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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden.
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22. Mai 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

die Stimmung der Privatwirtschaft in der Eurozone bricht deutlich ein, Inflationsdaten aus Kanada senden gemischte Signale, und Schwellenländeraktien korrigieren nach einer starken Rally.

Eurozone rutscht tiefer in die Schwächephase

Die Stimmung der Privatwirtschaft in der Eurozone ist im Mai deutlich eingebrochen – so stark wie seit mehr als zweieinhalb Jahren nicht. Hauptursache sind die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten infolge des Kriegs im Nahen Osten, die vor allem die Nachfrage nach Dienstleistungen belasten. Der von S&P Global ermittelte branchenübergreifende Einkaufsmanagerindex fiel von 48,8 auf 47,5 Punkte und lag damit unter den Erwartungen. Besonders betroffen ist der Dienstleistungssektor, dessen Aktivität so stark zurückging wie seit Februar 2021 nicht mehr. Auch die Auftragseingänge im privaten Sektor brachen deutlich ein, besonders bei Exporten und neuen Geschäften im Servicebereich. Gleichzeitig nahm der Kostendruck weiter zu: Die Input-Preise stiegen so stark wie seit dreieinhalb Jahren nicht mehr, und auch die Verbraucherpreise zogen weiter an.

Auch der Arbeitsmarkt verschlechterte sich erneut: Unternehmen bauten den fünften Monat in Folge Stellen ab, im Dienstleistungssektor sogar erstmals seit Anfang 2021. Zugleich sank das Geschäftsklima auf den niedrigsten Stand seit 32 Monaten. Die Europäische Zentralbank (EZB) ließ die Zinsen bei ihrem letzten Zinsentscheid am 30. April zwar unverändert, aufgrund der gestiegenen Inflationserwartungen sind die Renditen auf deutsche Bundesanleihen aber bereits auf 3,11 Prozent gestiegen – das ist nahe ihrem höchsten Stand seit 2011. Der Markt geht daher aktuell von einer Anhebung des EZB-Leitzinses am 11. Juni aus.

Kanada: Inflationsdaten senden gemischtes, aber konstruktives Signal

Die Inflationsdaten aus Kanada für April senden ein gemischtes, jedoch insgesamt konstruktives Signal. Die jährliche Inflationsrate stieg auf 2,8 Prozent, vor allem infolge höherer Benzinpreise im Zuge des Iran-Konflikts, blieb aber unter den Markterwartungen. Gleichzeitig ging die Kerninflationsrate auf 2,1 Prozent nach 2,3 Prozent im März zurück, was auf einen primär energiegetriebenen Preisschub ohne nennenswerte Zweitrundeneffekte hindeutet. Entsprechend haben sich die Erwartungen weiterer geldpolitischer Straffungen abgeschwächt. Für den Aktienmarkt ergibt sich ein ausgeglichenes Umfeld: Höhere Rohstoffpreise stützen die Gewinne des Energiesektors – der etwa ein Fünftel des kanadischen Leitindex S&P/TSX Composite Index ausmacht –, während die gedämpfte Kerninflation das Zinsumfeld stabilisiert und andere Sektoren wie Finanzwerte, Industrie und Konsum nicht zusätzlich belastet.

Wertentwicklung des kanadischen Aktienmarktes in Euro und inklusive Dividenden von 2021 bis 2026.

Der TSX-Index zeigt sich vor diesem Hintergrund widerstandsfähig und hat seit Jahresbeginn um rund 8 Prozent zugelegt. Bewertungsseitig bleibt das Umfeld moderat, das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt etwa 3 Prozent über dem Zehn-Jahres-Durchschnitt und erscheint nicht überdehnt.

Schwellenländeraktien korrigieren nach starker Rally

Die seit Ende März anhaltende Rally globaler Schwellenländeraktien wurde bis zur Wochenmitte teilweise deutlich korrigiert. Auslöser waren zunehmende Inflationssorgen infolge der anhaltenden Blockade der Straße von Hormus, die Aktien- und Anleihemärkte weltweit belasteten und die Renditen nach oben trieben. In einem Umfeld sinkender Risikobereitschaft führen Kapitalabflüsse aus weniger liquiden Schwellenländermärkten typischerweise zu vermehrten Kursverlusten. Gleiches gilt jedoch auch in umgekehrter Weise, wie die starke Gegenbewegung an den technologiegetriebenen Börsen in Südkorea und Taiwan gestern verdeutlichte. Kurzfristig bleibt die Unsicherheit rund um die Golfregion und das Risiko weiterer Rücksetzer hoch. Mittelfristig dürfte jedoch der konjunkturelle Rahmen maßgeblich sein: Eine trotz erhöhter Ölpreise robuste Weltwirtschaft sowie anhaltende Gewinnzuwächse in strukturellen Wachstumsbranchen können höhere Finanzierungskosten abfedern. Eine Entspannung des Irankonflikts würde zusätzlich Energiepreise, Inflationserwartungen und Anleihemärkte stabilisieren. Vor diesem Hintergrund könnten weitere Rücksetzer selektive Einstiegschancen eröffnen – etwa bei asiatischen Schwellenländer-Titeln mit überdurchschnittlichen Gewinnaussichten und weiterhin moderaten Bewertungen.

Trump in China – Märkte zwischen Ölschock und KI-Boom

Trump in Peking, steigende Spannungen im Nahen Osten – und die Märkte reagieren zunehmend sensibel. Während Ölpreise und Zinsen nach oben ziehen, sorgt der Boom im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) in Asien weiter für Rückenwind. Worauf Anleger jetzt achten sollten, analysieren Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuelle Folge unseres Börsenpodcasts.

Zahl des Tages: 1,9

Ein Team um Jack Brand von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften hat junge Lachse im Dienst der Wissenschaft unter Drogen gesetzt. Die Tiere erhielten Peilsender und Implantate, die kontrolliert Kokain oder dessen Abbauprodukt Benzoylecgonin freigaben. Dann ließ man sie im schwedischen Vättersee schwimmen. Es zeigte sich: Vor allem Lachse, die dem Benzoylecgonin ausgesetzt waren, wurden deutlich aktiver. Sie schwammen pro Woche im Schnitt 1,9-mal so weit wie eine drogenfreie Vergleichsgruppe und entfernten sich weiter von ihrem Startpunkt. Das ist nicht unbedingt eine gute Nachricht. Wilde Lachse können über das Abwasser mit Kokain und seinem Abbaustoff in Kontakt kommen – und sich dadurch so verausgaben, dass ihnen wertvolle Energie zum Fressen und Wachsen fehlt.

Ich wünsche Ihnen einen nüchternen Tag.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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