16. September 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
mögliche Leitzinsanhebungen der Fed sprechen nicht zwangsläufig für ein Ende der Aktienhausse, die Divergenz zwischen Industrie und binnenwirtschaftlich orientierten Sektoren in China hält an, und zehnjährige chinesische Staatsanleihen rentieren unter 1,7 Prozent.
USA: Steigende Zinsen gefährden Aktienausblick bislang nicht
Mögliche Leitzinsanhebungen der Federal Reserve sprechen nicht zwangsläufig für ein Ende der Aktienhausse. Zwar geriet der S&P 500 nach der Einleitung des letzten Zinserhöhungszyklus im Jahr 2022 merklich unter Druck und verlor innerhalb von drei Monaten in US-Dollar mehr als 15 Prozent. Heute befindet sich die US-Notenbank jedoch in einer deutlich günstigeren Ausgangslage: Das Zinsniveau ist bereits erhöht, und weitere Zinsschritte wären nicht allein eine Reaktion auf höhere Energiepreise, sondern auch Ausdruck eines robusten nominalen Wachstums – ein Wachstum, das die positiven Gewinnperspektiven der US-Unternehmen widerspiegelt. Leitzinsanhebungen ändern aus meiner Sicht daher wenig am konstruktiven Ausblick für Aktien, insbesondere in Sektoren mit strukturellen Wachstumstreibern wie Technologie.
Wichtiger als die Kurzfristzinsen dürften für die Aktienmärkte jedoch derzeit die Langfristzinsen sein. Schließlich entfällt ein Großteil der Unternehmenswerte auf erwartete Gewinne in der Zukunft. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist gegenüber Ende Februar um einen Prozentpunkt gestiegen und notiert inzwischen oberhalb von fünf Prozent.
Der Rückgang des erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnisses des S&P 500 von gut 22 im Februar auf aktuell 19 dürfte daher nicht nur das starke Gewinnwachstum widerspiegeln, sondern auch höhere Langfristzinsen, die den Barwert künftiger Gewinne reduzieren. Ein Teil des Renditeanstiegs scheint damit bereits in den Bewertungen verarbeitet zu sein. Historisch war jedoch weniger das Renditeniveau als die Geschwindigkeit weiterer Anstiege entscheidend. Sollten die Renditen gemäßigter steigen – zumal weitere Leitzinsanhebungen den Druck auf das lange Ende der Zinskurve sogar verringern könnten – und insbesondere robustes nominales Wachstum statt höherer Risikoaufschläge signalisieren, sehe ich den positiven Ausblick für Aktien auch vor dem Hintergrund steigender Langfristzinsen nicht gefährdet.
China: starke Industrie, schwache Binnenkonjunktur
Die gestern in China veröffentlichten Konjunkturdaten für August unterstreichen die anhaltende Divergenz zwischen Industrie und binnenwirtschaftlich orientierten Sektoren. Während die Industrieproduktion auch dank robuster Auslandsnachfrage um 5,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr zulegte, stiegen die Einzelhandelsumsätze lediglich um 0,4 Prozent, die Anlageinvestitionen sanken in den ersten acht Monaten des Jahres um 7,2 Prozent und die Immobilienpreise gaben – abgesehen von den größten Metropolen – weiter nach. Getragen wird das Wachstum vor allem von Zukunftsbranchen entlang der Wertschöpfungskette im Bereich Künstliche Intelligenz sowie von der industriellen Modernisierung. Während sich die Transformation des chinesischen Wachstumsmodells hin zu Technologie und größerer strategischer Unabhängigkeit fortsetzt, erhöht die anhaltende Schwäche der Binnenkonjunktur den Druck auf die Regierung, die im Juli angekündigten fiskalischen Unterstützungen beschleunigt umzusetzen.
Im Zuge dessen dürften auch die staatlichen Anleiheemissionen auf zentraler wie regionaler Ebene im restlichen Jahresverlauf zunehmen. Analysten rechnen für September und Oktober mit monatlichen Nettoemissionen von rund einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts – knapp 200 Milliarden US-Dollar –, nach durchschnittlich 0,6 Prozent im ersten Halbjahr. Bemerkenswert ist, dass die Renditen chinesischer Staatsanleihen (CGBs) trotz des erwartet höheren Angebots nahe ihrer Mehrjahrestiefs notieren. Zehnjährige CGBs rentieren derzeit unter 1,7 Prozent. Neben einer lockeren Geldpolitik tragen dazu vor allem Chinas staatliche Geschäftsbanken bei, die dank hoher Spareinlagen und schwacher Kreditnachfrage reichlich Liquidität in CGBs anlegen. Zusätzliche Emissionen werden dadurch weitgehend innerhalb des staatlich gelenkten Finanzsystems absorbiert. Trotz weltweit steigender Anleiherenditen dürfte die schwache Binnennachfrage den Aufwärtsdruck auf chinesische Renditen vorerst begrenzen.
Abverkauf am Anleihemarkt: Warnsignal oder Normalisierung?
Die Anleihemärkte sorgen für Unruhe: Renditen nähern sich den Niveaus der Finanzkrise und die Debatte über Inflation, Geldpolitik und Staatsverschuldung gewinnt neue Brisanz. Droht eine neue Krise oder erleben wir die Rückkehr zu einem normalen Zinsumfeld? Darüber spricht Dr. Dirk Steffen, Leiter Kapitalmarktstrategie der Deutschen Bank, mit Finanzjournalistin Jessica Schwarzer.
Zahl des Tages: 1.810.000.000
Ein geomagnetischer Sturm entsteht, wenn Sonneneruptionen das Magnetfeld der Erde durcheinanderbringen. Solche Ereignisse sind nicht ungewöhnlich; sie können den weltweiten Funkverkehr stören, Stromnetze vorübergehend ausfallen lassen und Satelliten beschädigen. In seltenen Fällen drohen aber gravierende wirtschaftliche Folgen. Wissenschaftler um Edward J. Oughton von der George Mason University in Fairfax, USA, haben berechnet: Ein Sonnensturm von einer Stärke, wie sie einmal in 250 Jahren erwartet wird, könnte die US-Wirtschaft täglich 1,81 Milliarden US-Dollar kosten. Bis zu fünf Millionen US-Bürger und mehr als 135.000 Unternehmen wären von Stromausfällen betroffen. Zu verhindern sind solche Extremereignisse nicht. Die Autoren hoffen aber, dass ihre Untersuchung helfen wird, das Stromnetz besser gegen die Folgen künftiger Sonnenstürme abzusichern.
Seien Sie heute gut vorbereitet.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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