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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
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1. Juni 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

bei der Inflation in Deutschland gibt es keine Entwarnung, viele Notenbanken bereiten sich auf Zinsschritte vor, die EU will junge Unternehmen in Europa halten, und Private-Credit-Geber in den USA verlangen höhere Margen.

Deutschland: Tankrabatt drückt Teuerung

Nachdem die Inflationsrate in Deutschland im April mit 2,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat so stark wie zuletzt im Januar 2024 angestiegen war, ist sie im Mai spürbar auf 2,6 Prozent gesunken. Verantwortlich für den Rückgang war in erster Linie ein im Monatsverlauf sinkender Rohölpreis sowie der „Tankrabatt“: Auf den Liter Diesel und Benzin fallen im Mai und Juni rund 17 Cent weniger Energiesteuer an. Gemäß Schätzungen der Bundesbank dürfte dieser Tankrabatt die Inflationsrate im Mai und Juni jeweils um rund 0,25 Prozentpunkte senken. Zu einer Entwarnung besteht jedoch noch kein Anlass: In der um Energie- und Lebensmittelpreise bereinigten Kernrate stiegen die Verbraucherpreise im Jahresvergleich um 2,5 Prozent, verglichen mit 2,3 Prozent im Vormonat. Zudem verteuerten sich Dienstleistungen um 3,1 Prozent nach 2,8 Prozent im April. Im Gegensatz zu den Daten für Deutschland zog die Inflation in Frankreich und Italien im Mai spürbar an, in Spanien verharrte sie auf hohem Niveau. Die am morgigen Dienstag zur Veröffentlichung anstehenden Daten für die gesamte Eurozone dürften ebenfalls einen moderaten Anstieg ausweisen. Dies könnte eine Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) am 11. Juni besiegeln.

Entwicklung der Verbraucherpreisinflation in Deutschland in Prozent von 2020 bis 2026

Globale Notenbanken: Leitzinsen tendieren aufwärts

Die gestiegenen Preise für Erdöl und Erdgas beeinflussen zunehmend die Geldpolitik vieler Notenbanken – insbesondere in Asien. Zuletzt hatten die Notenbanken Indonesiens und Sri Lankas die Leitzinsen stärker als im Marktkonsens erwartet angehoben, um den wachsenden Inflationsgefahren entgegenzutreten und die Währung zu stützen. Die Notenbank Südkoreas signalisierte einen klar restriktiveren Kurs, wenngleich sie diesmal noch von einer Zinserhöhung Abstand nahm. Diese dürfte jedoch definitiv im Sommer vollzogen werden. Auch in Neuseeland ließ die Notenbank den Leitzins zwar noch unverändert, allerdings nach einem Drei-zu-drei-Patt bei der Abstimmung, bei der die Stimme der Gouverneurin Andrea Breman den Ausschlag gab. Diese kündigte im Rahmen ihrer anschließenden Pressekonferenz an, dass Zinserhöhungen in den folgenden Sitzungen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit erfolgen würden.

Im Juni werden die Notenbanken der G10-Länder in den Fokus rücken:

  • Den Start macht am 11. Juni die EZB, für die im Marktkonsens mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Zinserhöhung eingepreist ist. Erst kürzlich hatte EZB-Direktorin Isabel Schnabel deutliche Hinweise gegeben, dass es zu einem Zinsschritt kommen sollte.
  • Die US-Notenbank Fed dürfte am 17. Juni die Leitzinsen unverändert lassen. Allerdings hat Fed-Gouverneur Christopher Waller, der seit Monaten Zinssenkungen gefordert hatte, zuletzt erklärt, dass nunmehr der nächste Zinsschritt genauso gut aufwärts wie abwärts sein könnte. Somit dürfte auf kurze Sicht nicht mehr über Zinssenkungen diskutiert werden, zumal Gouverneurin Lisa Cook erklärte, sie sehe das Risiko, dass eine erhöhte Inflationsrate persistent werde. Sie sei deshalb darauf vorbereitet, die Leitzinsen gegebenenfalls zu erhöhen.
  • Nachdem sich zuletzt Stimmen der Bank of Japan häuften, die eine zeitnahe Zinserhöhung postulierten, gehen die Terminmärkte mit einer 75-prozentigen Wahrscheinlichkeit von einem Zinsschritt am 16. Juni aus.
  • Die Bank of England dürfte hingegen am 18. Juni den Leitzins vorerst unangetastet lassen. Mehrere Gouverneure äußerten sich zum Thema Zinserhöhung zuletzt verhalten.
  • Gleiches gilt für die Notenbanken Schwedens und der Schweiz, die am gleichen Tag tagen, sowie die Kanadas, die bereits am 10. Juni die Leitzinsen (noch) nicht anfassen dürfte.

