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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
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8. Juli 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

die Gewinnerwartungen für Europas Konzerne steigen, spanische Aktien zeigen sich trotz Hormus-Krise robust, und asiatische Schwellenländeraktien stehen im Spannungsfeld zwischen kräftigen Gewinnperspektiven und Kapitalabflüssen.

Berichtssaison Europa: Start mit hohen Gewinnerwartungen

Wie gut Europas Unternehmen das von geopolitischen Spannungen und hohen Energiepreisen geprägte zweite Quartal gemeistert haben, dürfte die bevorstehende Berichtssaison zeigen. Die Gewinnerwartungen sind zuletzt gestiegen: Analysten rechnen derzeit mit einem Gewinnwachstum der STOXX-600-Unternehmen von durchschnittlich 14,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Den größten Beitrag dazu dürfte der Energiesektor leisten: Dank eines im Quartal durchschnittlich 97 US-Dollar je Barrel betragenden Brent-Ölpreises – rund 45 Prozent höher als im Vorjahr – wird dort mindestens eine Verdopplung der Gewinne erwartet. Auch für die Sektoren Grundstoffe, Technologie und Zyklischer Konsum werden zweistellige Gewinnzuwächse prognostiziert, während für Gesundheitswerte und Versorger leichte Gewinnrückgänge erwartet werden. Außer auf die Quartalszahlen werden die Marktteilnehmer insbesondere auf die Aussagen der Firmenchefs achten. Die zuletzt gesunkenen Ölpreise könnten den Druck auf konjunktursensitive Unternehmen, ihre Ausblicke nach unten anzupassen, verringert haben. Die Berichtssaison in Europa läuft bis Ende August, wobei der Großteil der europäischen Marktkapitalisierung bereits bis Ende Juli berichtet haben wird.

Spanische Aktien auf Rekordkurs

Der MSCI Spain Index stieg seit Jahresbeginn um über 17 Prozent und markierte zuletzt ein Allzeithoch. Auch die Krise rund um die Straße von Hormus belastete den Markt kaum – seit Ende Februar legte der Index um knapp elf Prozent zu.

Insgesamt wird die Entwicklung von der robusten spanischen Wirtschaft gestützt. Für 2026 erwarten Analysten ein Wachstum von 2,3 Prozent und damit die höchste Wachstumsrate unter den großen Volkswirtschaften der Eurozone. Unterstützt wird dies durch die starke Binnennachfrage – dem wichtigsten Wachstumstreiber – sowie die dienstleistungsorientierte Exportstruktur, die Spanien weniger anfällig für den Energiepreisschock infolge der Hormus-Krise machen. Zudem erhält der spanische Aktienmarkt Rückenwind durch die aktuelle Rotation von Technologie- in zyklische Werte. Davon profitiert insbesondere der Finanzsektor, der knapp die Hälfte des Index ausmacht und von dem höheren Zinsumfeld gestützt wird. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des Index liegt aktuell knapp zwölf Prozent über dem Zehn-Jahres-Durchschnitt und spricht gegen eine günstige Bewertung. Angesichts der robusten Konjunktur und der aktuellen Marktrotation kann eine Beimischung spanischer Aktien dennoch erwogen werden.

Steigende Realzinsen erhöhen Bewertungsdruck bei Technologiewerten

Das aktuelle Marktumfeld ist weiterhin durch erhöhte Nominalzinsen und Realrenditen geprägt – reale Renditen entsprechen inflationsbereinigten Zinsen und spiegeln somit die tatsächlichen Finanzierungskosten wider. Während die Rendite zehnjähriger US‑Staatsanleihen seit Jahresbeginn um rund 0,25 Prozentpunkte gestiegen ist, haben die Realrenditen im gleichen Zeitraum um knapp 0,35 Prozentpunkte zugelegt und liegen derzeit auf dem Jahreshöchststand von rund 2,2 Prozent. Dieser Anstieg zeigt sich bei kürzeren Laufzeiten – etwa bei fünf Jahren – noch ausgeprägter. Der leicht überproportionale Anstieg der Realzinsen ist auf rückläufige Inflationserwartungen bei gleichzeitig steigenden Nominalzinsen zurückzuführen. Insgesamt ergeben sich daraus restriktivere Finanzierungsbedingungen. Für den Technologiesektor wirkt dies vor allem über den Bewertungsmechanismus: Tech‑Aktien reagieren besonders sensibel auf steigende Realzinsen, da zukünftige Erträge stärker abgezinst werden – das reduziert den Gegenwartswert der Gewinne und damit der Unternehmen. Diese Reduktion der impliziten Bewertungsmultiplikatoren erhöht die Korrekturanfälligkeit bei Stimmungsumschwüngen. Gleichzeitig bleibt die Innovationsdynamik im Sektor Künstliche Intelligenz intakt, sodass die hohen Wachstumsperspektiven die Belastungen durch höhere Finanzierungskosten deutlich überkompensieren dürften.

