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28. Oktober 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

die Erdgaspreise in den USA und in Europa haben sich zuletzt deutlich auseinanderentwickelt, das Pfund Sterling notiert nahe mehrjähriger Höchststände, und der globale KI-Boom wird auch für Teile der europäischen Industrie zum Wachstumstreiber.

Gaspreise driften dies- und jenseits des Atlantiks auseinander

Die regionalen Erdgaspreise haben sich zuletzt deutlich auseinanderentwickelt. In den USA gerieten die Preise zuletzt stark unter Druck und fielen an den Terminmärkten für den zentralen Preisreferenzpunkt Henry Hub auf ein Sechs-Monats-Tief. Seit Jahresbeginn haben die Notierungen damit rund 30 Prozent nachgegeben. Auslöser des jüngsten Preisrückgangs war eine merkliche Verschiebung der Wetterprognosen hin zu spürbar wärmeren Temperaturen für die kommenden beiden Wochen. Die Märkte rechnen zunehmend mit einem ungewöhnlich milden Winter infolge des Wetterphänomens El Niño, was die Erdgasnachfrage in den USA spürbar dämpfen dürfte. Entsprechend haben spekulativ orientierte Anleger an den US-Terminbörsen ihre Positionen, die von fallenden Erdgaspreisen profitieren würden, auf ein Rekordniveau ausgeweitet. Solange keine kälteren Wetterprognosen die Nachfrageaussichten verbessern, dürfte der Preisdruck anhalten.

Ganz anders stellt sich die Lage in Europa dar: Hier hat sich der europäische Referenzpreis an der niederländischen Terminbörse TTF in diesem Jahr auf rund 97 Euro je Megawattstunde mehr als verdreifacht und zugleich das höchste Niveau seit dem Schlussquartal 2022 erreicht. Der Preis liegt damit zwar noch deutlich unter dem Rekordhoch von 345 Euro je Megawattstunde aus dem Jahr 2022. Dennoch bleiben die Preisrisiken erheblich. Die europäischen Gasspeicher sind derzeit nur zu etwa 75 Prozent gefüllt und liegen damit deutlich unter dem saisonalen Durchschnitt von rund 90 Prozent. Die deutschen Gasspeicher sind sogar lediglich zu 62 Prozent gefüllt – 28 Prozentpunkte weniger als im Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2021. Dass der Erdgaspreis an den europäischen Terminbörsen aktuell mehr als zehnmal so hoch ist wie in den USA, sollte grundsätzlich Anreize für zusätzliche Exporte von verflüssigtem Erdgas (LNG) aus den USA nach Europa schaffen. Daher dürften Engpässe in der Erdgasversorgung im Winter ausbleiben, sofern dieser nicht ungewöhnlich kalt ausfällt. Allerdings dürfte das Preisniveau vorerst hoch bleiben, insbesondere vor dem Hintergrund, dass Europa mit asiatischen Ländern wie Japan oder China um LNG-Importe konkurrieren muss.

Pfund Sterling vor dem Doppeltest

Das Pfund Sterling notiert gemessen am handelsgewichteten Wechselkursindex nahe mehrjähriger Höchststände. Unterstützung erhält es zum einen von der geldpolitischen Seite, da die Märkte mit mehreren Leitzinserhöhungen der Bank of England für die kommenden Monate rechnen. Ein Zinsschritt am 5. November ist bereits fest an den Zinsterminmärkten eingepreist sowie drei weitere Erhöhungen für 2027. Zum anderen ist die Fiskalpolitik Großbritanniens aus dem Fokus der Märkte gerückt, während gleichzeitig eine höhere Risikoprämie im Euro eingepreist wurde.

Zwei Ereignisse könnten die Sterling-Stärke nun jedoch auf die Probe stellen: das Herbstbudget des Finanzministers am heutigen Mittwoch und die Sitzung der Notenbank in der kommenden Woche. Hinsichtlich des Herbstbudgets werden sich die Marktakteure darauf fokussieren, ob ein Abbau des Staatsdefizits glaubwürdig in Aussicht gestellt wird und ob im kommenden Fiskaljahr eine unerwartet hohe Neuemission von Staatsanleihen geplant wird oder nicht. Insgesamt gilt, das Pfund ist bereits hoch bewertet und hat positive Entwicklungen weitgehend eingepreist, weshalb Enttäuschungen beim Budget oder bei der BoE-Sitzung es überproportional belasten könnten.

KI-Boom: Europas Industrie verdient mit

Der globale KI-Boom wird auch für Teile der europäischen Industrie zum Wachstumstreiber. Zwar dürfte 2026 nur rund ein Zehntel der weltweit neu entstehenden Rechenzentrumskapazitäten auf Europa entfallen. Dennoch wuchs die Produktion KI-naher Industriesegmente in den vergangenen zwölf Monaten um gut fünf Prozentpunkte stärker als im übrigen Verarbeitenden Gewerbe. Auch künftig dürften Bau- und Installationsunternehmen sowie elektrische Ausrüster vom Ausbau von Rechenzentren an attraktiven Standorten etwa in Skandinavien und auf der Iberischen Halbinsel profitieren. Für europäische Hersteller von Computerhardware, Chip- und Lithografieausrüstung sowie elektronischen Komponenten sorgt der globale KI-Zyklus ohnehin für Nachfrage. Mögliche Zweifel an der Rentabilität einzelner KI-Investitionen könnten zwar auch für Kurskorrekturen bei börsennotierten Unternehmen entlang der europäischen KI-Wertschöpfungskette sorgen, mittelfristig orientierten Anlegern aber zugleich selektive Einstiegschancen bieten.

US-Zwischenwahlen: Startschuss für die nächste Börsenrally?

Die US-Zwischenwahlen rücken näher und könnten auch an den Börsen für Bewegung sorgen. Die Vergangenheit zeigt: Nach den Midterms liefen US-Aktien oftmals besonders gut. Gleichzeitig liefern starke Unternehmensgewinne Rückenwind. Auch die Aussichten rund um Künstliche Intelligenz bleiben vielversprechend, werden angesichts hoher Investitionen aber zunehmend kritisch hinterfragt. Politische und wirtschaftliche Unsicherheiten bleiben ebenfalls bestehen. Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich ordnen ein, was die Wahl für die Märkte bedeutet – und ob die Voraussetzungen für eine weitere Börsenrally stimmen.

Zahl des Tages: 11

Abwarten und Tee trinken ist in manchen Lebenslagen ein hilfreicher Rat – und offenbar auch gut für die Gesundheit. Yu Jiang von der Chinesischen Akademie der Medizinwissenschaften in Peking und Kollegen analysierten die Tee-Gewohnheiten und Gesundheitsdaten von über 485.000 Erwachsenen aus China. Sie stellten fest: Wer sich mindestens dreimal pro Woche eine Teestunde gönnt, senkt das Risiko einer Gefäßerkrankung um rund elf Prozent gegenüber Personen, die wenig oder gar keinen Tee trinken. Dabei scheint sich mäßig starker schwarzer Tee besonders positiv auf die Gesundheit der Gefäße auszuwirken. Zu große Eile ist der Studie zufolge allerdings schädlich: Teetrinker, die ihren Aufguss extrem heiß genießen, müssen mit deutlich höheren Gesundheitsrisiken rechnen. 

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Tag. 

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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