Viele Notenbanken werden zudem neue Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung und die Inflationsraten in den kommenden Monaten und Jahren veröffentlichen. Die Marktakteure dürften infolgedessen ihre Erwartungen anpassen, was an den betreffenden Tagen für stärkere Kursschwankungen sorgen könnte.

Deep Tech: Europa ergreift die Initiative

Die Europäische Kommission will jungen Unternehmen im Bereich Deep Tech, darunter künstliche Intelligenz, Quanten-Computing, Robotik, Halbleiter, Biotechnologie sowie Raumfahrt und Energie, mit der bislang größten zweckgebundenen Initiative der EU einen kräftigen Schub verleihen. Die Initiative umfasst Investitionen in Unternehmen, die neue Produkte in strategischen Technologiesektoren entwickelt haben und nun Kapital für schnelles Wachstum benötigen. Der fünf Milliarden Euro schwere Scaleup Europe Fund soll erste Investitionen bereits im Herbst tätigen. Die Initiative ist Teil der EU-Strategie für Start-ups und Scale-ups und soll durch eine Mischung aus öffentlichen und privaten Investitionen finanziert werden. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnet den Fonds als wesentlich, um sicherzustellen, dass exzellente Start-ups in Europa bleiben. Diese könnten Europas Wettbewerbsfähigkeit stärken und zukunftsgerichtete Arbeitsplätze schaffen. Der Fonds könnte zudem eine positive Wirkung auf Europas Innovations-Ökosystem haben, sofern neue Investorengruppen erschlossen werden, die zusätzliches Kapital investieren.

Infrastruktur-Investments: Basisanlage oder Beimischung?

Weltweit sind enorme Investitionen in Infrastruktur nötig – von Energie- und Verkehrsnetzen bis zu digitaler Infrastruktur und Erneuerbaren Energien. Weil Staaten diese Aufgaben nicht allein stemmen können, wird privates Kapital immer wichtiger – und damit auch die Frage, wie Privatanleger daran teilhaben können. Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich besprechen in unserem Börsenpodcast, was sich hinter klassischen und neuen Infrastruktur-Investments verbirgt und warum Infrastruktur mehr sein könnte als nur eine Beimischung.

Zahl des Tages: 27

Unter Planetenschutz („planetary protection“) versteht man Maßnahmen, die unter anderem verhindern sollen, dass Mikroorganismen von der Erde mit Raumsonden auf andere Himmelskörper reisen. Das ist leichter gesagt als getan. Atul M. Chandler von der University of Mississippi und Kollegen haben Reinräume untersucht, in denen die NASA ihre Raumschiffe montiert, und dort 27 verschiedene Pilzstämme gefunden. Anschließend testete das Team die Pilze auf ihre Widerstandsfähigkeit. Besonders robust zeigte sich Aspergillus calidoustus: Seine Sporen überstanden monatelange hohe Strahlung und bis zu 125 Grad Celsius Hitze und erwiesen sich damit als durchaus weltraumtauglich. Die Studie könnte der NASA helfen, blinde Passagiere wie Aspergillus calidoustus von künftigen Missionen fernzuhalten.

Ich wünsche Ihnen einen resilienten Tag.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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