Trotz starker Gewinnaussichten: Kapitalabflüsse treffen Asiens Tech-Schwergewichte

Asiatische Schwellenländeraktien stehen im Spannungsfeld zwischen kräftigen Gewinnperspektiven und Kapitalabflüssen. Ausländische Investoren zogen im ersten Halbjahr rund 137 Milliarden US-Dollar ab – der stärkste Sechs-Monats-Abfluss seit 2010. Besonders betroffen waren Südkorea und Taiwan mit rund 71 und 30 Milliarden US-Dollar. Die Abflüsse spiegeln Gewinnmitnahmen und den Abbau von Konzentrationsrisiken wider, da die Rally stark von wenigen führenden Chipherstellern getragen wurde. Zusätzlich belasten hohe Investitionen in neue Speicherchipkapazitäten, weil sie das Risiko späterer Überkapazitäten erhöhen. Gleichzeitig bleiben die Investitionen der Hyperscaler in Rechenzentren ein wichtiger Treiber der Halbleiternachfrage. Die Nachhaltigkeit dieser Investitionen hängt jedoch davon ab, ob Unternehmen Künstliche Intelligenz breiter einsetzen und damit messbare Produktivitätsfortschritte erzielen. Die hohe Volatilität zeigt, dass Anleger diesen Übergang weiter mit Unsicherheit bewerten. Analysten bleiben zuversichtlich, haben in den letzten Monaten ihre Gewinnerwartungen für MSCI-EM-Asia-Unternehmen deutlich nach oben korrigiert und rechnen nun mit knapp 44 Prozent Gewinnwachstum in den nächsten zwölf Monaten. Zudem liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis mit rund zwölf unter dem Zehn-Jahres-Median. Für langfristig orientierte Anleger könnten Rücksetzer gute Einstiegschancen bieten.

Halbzeit an der Börse: Rekorde trotz Krisen

Das erste Börsenhalbjahr fällt stark aus: Trotz geopolitischer Spannungen erreichen wichtige Aktienmärkte Rekorde. Getrieben wird die Rally allerdings vor allem von wenigen großen Gewinnern – insbesondere aus dem Umfeld der Infrastruktur rund um Künstliche Intelligenz. Wie robust diese Entwicklung wirklich ist, welche Märkte vorn liegen und was Anleger jetzt beachten sollten, analysieren Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts.

Zahl des Tages: 10

Westlich des Genfer Sees liegt der größte Teilchenbeschleuniger der Welt. Hauptkomponente des Large Hadron Colliders (LHC) ist ein fast 27 Kilometer langer Ringtunnel tief unter der Erde, in dem winzige Teilchen fast auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und zur Kollision gebracht werden. Doch seit Ende Juni liegt die Anlage still. Der LHC wird modernisiert, um die Anzahl der möglichen Kollisionen – die sogenannte Luminosität – um den Faktor zehn zu erhöhen. Frühestens 2030 soll der aufgerüstete Beschleuniger dann neue Erkenntnisse zum Beispiel über Dunkle Materie liefern. Bis dahin gibt es aber noch viel zu tun: Allein das Abpumpen des flüssigen Heliums, mit dem die Magnete des LHC gekühlt werden, soll mindestens einen Monat dauern. 

Ich wünsche Ihnen einen leistungsfähigen Tag.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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