4. Mai 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
die EZB hält sich eine Zinserhöhung im Juni offen, die Erholung im deutschen Baugewerbe bleibt fragil, und der Eisenerzpreis an der chinesischen Terminbörse tendiert seitwärts.
EZB hält sich Zinserhöhung im Juni offen
Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen in ihrer April-Sitzung unverändert gelassen. Auffällig ist, dass eine Zinserhöhung in der Sitzung offen diskutiert wurde, obwohl der Beschluss am Ende einstimmig ausfiel. Präsidentin Christine Lagarde betonte anschließend, die Daten reichten noch nicht aus, um Zinsschritte vorab festzulegen, deshalb solle die Zeit bis zur Sitzung am 11. Juni für eine sorgfältige Neubewertung genutzt werden. Neue Zahlen zeigen: Die Inflation im Euroraum stieg im April von 2,6 auf 3,0 Prozent, vor allem wegen höherer Energiepreise, während Kerninflation und Dienstleistungspreise leicht nachgaben – vermutlich aufgrund von Sondereffekten bei Flugpreisen im Vorjahr.
Gleichzeitig schwächte sich das Wachstum im ersten Quartal auf 0,1 Prozent ab, nach 0,2 Prozent im Schlussquartal 2025. Lagarde sieht zudem höhere Ölpreise als im März-Szenario der Zentralbank, was die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Juni erhöht und an den Märkten bereits weitgehend eingepreist ist.
ifo Bauindex: Stimmung trübt sich, Erholung bleibt fragil
Die Erholung im deutschen Baugewerbe bleibt fragil. Im April verlor der ifo Bauindex stattliche neun Punkte und machte Hoffnungen auf eine sich seit Januar abzeichnende Trendwende zunichte. Die Golfkrise treibt Energiepreise und Baukosten, erhöht die Inflation, verschlechtert die Finanzierungsbedingungen und dämpft vor allem die Geschäftserwartungen der Branche. Während der Wohnungsbau bis Anfang 2026 noch von steigenden Genehmigungen profitierte, dürfte die Dynamik im Jahresverlauf weiter nachlassen. Ein Rückgang der Bauinvestitionen im ersten Quartal ist wahrscheinlich, bevor milliardenschwere staatliche Infrastruktur-Investitionen vor allem dem Tiefbau zugutekommen und ab der zweiten Jahreshälfte der Branche insgesamt eine schwache, volatile Erholung ermöglichen könnten. Zugleich nehmen strukturelle Gegenwinde zu: Über 30 Prozent der Bauunternehmen melden Fachkräftemangel, im Tiefbau knapp 40 Prozent. Lohn- und Regulierungskosten stiegen 2024 und 2025 jeweils um rund fünf Prozent. Gleichzeitig verändern Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und zunehmende Vorfertigung das Profil der Branche. Kurzfristig überwiegen die Abwärtsrisiken, strukturelle Trends eröffnen jedoch selektiv Chancen für Unternehmen und Anleger.
Chinas Lieferkettenregeln könnten die Bindung des globalen Südens an China vertiefen
Die Anfang April in Kraft getretene chinesische Verordnung zur Lieferkettensicherheit dürfte die bestehende China-Zentrierung vieler Länder des globalen Südens weiter verstärken. Während einige westliche Volkswirtschaften versuchen, ihre Abhängigkeit von China gezielt zu reduzieren, bleiben viele Schwellenländer strukturell eng an China gebunden. Die Verordnung bietet chinesischen Lieferketten einen erweiterten politischen und rechtlichen Schutz und setzt damit implizite Anreize für Partnerländer, Wertschöpfungsprozesse näher an China auszurichten, um regulatorische Risiken zu begrenzen und einen stabilen Marktzugang zu sichern. Gleichzeitig entfaltet sie eine abschreckende Wirkung gegenüber einer bewussten Diversifizierung der Lieferketten weg von China, da entsprechende Entscheidungen als diskriminierend eingestuft werden oder Untersuchungen auslösen können. Davon besonders betroffen dürften große Schwellenländer sein, für die China mittlerweile der wichtigste Handelspartner ist, darunter Indien und Brasilien. Insgesamt erhöht die Verordnung das Risiko einer zunehmenden Fragmentierung globaler Lieferketten entlang geopolitischer Linien, die mit tendenziell höheren Kosten für internationale Handelsströme einhergeht.
Stabile Eisenerzpreise: Chinas Nachfrage stützt, Immobilienflaute bremst
Der Eisenerzpreis an der chinesischen Terminbörse hat sich in den vergangenen sechs Wochen kaum bewegt – trotz geopolitischer Unsicherheit. Meist lag er bei rund 106 US-Dollar je Tonne, nachdem er im Februar kurzzeitig unter 95 US-Dollar je Tonne gefallen war. Entscheidend bleibt die Nachfrage aus China, das etwa 60 Prozent des weltweiten Eisenerzverbrauchs auf sich vereint. Nach dem saisonalen Rückgang im Winter hat sich die Stahlproduktion wieder belebt, erkennbar an einer höheren Auslastung der Hochöfen und steigender Eisenproduktion. Die Eisenerzimporte lagen im März sieben Prozent über dem Vormonat und im ersten Quartal insgesamt zehn Prozent über dem Vorjahresquartal. Ein nachhaltiger Preisanstieg bleibt jedoch aus, weil der Immobiliensektor weiter schwach ist. Gleichzeitig ist das Angebot reichlich: Australiens Exporte haben sich nach wetterbedingten Störungen normalisiert, Brasilien liefert stabile Mengen und die Lagerbestände in China sind weiterhin hoch. Der Seitwärtstrend dürfte daher vorerst anhalten.
Notenbanken im Wartemodus
Der Nahostkonflikt und steigende Energiepreise erhöhen die Inflationsrisiken. Zugleich schwächt sich das Wachstum in Europa ab, während die US‑Wirtschaft robust bleibt. Fed, EZB und andere Notenbanken stehen vor der Frage: abwarten oder handeln? Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich ordnen die aktuelle Lage von Wirtschaft und Märkten ein.
Zahl des Tages: 1.118
Ein Marathonlauf ist anstrengend genug; Dunkelheit, Hitze, Feuchtigkeit und Staub machen die Sache nicht leichter. 55 Läuferinnen und Läufer aus 18 Ländern trotzten den widrigen Umständen, unterdrückten mögliche Anflüge von Raumangst und machten sich in einem Bergwerk im schwedischen Garpenberg auf den Weg. Rund 1.118 Meter unter der Erde stellten die Sportler einen Rekord für den tiefsten Marathonlauf aller Zeiten auf. Schon der Weg zur Laufstrecke war nicht so einfach wie gewohnt: Bevor sich die Teilnehmer an der Startlinie aufstellten, mussten sie in einem Fahrstuhl drei Minuten lang in die Tiefe fahren.
Zeigen Sie heute einen langen Atem.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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