16. Juni 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
die USA und der Iran verständigen sich auf eine vorläufige Einigung, Aktien von Hyperscalern hinken denen von Chip-Herstellern hinterher, und der FTSE 100 zeigt sich trotz politischer Debatten fundamental robust.
USA und Iran erzielen vorläufige Einigung – Hoffnung auf Entspannung am Golf
Die USA und Iran haben sich auf eine vorläufige Absichtserklärung verständigt, die den Konflikt am Golf beenden, die Straße von Hormus wieder öffnen und binnen 60 Tagen weitere Verhandlungen über ein neues Nuklearabkommen sowie über die Lockerung oder Aufhebung von Sanktionen einleiten soll. Die formale Unterzeichnung ist für diesen Freitag in der Schweiz vorgesehen. Der Preis für Rohöl der Sorte Brent fiel gestern um knapp fünf Prozent auf rund 83 US-Dollar je Barrel, der US-Dollar gab leicht nach, und die gestiegene Risikobereitschaft der Anleger sorgte weltweit sowohl an den Anleihe- als auch an den Aktienmärkten für Kursgewinne. Für Anleger verbessert dies die Aussichten auf eine Erholung jener Anlagen, die besonders stark unter dem Energieschock gelitten haben, vor allem bei konjunkturabhängigen Aktien in Europa und Teilen Asiens; auch Anleihen dürften von geringeren Inflationsrisiken und etwas niedrigeren Renditen profitieren. Gleichwohl bleibt Vorsicht geboten: Das Abkommen ist vorläufig, seine Tragfähigkeit hängt von schwierigen Folgegesprächen, politischer Zustimmung in den USA und dem fortdauernden Israel-Hisbollah-Konflikt im Libanon ab.
Trotz KI-Boom: Hyperscaler mit verhaltener Kursentwicklung
Die Kursentwicklung entlang der KI-Wertschöpfungskette wurde im Jahresverlauf insbesondere von vorgelagerten Bereichen wie Halbleitern getragen. Die „Hyperscaler“, also führende US-Technologiekonzerne im Ausbau von Rechenzentren, notieren trotz weiter hoher KI-Nachfrage hingegen im Schnitt unter ihren Niveaus vom Jahresanfang. Ein wesentlicher Grund dürften die hohen Investitionen sein, die freie Mittelzuflüsse zeitlich verzögern und die Geschäftsmodelle kapitalintensiver machen. Langfristig bilden sie zugleich die Grundlage für zusätzliches Wachstum. Für dieses Jahr erwarten Analysten Investitionen zwischen 720 und 760 Milliarden US-Dollar, im kommenden Jahr zwischen 870 und 920 Milliarden US-Dollar. Mit dem zunehmenden Einsatz von KI‑Agenten, die das Volumen der zu verarbeitenden Tokens deutlich erhöhen, dürfte die Nachfrage nach Rechenleistung weiter steigen, sodass die aktuellen Prognosen eher konservativ erscheinen. Steigende Gewinnschätzungen und verhaltene Kursentwicklung haben das durchschnittliche erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis der Hyperscaler auf rund 22 gedrückt – so niedrig wie seit über zehn Jahren nicht mehr. Die Bewertung wirkt damit attraktiv. Verzögerungen beim Ausbau von Rechenzentren, etwa durch Engpässe bei Speicherchips oder der Stromversorgung, bleiben die mittelfristigen Risiken.
