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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
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30. Juni 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

die Bundesregierung setzt auf schnelle staatliche Investitionen, die Stimmung der US-Hausbaubranche bleibt gedämpft, und Speicherhersteller profitieren von der Nachfrage aus dem KI-Sektor. 

Infrastruktur-Zukunftsgesetz passiert Bundestag 

Am Freitag hat der Bundestag das Infrastruktur-Zukunftsgesetz verabschiedet; die Abstimmung im Bundesrat ist für den 7. Juli vorgesehen. Ziel ist es, staatliche Investitionen zu beschleunigen: Projekte werden als „überragendes öffentliches Interesse“ eingestuft, Verfahren priorisiert, Klagen begrenzt und Prozesse digitalisiert. Damit adressiert die Bundesregierung ein zentrales Problem ihrer Investitionsoffensive, der es weniger an Mitteln als an Umsetzung fehlt. In diesem Jahr sollen beispielsweise rund 33 Milliarden Euro aus Kernhaushalt und Sondervermögen in Straßen und Schienen fließen, weitere 94 Milliarden Euro sind für 2027 bis 2029 vorgesehen. Der Mittelabfluss bleibt jedoch bisher verhalten: Ende April lagen die Ausgaben bei lediglich 19 Prozent des Plans. Hauptgrund sind langwierige Planungs- und Genehmigungsprozesse, viele Projekte befinden sich noch in frühen Phasen. Das Gesetz kann die Umsetzung künftig beschleunigen; erste Effekte dürften jedoch frühestens zum Jahresende sichtbar werden, wie Erfahrungen beim beschleunigten Ausbau der Windenergie nahelegen. Ein kurzfristiger Investitionsschub ist daher kaum zu erwarten. Entscheidend bleibt, die durch die Sondervermögen geschaffenen Spielräume konsequent für Investitionen und nicht für laufende Ausgaben zu nutzen.

Neue Perspektiven für die Börse London? 

Aktien von britischen Unternehmen, darunter einige aus traditionellen Industrien, gelten als günstig bewertet, viele werden mit einem Abschlag gehandelt. Einige Unternehmen sind nun das Ziel von Fusionen und Übernahmen (M&A) geworden, nachdem weltweit die Transaktionen wieder zunehmen. In den ersten Monaten dieses Jahres wurden bereits M&A-Transaktionen im Wert von insgesamt bis zu 190 Milliarden US-Dollar getätigt. Ausländische Käufer stellen mehr als die Hälfte der Übernahmen. Dadurch könnte die Anzahl der Notierungen an der Londoner Börse weiter sinken und weitere Auswirkungen auf die Attraktivität des Börsenplatzes haben: Bereits im September 2025 fiel der Standort aus den Top 20 der weltweit führenden Plätze für Börsengänge. Markt- und geopolitische Unsicherheiten könnten aber eine Notierung in London für europäische Unternehmen perspektivisch wieder attraktiver machen und eine strukturelle Grundlage für eine Erholung britischer Börsennotierungen schaffen. Eine breitere Sektordiversifikation könnte auch einen positiven Einfluss auf den britischen Leitindex FTSE 100 haben. Aktuell kann der Index aufgrund seiner Sektorzusammensetzung nicht in dem Maße von einer möglichen Einigung zum Irankonflikt profitieren wie zum Beispiel der EURO STOXX 50.

Zinshoffnung belebt US-Hausbauaktien

Die Aktien börsennotierter US-Hausbauunternehmen haben sich, gemessen am S&P 500 Homebuilding Index, seit ihrem Mehrjahrestief Mitte Mai erholt. Treiber waren sinkende Kapitalmarktzinsen und die damit verbundene Hoffnung auf niedrigere Hypothekenzinsen. Im Zuge rückläufiger langfristiger Inflationserwartungen sind die Renditen 30-jähriger US-Staatsanleihen in den vergangenen fünf Wochen deutlich gefallen und liegen wieder unter fünf Prozent. Die Hypothekenzinsen haben bislang jedoch nur leicht nachgegeben und verharren auf hohem Niveau. Entsprechend bleibt die Stimmung unter US-Hausbaufirmen gedämpft: Der NAHB Index fiel im Juni auf 35 Punkte, der Subindex für das Käuferinteresse verharrt auf niedrigen 25 Punkten. Zudem setzen Preisnachlässe zur Verteidigung von Marktanteilen die Gewinnmargen vieler Firmen unter Druck. Deren jüngste Kurserholung basiert damit vor allem auf der Erwartung künftig günstigerer Finanzierungskosten und stärkerer Nachfrage und scheint der tatsächlichen Branchenstimmung enteilt zu sein. Einen Stimmungsaufschwung könnte ein spürbarer Rückgang der Hypothekenzinsen bringen. Für eine nachhaltige Erholung der Branche dürften jedoch weitere Impulse erforderlich sein – etwa ein deutlicher Anstieg der verfügbaren Einkommen vieler US-Haushalte.

