01.2019