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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
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9. Juli 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

die Börsen gerieten gestern deutlich unter Druck, nachdem US-Präsident Donald Trump die Waffenruhe mit dem Iran für beendet erklärt hatte. Der MSCI Asia ex Japan Index verlor 2,11 Prozent, der STOXX 600 1,6 Prozent und der S&P 500 zeitweise 1,1 Prozent. Auslöser waren neue Spannungen im Nahen Osten und Angriffe auf Schiffe in der Straße von Hormus. Die USA reagierten mit dem Beschuss von Zielen im Iran. Zugleich kündigte der amerikanische Präsident die Waffenruhe auf und drohte mit weiteren Angriffen. Die iranischen Ölexporte sollen erneut unterbunden werden. Der Ölpreis sprang zunächst kräftig an – Brent verteuerte sich um acht Prozent auf über 80 US-Dollar je Barrel. Insgesamt kommt die Eskalation nicht überraschend – wir hatten damit gerechnet, dass es während der 60-tägigen Verhandlungen zu Störungen und Volatilität kommen könnte. Die Märkte scheinen aber von einer Wiederaufnahme der Gespräche auszugehen. Immerhin erholten sich die US-Märkte im Handelsverlauf von ihren Tiefstständen.

MSCI Greece: Rally trotz Hormus-Krise

Der MSCI Greece Index zählt mit einem Anstieg von rund 20 Prozent seit Jahresbeginn zu den renditestärksten Aktienmärkten Europas. Auch die Krise rund um die Straße von Hormus belastete den Markt bislang nur begrenzt – trotz zwischenzeitlicher Schwankungen legte der Index seit Beginn der Krise Ende Februar um mehr als 13 Prozent zu. Im Falle einer erneuten Eskalation des Konflikts dürfte sich der griechische Aktienmarkt vergleichsweise resilient zeigen. Finanzwerte machen rund 70 Prozent des Index aus und profitieren vom aktuell erhöhten Zinsniveau sowie von einer robusten Kreditnachfrage im Zuge des anhaltenden Wirtschaftswachstums. Dieses wird vor allem von der starken Binnennachfrage getragen. Zusätzliche Impulse kommen von den exportorientierten Sektoren Schifffahrt und Raffinerien, die zusammen rund 35 Prozent der Exporte ausmachen und in einem geopolitisch angespannten Umfeld von höheren Frachtraten und steigenden Raffineriemargen profitieren könnten. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI Greece liegt derzeit rund sechs Prozent unter seinem Zehn-Jahres-Durchschnitt. Eine Beimischung griechischer Aktien könnte insbesondere nach einer Beruhigung der aktuellen geopolitischen Lage und bestätigter Bodenbildung an den Aktienmärkten in Betracht gezogen werden.

Ungarn platziert erstmals seit Regierungswechsel Euro-Bonds

Ungarn hat zu Wochenbeginn erstmals seit dem Wahlsieg von Ministerpräsident Péter Magyar Mitte April Euro-Staatsanleihen begeben. Platziert wurden zwei Tranchen über jeweils 1,5 Milliarden Euro mit Laufzeiten bis März 2032 und Mai 2037. Die Nachfrage übertraf das Angebot deutlich, besonders bei der länger laufenden Anleihe. Das Interesse spiegelt die Erwartung wider, dass Ungarn nach dem Regierungswechsel wieder Zugang zu umfangreichen Mitteln der Europäischen Union erhält und ab 2030 den Euro einführen will. Die Renditen sind zuletzt spürbar gefallen; zehnjährige Anleihen rentieren seit ihrem März-Hoch fast zwei Prozentpunkte niedriger. Damit haben sich ungarische Staatsanleihen stark entwickelt: Ihre Renditen nähern sich denen Großbritanniens an und liegen inzwischen unter denen Polens. Kurzfristig dürfte das Kurspotenzial weitgehend ausgeschöpft sein, da viele positive Faktoren bereits eingepreist sind und das Haushaltsdefizit 2026 wohl höher ausfallen wird als geplant. Mittelfristig könnten sich die Renditen jedoch weiter denen der Eurozone annähern, sofern Ungarn die Beitrittskriterien erfüllt und dem Euroraum beitritt.

Japans Anleihemarkt vor dem Wendepunkt?

