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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
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29. September 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

Anleger hoffen auf Fortschritte bei den US-chinesischen Handelsgesprächen, globale Aktien erscheinen attraktiv bewertet, und der Ölpreis hat die 100-Dollar-Schwelle erneut überschritten.

USA und China stabilisieren ihr Verhältnis

Das Gipfeltreffen zwischen den Präsidenten der USA und Chinas hat die Beziehungen beider Länder vorerst stabilisiert; die Rivalität um Technologie, Halbleiter und kritische Rohstoffe bleibt jedoch bestehen. Washington und Peking verlängerten den „Zollfrieden“ bis zum 10. Januar 2027 und vereinbarten günstigere Zölle für nicht sensible Warenströme im Wert von jeweils rund 30 Milliarden US-Dollar. Zudem sollen ein Handelsrat, ein Dialog über Künstliche Intelligenz (KI) und ein direkter Kommunikationskanal für Zwischenfälle entstehen. Damit sinkt kurzfristig das Risiko einer Eskalation im Handel und bei Lieferketten. Fortschritte bei den laufenden Handelsverhandlungen sowie für November und Dezember geplante Folgetreffen könnten auch die Anlegerstimmung stützen. Vorerst dürften jedoch der Golfkonflikt, hohe Energiepreise und Anleiherenditen sowie Chancen und Risiken des KI-Investitionszyklus das Marktgeschehen dominieren.

Globale Aktien: Analysten positiv gestimmt

Die weltweiten Gewinnerwartungen der Unternehmen steigen auch außerhalb der Berichtssaison weiter an. Für die Unternehmen des MSCI All Country World Index erhöhten Analysten allein im vergangenen Monat ihre Gewinnschätzungen für das Jahr 2027 um 1,5 Prozent und für 2028 um 2,4 Prozent. Gleichzeitig bleibt die Breite der positiven Gewinnrevisionen hoch, was auf einen weiterhin intakten globalen Gewinnzyklus hindeutet. Gerade vor dem Hintergrund steigender Energiepreise und einer zunehmend restriktiven Geldpolitik ist diese Entwicklung für die Aktienmärkte besonders relevant. Zwar machen steigende Anleiherenditen festverzinsliche Anlagen wieder attraktiver. Bei einem durchschnittlichen jährlichen Gewinnwachstum von über 22 Prozent im Zeitraum 2026 bis 2028 halte ich das Chance-Risiko-Profil globaler Aktien jedoch weiterhin für attraktiv.

Rohöl und Diesel: Lage bleibt angespannt

Trotz steigender Lieferungen bleibt Rohöl teuer. Im September erhöhten die großen Förderländer am Persischen Golf ihre Ausfuhren auf knapp 13 Millionen Barrel pro Tag, den höchsten Stand seit Beginn des Irankonflikts Ende Februar. Vor dem Krieg waren es allerdings fast 19 Millionen Barrel, sodass weiterhin rund sechs Millionen Barrel täglich fehlen. Der Brent-Preis legte im September um etwa 17 Prozent zu und stieg zuletzt auf über 108 US-Dollar je Barrel, nachdem US-Präsident Trump einen iranischen Vorschlag zur Öffnung der Straße von Hormus abgelehnt hatte. Solange der Seeweg nur eingeschränkt nutzbar ist, dürfte der Ölpreis empfindlich auf Nachrichten aus der Region reagieren. Eine Einigung könnte ihn hingegen rasch und deutlich sinken lassen.

Noch angespannter ist die Lage bei Diesel. Die Verarbeitungsmarge liegt bei rund dem Fünffachen ihres langjährigen Durchschnitts, da im Nahen Osten und in Russland große Raffineriekapazitäten ausgefallen sind. In den USA liegen die Destillatbestände – Diesel und Heizöl – etwa zwölf Prozent unter dem Fünf-Jahres-Durchschnitt, obwohl die Raffinerien so viel produzieren wie seit 2019 nicht mehr. Die US-Energiebehörde rechnet damit, dass die Dieselmarge bis November hoch bleibt und erst bis Mitte 2027 schrittweise zurückgeht. Zugleich werden in Washington Exportbeschränkungen für Diesel diskutiert, die das europäische Angebot zusätzlich verknappen könnten. Anders als bei Rohöl dürfte hier erst das Wiederanlaufen der beschädigten Raffinerien für Entlastung sorgen. Da teurer Diesel die Kosten im Güterverkehr und in der Landwirtschaft erhöht, dürfte er die Inflation länger antreiben als der Rohölpreis allein.

