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4. November 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

Künstliche Intelligenz verändert den deutschen Arbeitsmarkt, der Anteil Taiwans und Südkoreas am asiatischen Aktienmarkt wächst, und Staatsanleihen aus Australien könnten einen Blick wert sein.

KI in Deutschland: bislang kein breiter Stellenabbau, aber neue Aufgaben

Laut aktuellen Studien führt der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in Deutschland bislang nicht zu einem breiten Stellenabbau, verändert aber zunehmend Aufgaben und benötigte Qualifikationen. Laut ifo Institut nutzt inzwischen mehr als die Hälfte der Unternehmen KI in ihren Geschäftsprozessen. Daten der Jobplattform Indeed zeigen zudem, dass im August bereits in über fünf Prozent der deutschen Stellenanzeigen ausdrücklich KI-Kenntnisse gefragt waren – fast doppelt so viel wie vor einem Jahr. Die Auswirkungen auf die Beschäftigung dürften jedoch mittelfristig überschaubar bleiben: Einer Studie des US-Forschungsinstituts NBER zufolge erwarten 81 Prozent der befragten Unternehmen hierzulande in den kommenden drei Jahren keinen KI-bedingten Beschäftigungseffekt. KI dürfte daher zunächst weniger Arbeitsplätze ersetzen, sondern vor allem die Aufgaben, Anforderungen und Verdienstmöglichkeiten der Beschäftigten verändern. Beschäftigte mit geringer Berufserfahrung könnten unter Lohndruck geraten, während erfahrene, höher qualifizierte Beschäftigte eher profitieren dürften. Weiterbildung gewinnt daher an Bedeutung.

Taiwan und Südkorea als Index-Schwergewichte

In den kommenden Wochen überprüfen die großen Indexanbieter die Zusammensetzung ihrer Aktienindizes. Den Auftakt machte im Oktober bereits der japanische Leitindex TOPIX. Nun folgen MSCI, FTSE und weitere Leitindizes aus der Region Asien-Pazifik; ihre Änderungen treten bis Mitte Dezember in Kraft. Da viele Fonds diese Indizes nachbilden, müssen sie aufgenommene Aktien kaufen und gestrichene verkaufen. Das kann die Kurse der betroffenen Werte spürbar bewegen. In den vergangenen Jahren entwickelten sich neu aufgenommene Aktien nach der Bekanntgabe oft besser als gestrichene. Dieser Vorsprung schmolz jedoch häufig, sobald die Änderungen wirksam wurden – die Chancen dürften daher begrenzt sein.

Aufschlussreicher als die einzelnen Anpassungen ist, wie stark sich die Indizes der Region über die Jahre gewandelt haben. Angetrieben vom Boom im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) haben die Chipunternehmen Taiwans und Südkoreas das gemeinsame Gewicht beider Länder im MSCI AC Asia auf knapp 40 Prozent gesteigert. Seit Anfang Mai hoben Analysten die 2027er-Gewinnprognosen für taiwanische und südkoreanische Unternehmen um über 30 und knapp 50 Prozent an. China – einst Asiens größter Schwellenländer-Aktienmarkt – macht heute nur noch rund 15 Prozent des Index aus. Der anhaltend schwache Binnenkonsum drückt die Gewinnerwartungen der stark auf den heimischen Markt ausgerichteten Unternehmen. Zugleich belasten geopolitisch bedingt hohe Ölpreise viele Länder der Region. Während Taiwan und Südkorea vom KI-Boom profitieren und attraktiv erscheinen, kämpfen andere Länder mit strukturellen Problemen und geopolitischen Unsicherheiten.

Australiens Notenbank am Ende des Zyklus?

Australiens Notenbank hob den Leitzins gestern erwartungsgemäß von 4,60 auf 4,85 Prozent an. Mit der fünften Erhöhung in diesem Jahr reagiert sie auf die hartnäckige Inflation, die erst Ende 2027 wieder unter drei Prozent fallen dürfte. Drei der neun Ratsmitglieder stimmten für unveränderte Zinsen. Die Märkte werteten dies als Signal für ein mögliches Ende des Straffungszyklus, woraufhin die Anleiherenditen nachgaben. Dass australische Staatspapiere – nach ihren britischen Pendants – dennoch die höchsten Renditen unter den größeren Industrieländern bieten, liegt weniger an fiskalischen Risiken als an der Abhängigkeit von Auslandskapital. Trotz Handelsüberschüssen weist Australien wegen seiner Zins-, Dividenden- und Gewinnzahlungen auf den ausländischen Kapitalbestand seit gut drei Jahren regelmäßig Leistungsbilanzdefizite auf. Der damit verbundene Bedarf an Kapitalzuflüssen kann bei sinkender globaler Risikobereitschaft Währung und Anleihen belasten und höhere Risikoaufschläge erfordern. Dennoch könnten zehnjährige australische Staatsanleihen bei Renditen von 5,1 Prozent einen Blick wert sein.

US-Zwischenwahlen: Startschuss für die nächste Börsenrally?

Die US-Zwischenwahlen rücken näher und könnten auch an den Börsen für Bewegung sorgen. Die Vergangenheit zeigt: Nach den Midterms liefen US-Aktien oftmals besonders gut. Gleichzeitig liefern starke Unternehmensgewinne Rückenwind. Auch die Aussichten rund um Künstliche Intelligenz bleiben vielversprechend, werden angesichts hoher Investitionen aber zunehmend kritisch hinterfragt. Politische und wirtschaftliche Unsicherheiten bleiben ebenfalls bestehen. Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich ordnen ein, was die Wahl für die Märkte bedeutet – und ob die Voraussetzungen für eine weitere Börsenrally stimmen.

Zahl des Tages: 32,7

Von Qin Shihuangdi, dem ersten Kaiser von China, ist bekannt, dass er sein Mausoleum bei Xi’an von tausenden Terrakotta-Soldaten in Lebensgröße schützen ließ. Bedeutend weniger weiß man über die Handwerker, die diese spektakuläre Tonarmee vor über 2.000 Jahren modellierten. Shen Jingyi von der chinesischen Shandong University und Kollegen stellten jetzt fest: Rund ein Drittel der Tonarbeiter war offenbar weiblich. Denn 32,7 Prozent der im Ton erhaltenen Fingerabdrücke ließen sich Frauen zuordnen, 45 Prozent waren Männer, der Rest entfiel auf Kinder. Für ihre Studie untersuchte Shen 79 gut erhaltene Abdrücke auf 36 Tonfiguren und verglich ihre Größe und Form mit modernen Fingerabdruckdateien. Das Ergebnis kam überraschend – bislang waren die Tonsoldaten überwiegend für das Werk männlicher Handwerker gehalten worden. 

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Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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