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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
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19. Oktober 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

der Preis für europäisches Erdgas steigt kräftig, der Internationale Währungsfonds warnt vor der Gefahr eines sprunghaften und ungeordneten Anstiegs der Anleiherenditen, und MSCI stellt Indonesiens Schwellenmarktstatus infrage.

LNG-Engpässe treiben Europas Gaspreis

Der Preis für europäisches Erdgas ist an der niederländischen Title Transfer Facility (TTF) seit Anfang Oktober kräftig gestiegen und erreichte vergangene Woche zwischenzeitlich 88 Euro je Megawattstunde – das höchste Niveau seit Ende 2022. Haupttreiber sind die Einschränkungen der LNG-Produktion und -Schifffahrt am Persischen Golf. Dadurch fehlen je nach Schätzung 15 bis 20 Prozent des globalen LNG-Angebots. Zusätzliche US-Lieferungen und höhere norwegische Pipelineflüsse dämpfen die Folgen, gleichen den Ausfall aber nicht aus. Zugleich liegen die europäischen Speicherstände deutlich unter dem saisonal üblichen Niveau. Europa muss daher im Winter stärker um flexible LNG-Ladungen konkurrieren. Ein kalter Winter, höhere asiatische Nachfrage oder anhaltende Spannungen am Golf könnten die Preise weiter treiben und die Konjunktur belasten.

IWF warnt vor Schock an den Anleihemärkten

Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt vor der Gefahr eines sprunghaften und ungeordneten Anstiegs der Anleiherenditen. Hintergrund sind die weltweit hohen Staatsschulden, steigende Inflationsrisiken und die zunehmende Konkurrenz um Anlegergelder. Besonders kritisch sieht der IWF die Rolle von Hedgefonds. Diese halten inzwischen einen deutlich größeren Anteil an US-Staatsanleihen und finanzieren ihre Positionen häufig mit hohen Krediten. Solange die Märkte stabil bleiben, funktioniert dieses Modell. Kommt es jedoch zu steigenden Renditen oder Verlusten, könnten einige Fonds gleichzeitig gezwungen sein, Anleihen zu verkaufen. Dadurch würden die Kurse zusätzlich fallen und die Renditen noch stärker steigen. Ein solcher Teufelskreis könnte die Marktbewegungen erheblich verstärken und zu einer ungeordneten Korrektur führen. Gleichzeitig konkurrieren Staaten zunehmend mit KI-Unternehmen um das Kapital der Investoren. Die massiven Schuldenaufnahmen von Technologiekonzernen zur Finanzierung von Rechenzentren und KI-Infrastruktur könnten den Finanzierungsdruck weiter erhöhen. Aus Sicht des IWF macht die Kombination aus hoher Verschuldung, Hebelfinanzierung und steigenden Zinsen die globalen Anleihemärkte heute anfälliger für plötzliche Schocks als vor wenigen Jahren. 

Europa liegt bei Infrastrukturkapital weltweit vorn

In der ersten Jahreshälfte sammelten private, geschlossene Infrastrukturfonds weltweit 40 Milliarden US-Dollar ein – deutlich weniger als die 125 Milliarden US-Dollar im Vorjahreszeitraum. Ein Grund ist die anhaltende globale geopolitische Unsicherheit. Europäische Fonds konnten sich in dem herausfordernden Umfeld allerdings gut behaupten und nehmen mit rund 18 Milliarden US-Dollar eingeworbenem Kapital die globale Spitzenposition ein, vor multiregionalen Fonds und vor Fonds mit Fokus auf Nordamerika. Auch im zweiten Halbjahr bleibt europäische Infrastruktur im Interesse internationaler Investoren; Energie ist dabei weiterhin das Segment mit dem größten Fokus. Ich halte Infrastruktur weiterhin für ein strukturelles Wachstumsthema. Anleger sollten bei der Auswahl von Investitionsmöglichkeiten im Bereich der Infrastruktur beachten, dass neben dem Energiesektor künftig weitere Segmente – von Transport über Verteidigung bis hin zu digitaler Infrastruktur und Netzen – eine größere Rolle spielen könnten.

MSCI stellt Indonesiens Schwellenmarktstatus infrage

MSCI erwägt, den indonesischen Finanzmarkt aus der Kategorie der Schwellenländer auszuschließen und zu einem isolierten „Standalone“-Markt herabzustufen. Grund dafür sind anhaltende Bedenken hinsichtlich der Transparenz und der Marktpraktiken. Dadurch würde Indonesien aus globalen MSCI-Indizes genommen. Ausländische Anleger haben 2026 bereits netto Aktien im Wert von rund fünf Milliarden US-Dollar verkauft. Die Ankündigung ließ den Leitindex in Jakarta am Freitag um elf Prozent auf ein Sechsjahrestief fallen und löste eine 30-minütige Handelsunterbrechung aus. 

Die Indonesische Rupiah sank auf 18.070 Rupiah je US-Dollar. Indonesische Behörden und die Börse verweisen auf bereits eingeleitete Reformen zur Verbesserung von Transparenz und Integrität sowie zur Erhöhung des Streubesitzes. Sofern jedoch keine eindeutigen Fortschritte bei Marktpraktiken und Funktionsfähigkeit erkennbar sind, könnte MSCI die Herabstufung im kommenden Jahr umsetzen. Indonesien wäre der größte Markt, der jemals als „Standalone“ eingestuft wurde. Für Anleger veranschaulicht Indonesien die erhöhten Risiken, die mit Investitionen in Schwellenländer verbunden sind.

Bekommt Frankreich seine Schulden in den Griff?

Frankreichs hohe Verschuldung beunruhigt viele Anleger und führt zu rekordhohen Risikoaufschlägen am Anleihemarkt. Stehen wir vor einer neuen Euro-Krise? Oder können Anleger jetzt von hohen Anleihezinsen profitieren? Außerdem: Was ist von der anlaufenden Berichtssaison in den USA und in Europa zu erwarten? Darüber spreche ich mit Finanzjournalistin Jessica Schwarzer.

Zahl des Tages: 24–235

Wie die US-Raumfahrtbehörde NASA kürzlich mitteilte, geht die PRIMA-Mission in die nächste Entwicklungsphase. PRIMA ist ein Weltraumteleskop, das die Geschichte und Entwicklung des Universums erforschen soll und 2033 an den Start gehen könnte. Hinter der Mission steht ein internationales Konsortium aus Forschungseinrichtungen, darunter das deutsche Max-Planck-Institut für Astronomie. PRIMA soll als Infrarotteleskop eine Lücke schließen: Es wird einen Spektralbereich von 24 bis 235 Mikrometern abdecken, der von existierenden Teleskopen nicht beobachtet wird. Bevor es zur finalen Entscheidung über den Bau kommt, müssen aber noch das genaue Design des Teleskops und die benötigten Technologien ausgearbeitet werden. Dann könnte PRIMA, so hofft die NASA, mit seinem hochempfindlichen 1,8-Meter-Spiegel ein neues Fenster in die Tiefen des Alls öffnen. 

Ich wünsche Ihnen einen klarsichtigen Tag. 

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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