Starke Börsen, schwache Verbraucherstimmung: das US-Paradox

Die US-Wirtschaft wächst, der Arbeitsmarkt bleibt robust und die Börse zeigt sich stark. Doch gestiegene Preise sowie hohe Wohn- und Finanzierungskosten belasten viele amerikanische Haushalte. Was bedeutet diese Diskrepanz für Konjunktur, Konsum und den US-Aktienmarkt? Darüber spricht Dr. Dirk Steffen, Leiter Kapitalmarktstrategie der Deutschen Bank, mit Finanzjournalistin Jessica Schwarzer.

Was diese Woche wichtig wird 

  • Im Laufe der Woche, Berichtssaison USA | Aus dem S&P 500 berichten acht Unternehmen, darunter Micron Technology, Accenture, Nike, Jabil und Carnival. 
  • Mittwoch, USA | Index der persönlichen Konsumausgaben (PCE) im August. Das von der US-Notenbank bevorzugte Inflationsmaß, die PCE Inflation, dürften im August laut Konsens bei 3,7 Prozent und die Kernrate bei 3,3 Prozent auf ihren Vor-Monats-Niveaus und deutlich über dem Inflationsziel von zwei Prozent stabilisiert haben. Für die kurzfristige Dynamik sind die Monatsraten relevanter. Hier erwarten Analysten eine Beschleunigung von 0,2 auf 0,4 Prozent bei der Gesamt- und von 0,2 auf 0,3 Prozent bei der Kerninflation. Mit Interesse werden die Märkte am Donnerstag auch auf den ISM-Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe schauen. Erwartete Anstiege beim Gesamtindex und beim Subindex der bezahlten Preise würden das Bild einer robusten US-Wirtschaft und eines anhaltenden Inflationsdrucks bekräftigen.

Freitag

  • Eurozone | Verbraucherpreisinflation im September (Schnellschätzung). Die Inflationsdynamik dürfte sich angesichts gestiegener Öl- und Kraftstoffpreise spürbar beschleunigt haben und zunehmend auch auf die Preise weniger volatiler Güter und Dienstleistungen ausstrahlen. Für die Gesamtinflation erwarten Volkswirte im Median einen Anstieg von 3,2 auf 3,6 Prozent, die Kernrate dürfte von 2,4 auf 2,5 Prozent zugelegt haben. Deutlichere Anzeichen eines sich verfestigenden zugrunde liegenden Preisdrucks dürften die Erwartungen an eine restriktivere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank stützen. Derzeit preisen die Märkte den nächsten Zinsschritt um 0,25 Prozentpunkte für die übernächste Sitzung im Dezember ein.
  • USA | Arbeitsmarktbericht für September. Die Arbeitslosenquote dürfte den dritten Monat in Folge mit 4,1 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit Juni 2025 verharren. Gleichzeitig könnte sich der Stellenaufbau außerhalb der Landwirtschaft auf 100.000 neue Arbeitsplätze abgeschwächt haben. Allerdings wurde im August mit 162.000 neuen Stellen der stärkste Zuwachs seit März verzeichnet. Insgesamt würde dies die Widerstandsfähigkeit des US-Arbeitsmarkts untermauern. Mit Blick auf das Doppelmandat der US-Notenbank dürfte der Fokus der Geldpolitik damit zunächst weiter auf der Bekämpfung der zu hohen Inflation liegen.

Zahl des Tages: 260.000.000.000

Wer Murray Barrett nach der Uhrzeit fragt, kann sich auf eine präzise Antwort gefasst machen: Der Physiker von der National University of Singapore hat mit seinem Team die genaueste Uhr der Welt konstruiert. Im Zentrum des Instruments steht ein Lutetium-Ion, das von einem Laser beschossen wird. Der Versuchsaufbau erzeugt Schwingungen des Laserstrahls, mit denen sich die Zeit messen lässt – und wie: Die Atomuhr von Singapur würde mehr als 260 Milliarden Jahre brauchen, um eine Sekunde falsch zu gehen. Als die Forscher zwei baugleiche Lutetium-Uhren miteinander verglichen, waren die angezeigten Zeiten bis auf 19 Stellen hinter dem Komma identisch. Die Herausforderung dabei: Die Uhren messen so exakt, dass sie auf geringste Veränderungen der Schwerkraft reagieren – schon ein Höhenunterschied von fünf Millimetern beeinflusste das Ergebnis und musste korrigiert werden. 

Nehmen Sie es heute genau.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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