31. März 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
die Energiepreise in Deutschland sind in einem Jahr um über sieben Prozent gestiegen, Europa ist führend in der KI-Forschung, und das Angebotsdefizit stützt den deutschen Immobilienmarkt.
Deutschland: Inflation auf Zwei-Jahres-Hoch
Etwas stärker als im Marktkonsens erwartet sind die Verbraucherpreise in Deutschland im März gestiegen: Nach 1,9 Prozent im Februar sprang die Inflationsrate auf 2,7 Prozent, den höchsten Stand seit Anfang 2024. Verantwortlich hierfür waren primär die Energiepreise, die sich im März um 7,2 Prozent zum Vorjahresmonat verteuerten. Für Dienstleistungen lagen die Preise um 3,2 Prozent über dem Vorjahresniveau, für die um Energie- und Lebensmittelprise bereinigte Kerninflation um 2,5 Prozent – beides noch unverändert zum Februar. Für die heute um 11 Uhr anstehenden Daten zur Inflation in der gesamten Eurozone wird ein ähnlich kräftiger Sprung aufwärts erwartet, nämlich von 1,9 auf 2,6 Prozent. Für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte entscheidend sein, ob beziehungsweise wie schnell die höheren Energiekosten in den kommenden Monaten auf die Wertschöpfungsketten durchschlagen. Steigende Produktions- und Transportkosten dürften zum Beispiel auch bei Lebensmitteln oder Dienstleistungen für Preissteigerungen sorgen.
An den Terminmärkten werden bis zum Jahresende rund drei Zinserhöhungen zu je 0,25 Prozentpunkten eingepreist, eine erste mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit bereits für den 30. April. Dies könnte jedoch etwas zu sportlich sein, falls die EZB erst einmal die Auswirkungen des Nahostkonflikts auf die Konjunktur beobachten möchte.
Energiesektor als Infrastruktur-Investment
Beim Aufbau neuer KI-Rechenzentren bestimmen Strom und Netzanschluss als Schlüsselthemen die Geschwindigkeit des Ausbaus. Viele große Volkswirtschaften sehen sich mit Verzögerungen von vier bis sechs Jahren beim Netzanschluss konfrontiert, bedingt durch Engpässe bei Umspannwerken, Transformatoren und Genehmigungen. Daher gehen Investitionen zunehmend über das Rechenzentrumsvermögen hinaus und schließen die erweiterte Wertschöpfungskette ein. Diese umfasst die Energieerzeugung, Übertragungs- und Verteilungsanlagen sowie fortschrittliche Wasser- und Kühlsysteme. Die steigende Nachfrage nach Energie beeinflusst unmittelbar Entscheidungen zur Kapitalallokation, die Bewertung von Vermögenswerten sowie Tempo und Fokus von Transaktionen. Vermögenswerte mit gesichertem Zugang zu Strom, Brennstoffen und Netzen werden höher bewertet. Für private Investoren ergaben sich attraktive Möglichkeiten, da öffentliche Investitionsprogramme nicht ausreichen. Abhängig von der weiteren Entwicklung der Energiepreise könnte die Profitabilität einzelner Projekte reevaluiert werden. Für risikobewusste Anleger mit langem Anlagehorizont könnten private Infrastrukturfonds, die den Rechenzentren- und Versorgersektor abdecken, eine attraktive Ergänzung des Portfolios darstellen.
Physische KI: Europa liegt gut im Rennen
Europäische Start-ups könnten zu den größten Gewinnern zählen, wenn KI-Innovationen über Sprachmodelle (LLMs) hinausgehen und in die physische Welt vordringen. Seit ChatGPT im Jahr 2022 arbeitet Europa daran, seine Rolle in der KI-Zukunft zu definieren. Während im LLM-Bereich das Rennen entschieden scheint, ist das Feld der physischen KI noch offen. Dazu gehören Systeme, welche die reale Welt wahrnehmen, Schlussfolgerungen ziehen und Handlungen auslösen können. Die Anwendungsfälle reichen von Robotik über selbstfahrende Autos bis hin zur Laborautomatisierung. Europa verfügt mit seiner hohen Roboterdichte und starken Industrie laut der „International Federation of Robotics“ über Vorteile: Physische KI muss in echten industriellen Umgebungen trainiert, getestet und eingesetzt werden. Neben der Fertigung brilliert Europa in der KI-Forschung. Ein Bericht des „Joint Research Centre“ der Europäischen Kommission von 2025 ergab, dass die EU mit 13 Prozent den größten Anteil an KI-Akteuren weltweit besitzt, darunter Forschungsinstitute, Regierungsstellen und Veröffentlicher wissenschaftlicher Artikel. In den USA sind es nur vier Prozent. Für risikobewusste, langfristige Anleger könnten Wagniskapitalfonds, die in europäische KI-Unternehmen investieren, eine attraktive Möglichkeit bieten, wobei ein erhöhtes Risiko bestehen kann, sofern diese Unternehmen noch nicht profitabel arbeiten.