DRAM-Boom: Produzenten bleiben vorsichtig

Steigende Preise für DRAMs (dynamische Halbleiterspeicher) setzen die Elektronikbranche unter Druck, während Speicherhersteller stark profitieren. Ihre Umsätze sind massiv gestiegen, Margen haben sich teils verdoppelt und Verkaufspreise liegen um ein Vielfaches höher als im Vorjahr. Einige Marktteilnehmer sprechen bereits von einer weiteren Verdoppelung der Preise bis Herbst 2027. Der Boom ist vor allem durch den enormen Bedarf aus dem KI-Sektor ausgelöst worden, der große Teile der verfügbaren Kapazitäten bindet. Bei den Kapazitäten agieren die Produzenten jedoch vorsichtig. Zwar werden neue Werke geplant und bestehende Anlagen erweitert, doch der Ausbau erfolgt schrittweise. Hintergrund sind die extrem hohen Investitionskosten und die Unsicherheit, wie lange die Nachfrage auf diesem Niveau bleibt. Frühere Zyklen mit Überkapazitäten und Preisverfall wirken hier nach.

Parallel steuern die Hersteller die knappen Mengen aktiv: Große Kunden erhalten bevorzugt langfristige Lieferverträge und reichen die höheren Kosten an die Verbraucher weiter. Kleinere Abnehmer müssen ihr Angebot beschränken oder gehen sogar leer aus. Die Hersteller von Speicherchips maximieren dadurch ihre Gewinne, vermeiden aber gleichzeitig das Risiko eines späteren Überangebots. Der SOX Philadelphia Semiconductor Index liegt bei plus 87 Prozent seit Jahresbeginn, hat allerdings Anfang vergangener Woche um zehn Prozent korrigiert.

Globale Risiken, geldpolitische Signale – und die Folgen für die Märkte

Zwischen Iran-Verhandlungen, Ölpreisentwicklung und Zinsentscheiden von Fed und EZB: Die Kapitalmärkte stehen erneut im Spannungsfeld globaler Einflussfaktoren. Was bedeutet das für Anlegerinnen und Anleger? Das erfahren Sie von Dr. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, und Finanzjournalistin Jessica Schwarzer in der aktuellen Folge.

Was diese Woche wichtig wirdI

Im Laufe der Woche, Berichtssaison

  • USA | Aus dem S&P 500 berichten unter anderem Nike, Constellation Brands, General Mills und FactSet.
  • Europa | Aus dem STOXX 600 berichtet unter anderem Prosus.

Mittwoch

  • Eurozone | Inflation (Erstschätzung) für Juni. Im Marktkonsens wird ein Rückgang der Inflation im Euroraum von 3,2 Prozent im Mai auf 3,0 Prozent erwartet. Dies könnte als ein erstes Anzeichen für eine beginnende leichte Abschwächung des Preisdrucks vom Höchststand gewertet werden. Die für die Geldpolitik der EZB wichtigere Kerninflationsrate, die Energie- und Nahrungsmittelpreise ausklammert, dürfte jedoch unverändert bei 2,6 Prozent liegen. Spürbare Effekte der Zinserhöhung der EZB Mitte Juni dürften sich erst mittelfristig zeigen.
  • USA | ISM-Einkaufsmanagerindex (Verarbeitendes Gewerbe) für Juni. Im Median erwarten Analysten, dass der Index nach 54,0 Punkten im Mai mit 53,8 Punkten weiterhin deutlich im expansiven Bereich verharrt. Ein Rückgang in dieser Größenordnung würde auf eine lediglich geringfügige Eintrübung der Stimmung in den Industriebetrieben hindeuten. Mit Interesse dürften die Marktakteure darauf achten, ob die im Juni gesunkenen Erdöl- und Erdgaspreise sich stark dämpfend auf die Input- und Output-Preise ausgewirkt haben.
  • Donnerstag, USA | Arbeitsmarktdaten für Juni. Der Marktkonsens erwartet einen Beschäftigungsaufbau von 115.000 Stellen außerhalb der Landwirtschaft, nach 172.000 im Mai. Dies würde darauf hindeuten, dass die Dynamik am Arbeitsmarkt zwar nachlässt, die Beschäftigungsentwicklung insgesamt jedoch sehr robust bleibt. Die Arbeitslosenquote dürfte im vierten Monat in Folge bei 4,3 Prozent verharren, während die durchschnittlichen Stundenlöhne gegenüber dem Vorjahr voraussichtlich leicht von 3,4 auf 3,5 Prozent gestiegen sind.

Zahl des Tages: 20

Kamo’oalewa ist einer von sieben bekannten Quasimonden – kleinen Himmelskörpern, die in der Nähe der Erdumlaufbahn die Sonne umkreisen. Und er bekommt gerade Besuch: Die chinesische Raumsonde Tianwen-2 hat sich dem bis zu 100 Meter großen Weltraumfelsen genähert. Berichten zufolge soll Anfang Juli aus einer dann erreichten Distanz von 20 Kilometern die finale Annäherung beginnen. Das Ziel der Mission: Gesteinsproben von Kamo’oalewa entnehmen und auf dem Rückflug über der Erde abwerfen. Die Proben sollen Auskunft über Herkunft und Zusammensetzung des Himmelskörpers geben, während Tianwen-2 bereits Kurs auf das nächste Ziel nimmt – einen fernen Kometen, den die Sonde bis 2035 erreichen soll.


Ich wünsche Ihnen einen zielorientierten Tag.

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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