Die wichtigsten Fakten:

  • Indien ist eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften weltweit
  • Die Parlamentswahlen im Frühjahr 2019 sorgen bereits im Vorfeld für Verunsicherung
  • Die langfristigen Anlageperspektiven sind weiterhin interessant

Wenn in der größten Demokratie der Welt Parlamentswahlen sind, kann man dies nicht mit Wahlen anderer Demokratien vergleichen. Es gibt keine ersten Hochrechnungen um Punkt 18 Uhr, keine Elefantenrunde kurz darauf und kein vorläufiges Endergebnis am darauffolgenden Tag. Stattdessen gibt es regional unterschiedliche Wahltermine und die Auszählung der Stimmen endet erst einige Wochen nach dem ersten Urnengang. Warum das so ist, liegt auf der Hand: In Indien können nicht wie in Deutschland nur knapp 62 Millionen Menschen ihre Stimme abgeben, sondern rund 880 Millionen – das sind mehr Wahlberechtigte als in der Europäischen Union, den USA, Brasilien und Russland zusammengenommen. Um diese organisatorische Mammutaufgabe zu bewältigen, standen schon bei der vergangenen Parlamentswahl im Jahr 2014 mehr als 925.000 Wahllokale und 6,7 Millionen Wahlhelfer zur Verfügung.

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Kurzfristige Schwankungen – langfristiges Potenzial

Im April und Mai 2019 ist es wieder so weit: Vertreter mehrerer Hundert Parteien bewerben sich um die insgesamt 543 zu vergebenden Sitze im indischen Unterhaus. Für Indien ist dieser Urnengang wegweisend: Wird der zuletzt wirtschaftsfördernde Reformkurs von Narendra Modi bestätigt oder kann sich Rahul Gandhi mit dem Rückenwind aus den Regionalwahlen Ende 2018 durchsetzen? Noch ist der Ausgang der Wahl völlig offen. Beide großen Parteien Bharatiya Janata Party (BJP) mit Modi und Indian National Congress (INC) mit Gandhi schließen sich auf Landesebene mit kleineren Parteien zu konkurrierenden Bündnissen zusammen. Während die BJP konservative Werte vertritt, versucht sich der INC über Sozial- und Beschäftigungsprogramme zu profilieren. Die Deutsche Bank rechnet bis zum Ende des Wahlzeitraums mit einer erhöhten Schwankungsintensität an den indischen Kapitalmärkten, die sich nach dem Unsicherheitsfaktor Parlamentswahl verringern könnte. Langfristig jedoch sollte sich das hohe Wirtschaftswachstum fortsetzen und somit die Kursentwicklung am Aktienmarkt stützen.

Indien vor den Parlamentswahlen: kurzfristige Marktschwankungen möglich – langfristig als Anlageziel interessant.

Klarer Wahlausgang könnte Börse beflügeln

Äußere, vom Land selbst wenig beeinflussbare Faktoren wie der Ölpreis und der Kursverlauf des US-Dollars prägen Indiens Wirtschaftsentwicklung. Die Gründe liegen in Indiens Leistungsbilanzdefizit und dem Status als Nettoölimporteur. Als indische Aktien am 10. August 2018 in Euro gerechnet ihr Allzeithoch erreichten, hatte der Index MSCI India seit Jahresbeginn um 4,3 Prozent zugelegt. Anschließend nahmen die Schwankungen allerdings zu, auch weil der Preis für die Nordsee-Ölsorte Brent von etwas über 70 USD pro Barrel (1 Fass = 159 Liter) auf mehr als 85 USD anstieg. In dieser Zeit gab der MSCI India wieder nach und erreichte im Oktober seinen Tiefstand – nun stand seit Jahresbeginn ein Verlust von 14,6 Prozent zu Buche. Bis Ende des Jahres fiel der Ölpreis wieder deutlich. Damit konnten sich auch indische Aktien erholen und schlossen das Jahr 2018 in Euro gerechnet mit einem Minus von 2,5 Prozent ab. Neben dem Zusammenhang zwischen der indischen Aktienmarktentwicklung und dem Ölpreisverlauf belasteten auch die politischen Entwicklungen die indische Börse. Beispielsweise sorgte der Rücktritt des Zentralbankgouverneurs Urjit Patel im Dezember nach Unstimmigkeiten mit der Regierung von Premierminister Narendra Modi für Unsicherheit. Mehr Stabilität am indischen Aktienmarkt erwartet die Deutsche Bank für die Zeit nach den kommenden Parlamentswahlen. Voraussetzung dafür sind jedoch klare Mehrheitsverhältnisse, die die aktuellen Verunsicherungen über die zukünftige politische Ausrichtung verringern sollten und eine Grundlage für die Durchsetzungsfähigkeit anstehender Reformen bieten.

Hohes Wirtschaftswachstum in Indien

Aufgrund der politischen Unsicherheiten und sich dadurch möglicherweise verzögernden Investitionen könnte die indische Wirtschaft im ersten Quartal 2019 „nur“ mit auf das Jahr hochgerechnet unter 7 Prozent wachsen. Zumal eine Belastung der Kreditvergabe durch die vorangetriebene Bankenkonsolidierung eine weitere Herausforderung darstellt. Nach der Wahl sollten die möglicherweise zurückgehaltenen Investitionen jedoch nachgeholt werden und die Konjunktur wieder stützen. Im Gesamtjahr 2019 wird ein Zuwachs des indischen Bruttoinlandsprodukts von rund 7,0 Prozent erwartet.

Ein Investmentziel für Anleger mit langfristigem Horizont

Insgesamt bleibt Indien ein Investmentziel, das insbesondere für entsprechend risikobereite Anleger mit langem Atem interessant sein dürfte. Besonders das von der Analystengemeinde erwartete Gewinnwachstum der Unternehmen im MSCI India von 24,5 Prozent im Jahr 2019 und 16,0 Prozent im Jahr 2020 lässt weiterhin auf steigende Kurse hoffen. Zudem liegt die Bewertung indischer Aktien mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwas über 17 auf Basis der Gewinnerwartungen für 2019 in etwa auf dem 5-Jahres-Durchschnitt. Weiterhin sollte das in der Spitze hohe Bildungsniveau zukünftig unternehmerisches Wachstum und Innovationen fördern, die nachhaltig von der guten demografischen Struktur des Landes mit vielen jungen Menschen und einem anhaltenden Bevölkerungswachstum unterstützt werden.

Fortschritt durch Reformen in Indien möglich

Herausforderungen wie die unzureichende Infrastruktur oder das teilweise sehr heterogene Bildungsniveau hingegen lasten weiterhin auf der volkswirtschaftlichen Entwicklung Indiens. Nur rund ein Drittel der Bevölkerung nutzt regelmäßig das Internet, die geschätzte Analphabetenquote liegt bei 25 Prozent. Sie bieten gleichzeitig aber auch großes Verbesserungs- und Wachstumspotenzial, sofern der Reformwille und die Investitionsbereitschaft im Land anhalten. Zentrale Projekte wie der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel und -wege, des Datennetzes sowie die Schaffung von Bildungsangeboten für alle Bevölkerungsschichten könnten helfen, das Potenzialwachstum zu entfalten. Positiv stimmt bereits, dass die Anzahl an Uni-Absolventen im Jahr 2017 mit über 8,5 Millionen vergleichsweise hoch ist. Als richtungsweisender Schritt beziehungsweise entscheidendes Signal für den Fortschritt Indiens ist insbesondere der Ausgang der Parlamentswahl 2019 wichtig.



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Redaktionsschluss: 03.01.2019