Deutsche Immobilien: Preisanstieg stockt
Deutsche Immobilien: Preisanstieg stockt Die deutschen Hauspreise stiegen 2025 um 3,2 Prozent, liegen damit aber noch rund acht Prozent unter dem Höchststand von 2022. Zugleich verlor die Dynamik zum Jahresende deutlich an Schwung: Im vierten Quartal betrug das Preiswachstum nur noch 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Anfang 2026 stiegen die Hypothekenzinsen auf den höchsten Stand seit Mitte 2024, und seit Ende Februar haben die zehnjährigen Bundrenditen über 0,3 Prozentpunkte zugelegt. Ein Rückfall wie 2022 ist laut Analysten dennoch unwahrscheinlich: Damals traf der Zinsschock einen überhitzten Markt mit Hypothekenzinsen nahe null – heute liegt das Zinsniveau bereits deutlich höher und selbst im schlechtesten Fall wäre der Effekt geringer. Das strukturelle Angebotsdefizit stützt den Markt weiterhin. Der deutsche Immobilienmarkt steht vor einer vorübergehenden Verschnaufpause, nicht vor einer Wiederholung der Korrektur von 2022 – das strukturelle Angebotsdefizit bleibt der entscheidende Stabilisierungsanker.
Anlagestrategien gegen die aktuelle Krise
Welche Anlagestrategien helfen gegen die aktuelle Krise? Value, Quality, Momentum, Dividend, Size: Mit diesen Strategien verbinden viele Investoren die Hoffnung, langfristig besser als der Markt abzuschneiden. Funktioniert das? Kann man den Markt wirklich schlagen? Welche Modelle und Hypothesen, Chancen und Risiken es gibt, analysieren Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts PERSPEKTIVEN To Go.
Was diese Woche wichtig wird
- Im Laufe der Woche, Berichtssaison USA | Aus dem S&P 500 berichten Nike, McCormick & Co und Conagra Brands.
- Europa | Aus dem STOXX 600 berichten Auto1 Group, Tauron Polska Energia, Buzzi, Asseco Poland und Infrastrutture Wireless Italia.
- Asien | Aus China berichten unter anderem die Bank of China und China Shenhua Energy.
- Dienstag, Euroraum | Gesamt- und Kerninflation im März (vorläufig). Analysten erwarten im Konsens, dass sich die jährliche Gesamtinflation im Euroraum von 1,9 Prozent im Februar auf 2,6 Prozent im März beschleunigt haben könnte. Die Kerninflation dürfte mit 2,4 Prozent auf einem Niveau liegen, wie im Februar gelegen haben. Die März-Daten werden den ersten Monat darstellen, in dem sich die jüngste Eskalation im Nahen Osten vollständig in den Verbraucherpreisen des Euroraums widerspiegelt. In der vergangenen Woche signalisierte EZB-Ratsmitglied Joachim Nagel, dass eine Zinserhöhung im April „eine Option“ sei. Entsprechend hohe Inflationsdaten könnten den restriktiven Ton der EZB weiter untermauern.
- Mittwoch, USA | ISM-Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe im März. Dem Marktkonsens dürfte der Index mit 52,3 Punkten oberhalb der Expansionsschwelle von 50 Punkten verblieben sein und damit weiter auf eine Ausweitung der wirtschaftlichen Aktivität hindeuten. Gleichzeitig wird erwartet, dass der Index geringfügig unter dem Februarwert von 52,4 Punkten liegt. Am Freitag wird außerdem der entsprechende Index für den Dienstleistungssektor veröffentlicht. Freitag,
- USA | Arbeitsmarktdaten für März. Analysten rechnen im Median mit einem Beschäftigungszuwachs von 50.000 Stellen im März, nachdem die Beschäftigung im Februar um 92.000 Stellen zurückgegangen war. Die Arbeitslosenquote dürfte stabil bei 4,4 Prozent bleiben. Die Märkte werden insbesondere darauf achten, dass sich inwieweit die jüngste Eskalation im Nahen Osten über höhere Ölpreise auf die Einstellungsdynamik ausgewirkt hat. In der Vergangenheit hat sich der US-Arbeitsmarkt jedoch als vergleichsweise widerstandsfähig gegenüber Ölpreisschwankungen erwiesen.
Zahl des Tages: 99
Blaumeisen haben ein Wohnungsproblem: Die Höhlen oder Vogelkästen, in denen sie nisten, sind ein idealer Lebensraum für blutsaugende Parasiten wie Zecken und Flöhe. Zur Abwehr verwenden die Vögel Pestizide – aus Zigaretten. Ein Team um Michał Glądalski von der polnischen Universität Łódź hat sich die Sache näher angesehen. Die Forscher untersuchten 99 Meisen, nachdem sie in einen Teil der Nester Zigarettenstummel gelegt hatten. In diesen Nestern waren die Meisen gesünder und die Nester selbst wiesen weniger Parasiten auf als andere Nistorte. Das zeigt die Wirksamkeit einer Abwehrstrategie, die in der Vogelwelt offenbar weit verbreitet ist. Hausgimpel in Mexiko sind dabei besonders rigoros: Als Forscher zusätzliche Zecken in ihre Nester setzten, konterten die Vögel mit einer weiteren Ladung Zigarettenstummel.
Ich wünsche Ihnen einen resilienten Tag.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
PERSPEKTIVEN am Morgen: Störung im Anmeldeprozess
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Soweit hier von Deutsche Bank die Rede ist, bezieht sich dies auf die Angebote der Deutsche Bank AG. Wir weisen darauf hin, dass die in dieser Publikation enthaltenen Angaben keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung darstellen, sondern ausschließlich der Information dienen. Die Information ist mit größter Sorgfalt erstellt worden. Bei Prognosen über Finanzmärkte oder ähnlichen Aussagen handelt es sich um unverbindliche Informationen. Soweit hier konkrete Produkte genannt werden, sollte eine Anlageentscheidung allein auf Grundlage der verbindlichen Verkaufsunterlagen getroffen werden. Aus der Wertentwicklung in der Vergangenheit kann nicht auf zukünftige Erträge geschlossen werden.
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