Die Renditen japanischer Staatsanleihen stiegen am Mittwoch weiter an: Titel mit zehnjähriger Laufzeit rentieren bei 2,87 Prozent, 20-jährige bei 3,75 Prozent – jeweils auf dem höchsten Stand seit 1996.

Auslöser des erneuten Renditesprungs waren zum einen steigende Ölpreise infolge der erneut eskalierten Spannungen im Nahen Osten. Zum anderen verteuert die Yen-Schwäche Importe und erhöht tendenziell die Inflation, ebenso wie die zusätzlichen fiskalischen Stimulusmaßnahmen der Regierung. Letztere beleben zudem Diskussionen über die langfristige Tragfähigkeit der Staatsfinanzen. Auch die weiterhin vorsichtige Geldpolitik der Bank of Japan verstärkt die Inflationssorgen. Mittlerweile dürfte jedoch ein Großteil der fiskalischen Risiken eingepreist sein, sodass die Renditen der Langläufer nicht mehr signifikant ansteigen sollten. Für risikobereite Anleiheinvestoren, die zudem mit einer mittelfristigen Aufwertung des Yen rechnen, könnten die Titel einen Blick wert sein.

Nach 21 Prozent Plus: Thailands Aktien brauchen neue Gewinnfantasie

Der thailändische Aktienmarkt zählt mit einem Plus von knapp 21 Prozent in Euro seit Jahresbeginn zu den weltweit stärksten Börsenplätzen. Die Kursrally hat sowohl binnenwirtschaftliche als auch externe Ursachen. Staatlich subventionierte Energiepreise, ein niedriger Leitzins und steigende Touristenzahlen stützen die schrittweise konjunkturelle Erholung. Nach einem erwarteten Wachstum von 1,5 Prozent in diesem Jahr rechnet der Internationale Währungsfonds für 2027 mit einer Beschleunigung auf 2,1 Prozent. Zusätzlichen Rückenwind liefert der weltweite Boom rund um Künstliche Intelligenz: Einige thailändische Technologiehersteller – die etwa ein Viertel der Marktkapitalisierung des Leitindex SET ausmachen – haben sich im internationalen Wettbewerb als wichtige Zulieferer für Schlüsselkomponenten für Rechenzentren etabliert. Zudem waren internationale Anleger nach mehreren schwachen Jahren nur gering an der Bangkoker Börse engagiert, sodass bereits moderate Kapitalzuflüsse die Kurse deutlich beflügelten. Allerdings erscheint die Bewertung thailändischer Aktien im historischen Vergleich inzwischen nicht mehr günstig. Weiteres Kurspotenzial dürfte daher zunehmend auch von steigenden Erwartungen an die Gewinne thailändischer Unternehmen abhängen.

Halbzeit an der Börse: Rekorde trotz Krisen

Das erste Börsenhalbjahr fällt stark aus: Trotz geopolitischer Spannungen erreichen wichtige Aktienmärkte Rekorde. Getrieben wird die Rally allerdings vor allem von wenigen großen Gewinnern – insbesondere aus dem Umfeld der Infrastruktur rund um Künstliche Intelligenz. Wie robust diese Entwicklung wirklich ist, welche Märkte vorn liegen und was Anleger jetzt beachten sollten, analysieren Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts.

Zahl des Tages: 20

Der Frühmensch Homo naledi, der vor rund 300.000 Jahren im Süden Afrikas lebte, machte schon einmal Schlagzeilen. Forscher hatten tief in einer Höhle bei Johannesburg seine Fossilien gefunden und die umstrittene These aufgestellt, dass der Ort eine sehr frühe Begräbnisstätte gewesen sein könnte. Ein Team um Palesa Madupe von der Universität Kopenhagen hat dem Fund nun ein weiteres Rätsel hinzugefügt: Die Wissenschaftler analysierten den Zahnschmelz von 20 jungen und erwachsenen Individuen aus der Höhle und stellten fest, dass alle weiblich waren. Dies würde dafür sprechen, dass die Frühmenschen tatsächlich gezielt die Höhle aufgesucht hatten oder dort bestattet wurden. Wie jedoch Homo naledi – mit einem Gehirn kaum größer als das eines Schimpansen – Begräbnisrituale entwickeln konnte, ist völlig unklar.

Knacken Sie heute ein Rätsel.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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