Deutschland baut Infrastruktur-Investitionen deutlich aus
Deutschland spielt eine zentrale Rolle bei Europas Aufbau einer zukunftsgerichteten Infrastruktur. Dazu hat die Bundesregierung aus dem Sondervermögen für Infrastruktur im letzten Quartal vergangenen Jahres 24 Milliarden Euro investiert. Insgesamt beliefen sich die Bundesinvestitionen im vergangenen Jahr auf 87 Milliarden Euro – ein Plus von 17 Prozent gegenüber 2024. In diesem Jahr sollen sie auf rund 120 Milliarden Euro steigen. Auch künftig sind Planungsbeschleunigung und Bürokratieabbau zentrale Prioritäten, damit die Mittel zügig und gezielt eingesetzt werden können. Private Investitionen bleiben trotzdem ein zentraler Baustein, um öffentliche Investitionen zu ergänzen. Knapp die Hälfte aller deutschen Investoren, die Infrastruktur-Anlagen in ihrem Portfolio halten oder erwägen, wollen in den nächsten zwölf Monaten in diese Anlageklasse investieren, rund jeder fünfte weitere Anleger denkt darüber nach. Dies verdeutlicht das anhaltende Interesse an dieser Anlageklasse. Den mit Abstand größten Sektor bilden mit 70 Prozent Energieprojekte, darunter Erneuerbare Energien, Netze und Speicherung. Interessierte Anleger könnten in diesem Segment fündig werden.
FTSE 100: Politische Debatten belasten Stimmung, Fundamentaldaten bleiben robust
Für den britische Leitindex FTSE 100 dürften politische Debatten über Steuern, Staatsausgaben und Energiekosten die Marktstimmung kurzfristig beeinflussen, die fundamentale Entwicklung jedoch unwesentlich bestimmen. Das liegt vor allem an der geringen Binnenmarktabhängigkeit: Nur rund ein Fünftel der Index-Unternehmen erzielt 40 Prozent oder mehr seiner Umsätze im Inland. Der stärker defensive und energiegeprägte britische Aktienmarkt entwickelte sich nach Ausbruch des Irankonflikts entsprechend robust, verlor zuletzt aber gegenüber dem STOXX 600 wieder an Performance.
Bei weiter fallenden Energiepreisen könnte sich die jüngste Entwicklung daher fortsetzen. Auf Sektorebene ergeben sich dennoch Chancen. Die Gewinne der Banken im Index dürften laut Analysten dieses Jahr mit mehr als neun Prozent stärker wachsen als bei europäischen Wettbewerbern, gestützt durch steigende Nettozinserträge und solides Kreditwachstum. Gleichzeitig bieten Versorger defensives Potenzial, da sie von hohem Investitionsbedarf in die Wasser- und Energieinfrastruktur profitieren könnten. Insgesamt spricht das derzeitige Umfeld bei britischen Aktien daher für eine selektive Sektorauswahl.
Rekordbörsengänge treffen auf nervöse Märkte
Die Nervosität an den US-Börsen bleibt hoch: Nach dem deutlichen Rücksetzer an der Wall Street geraten vor allem zinssensible Werte im Bereich Technologie und Künstliche Intelligenz (KI) unter Druck. Gleichzeitig stehen Rekordbörsengänge rund um KI und Technologie bevor – und werfen die Frage auf, wie belastbar der Risikoappetit in diesem Marktumfeld wirklich ist. Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich ordnen die aktuelle Lage an den Märkten ein.
Zahl des Tages: 32
Cywyddau, pohutukawa, tlachtli, taurokathapsia: Wer diese Wörter aus dem Effeff beherrscht, konnte sich beim diesjährigen Scripps National Spelling Bee gute Chancen ausrechnen. Der Buchstabierwettbewerb, eine amerikanische Institution, wurde Ende Mai in Washington, D. C., zum 98. Mal ausgetragen. Am Ende triumphierte ein 14-jähriger Kalifornier. Shrey Parikh buchstabierte im Finale 32 seltene englische Vokabeln in nur 90 Sekunden fehlerfrei. Er setzte sich damit gegen über 200 Konkurrenten im Alter von neun bis 15 Jahren durch. Den Sieg machte Parikh mit einer eher schlichten Vokabel klar: Sein letztes Wort „cashaw“ bezeichnet eine lateinamerikanische Kürbisart.
Finden Sie heute die richtigen Worte.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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