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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
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23. Oktober 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

die deutschen Fiskalpakete kommen langsamer voran als erwartet, das höhere Zinsniveau setzt vor allem schwächere Schuldner unter Druck, und frühe KI-Anwender verzeichnen eine stärkere Einstellungsdynamik.

Deutschland: Fiskalische Impulse kommen langsamer als erwartet

Die deutschen Fiskalpakete kommen voran, bislang jedoch langsamer als erwartet. In den ersten neun Monaten des Jahres beliefen sich die Ausgaben des Bundes auf 369,6 Milliarden Euro – zwei Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und rund 68 Prozent des für 2026 vorgesehenen Ausgabenvolumens von 524,5 Milliarden Euro. Treiber des Anstiegs war höherer Staatskonsum, insbesondere Rentenzuschüsse und militärische Beschaffung. Die Investitionsausgaben blieben dagegen schwächer. Auch die kombinierten Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur aus Kernhaushalt und Sondervermögen liegen mit rund 30 Prozent beziehungsweise 20 Prozent der Zielwerte unter den Regierungsplänen. Insgesamt könnte dies darauf hindeuten, dass die fiskalischen Impulse die Realwirtschaft erst später erreichen und kurzfristig geringer ausfallen als erwartet.

US-Unternehmensanleihen: Schwache Bonität wird deutlich teurer

Das höhere Zinsniveau setzt vor allem schwächere Schuldner unter Druck. Besonders sichtbar ist dies bei US-Unternehmensanleihen mit geringer Bonität. Die Rendite von Anleihen mit „CCC“-Rating ist seit Mitte August von rund 14,4 Prozent auf zuletzt etwa 18 Prozent gestiegen. Auch die Renditeaufschläge gegenüber US-Staatsanleihen vergleichbarer Laufzeit sind seit Mitte August von etwa 10,1 auf 13,3 Prozentpunkte gestiegen.

Papiere mit „BB“- beziehungsweise „B“-Rating rentieren dagegen mit rund 7,0 Prozent beziehungsweise 8,3 Prozent. Die wachsenden Unterschiede zeigen, dass Anleger stärker zwischen soliden und finanziell angespannten Unternehmen differenzieren. Hohe Verschuldung und anstehende Refinanzierungen zu höheren Zinsen belasten vor allem Emittenten mit geringer Bonität. Die hohen Renditen spiegeln gestiegene Ausfallrisiken wider. In einem Umfeld mit länger erhöhten Zinsen sollten Anleger daher verstärkt auf Qualität, tragfähige Verschuldung und verlässliche Zahlungsströme achten.

Frühe KI-Anwender können ihre Wettbewerbsposition stärken

Die bisherigen Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz haben die Nachfrage nach Arbeitskräften verändert. Eine Studie des Internationalen Währungsfonds auf Basis von mehr als 700 Millionen Online-Stellenanzeigen aus 110 Volkswirtschaften zwischen November 2021 und April 2026 zeigt, dass die Einstellungsdynamik in besonders KI-exponierten Berufen zwar nachgelassen hat, sich der Rückgang trotz des rasanten technologischen Fortschritts jedoch stabilisiert. Gleichzeitig verzeichneten Unternehmen mit einer frühen KI-Adoption ein stärkeres Wachstum der Stellenausschreibungen als Nicht-Anwender, besonders für Positionen mit KI-bezogenen Kompetenzen. Da 2025 erst rund 20 Prozent der OECD-Unternehmen KI eingeführt hatten, steht die Verbreitung der Technologie noch am Anfang. Für Investoren deutet die Studie darauf hin, dass frühe KI-Anwender ihre Wettbewerbsposition stärken können.

Chinas Stromnetz-Offensive: Wer vom Milliarden-Ausbau profitiert

In China sieht der aktuelle Fünfjahresplan 2026 bis 2030 Investitionen in Stromnetze von fünf Billionen Yuan – rund 670 Milliarden Euro – vor. Allein der größte Netzbetreiber will 40 Prozent mehr investieren als im vorangegangenen Fünfjahresplan. Im Fokus stehen Ultrahochspannungsleitungen und überregionale Übertragungskapazitäten, um den steigenden Strombedarf und den Ausbau Erneuerbarer Energien zu bewältigen. Davon profitieren vor allem chinesische Netztechnik- und Elektroausrüster, deren Aktien den Gesamtmarkt im vergangenen Monat um mehr als zehn Prozentpunkte übertrafen. Für hiesige Privatanleger sind viele dieser Titel allerdings nur schwer zugänglich. Eine Alternative könnten deutsche oder europäische Anbieter von Netztechnik, Transformatoren und Hochspannungssystemen mit starkem China-Geschäft sein, denen zugleich der weltweit steigende Investitionsbedarf in Stromnetze Rückenwind verschafft.

Weltindex mit Schlagseite: Wie gefährlich sind hohe Gewichtungen?

Weltweit investieren und automatisch breit diversifiziert sein? Ganz so einfach ist es nicht. In großen Aktienindizes wie dem MSCI World oder dem S&P 500 sorgen hochkapitalisierte US-Unternehmen für starke Länder-, Branchen- und Einzelwertgewichtungen. Gleichgewichtete Indizes und Varianten wie „World ex USA“ bieten Alternativen, sind aber nicht automatisch die bessere Wahl. Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich diskutieren in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts die Vor- und Nachteile verschiedener Indexkonzepte und erklären, worauf Anleger bei der Auswahl achten sollten.

Zahl des Tages: 132

Am 24. Oktober 1828 gründete der königlich-sächsische Rentamtmann Karl Benjamin Preusker in Hayn, dem heutigen Großenhain nördlich von Meißen, die „Vaterländische Bürger-Bibliothek“. Zunächst für Lehrer, Schüler und Gewerbetreibende geöffnet, wurde sie wenige Jahre später zur Stadtbibliothek erweitert. Diese erste öffentliche Bibliothek Deutschlands hatte zu Beginn einen Bestand von 132 Bänden und war sonntags für eine Stunde geöffnet. Der Tag der Bibliotheken morgen erinnert an die Bibliothek von Großenhain und daran, wie wichtig der öffentliche Zugang zu Büchern und anderen Medien ist – von der Dorfbücherei bis zur Deutschen Nationalbibliothek mit ihren 431 Regalkilometern im Magazin. 

Ich wünsche Ihnen einen erlesenen Tag. 

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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