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Tägliche Kapitalmarkteinschätzungen von Dr. Ulrich Stephan,
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29. Juni 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

Europa sollte sich besser auf Extremwetter vorbereiten, das Erdbeben in Venezuela erschüttert ein wirtschaftlich angeschlagenes Land, und spekulative Investoren setzen mittelfristig auf Platin.

Europas Hitzewelle verstärkt den Energieschock  

Die jüngste „Omega“-Hitzewelle erhöht das Risiko einer ausgeprägten Sommerdürre in Europa und könnte die wirtschaftliche Aktivität über mehrere Kanäle belasten, insbesondere durch eine geringere Stromerzeugung infolge eingeschränkter Kühlkapazitäten thermischer Kraftwerke sowie durch niedrigere Pegelstände zentraler Wasserstraßen. Dies könnte das Energieangebot weiter verknappen und die Preisentwicklung beschleunigen. Bereits im Jahr 2022 hatten extreme Wetterbedingungen den Energieschock infolge des Russland‑Ukraine-Krieges deutlich verschärft, unter anderem durch reduzierte Elektrizitätserzeugung aufgrund einer eingeschränkten Verfügbarkeit von Kernenergie in Frankreich. Somit fungieren extreme Wetterbedingungen zunehmend als Verstärkungsmechanismen geopolitisch bedingter Energieschocks. Gleichwohl fällt der jüngste Schock infolge der temporären Schließung der Straße von Hormus insgesamt geringer aus als im Jahr 2022, da keine ausgeprägten physischen Einschränkungen der Gasversorgung in Europa bestehen und sowohl Gas- als auch Ölpreise wieder nachgegeben haben. Die Erfahrungen zeigen, dass extreme Wetterereignisse und geopolitisch bedingte Schocks zwar unabhängig voneinander wirken, ihre kombinierten Effekte jedoch Energieengpässe verschärfen können. Vor diesem Hintergrund sollte Europa seine Resilienz weiter stärken.

Venezuela: Naturkatastrophe trifft auf größten Wirtschaftseinbruch der Moderne 

Nach den schweren Erdbeben in Venezuela hat die Regierung ein Notfallprogramm aufgelegt und einen Soforthilfefonds in Höhe von 200 Millionen US-Dollar angekündigt. Die Mittel könnten aus sogenannten Sonderziehungsrechten (SZR) des Internationalen Währungsfonds (IWF) stammen. Dabei handelt es sich um internationale Reserveaktiva, die Mitgliedsstaaten schnell Liquidität verschaffen. Venezuela verfügt schätzungsweise über SZR-Zuteilungen in Höhe von bis zu fünf Milliarden US-Dollar, auf die das Land bislang keinen Zugriff hatte, da die Zusammenarbeit mit dem IWF seit 2019 ausgesetzt war. Seit April erfolgt jedoch eine schrittweise Normalisierung der Beziehungen zum Fonds. Parallel dazu schreitet die Vorbereitung der staatlichen Schuldenrestrukturierung voran. Ersten Schätzungen von Experten zufolge beläuft sich diese auf rund 240 Milliarden US‑Dollar und dürfte damit die größte staatliche Schuldenrestrukturierung der Geschichte werden. Zudem verzeichnet Venezuela seit 2012 die stärkste in Friedenszeiten registrierte wirtschaftliche Kontraktion weltweit mit einem kumulierten Rückgang von über 65 Prozent. Beim Wiederaufbau dürfte das einst wohlhabendste Land Lateinamerikas maßgeblich auf internationale Unterstützung angewiesen sein.

Einstiegsgelegenheit beim MSCI Japan? 

Der seit Anfang April ausgebildete Aufwärtstrend des MSCI Japan erscheint weiterhin intakt, wenngleich in den vergangenen Tagen einige Rücksetzer zu vermerken waren. Primär spiegelten diese aber temporäre Korrekturphasen der Technologieindizes in den USA und Südostasien wider, denen sich auch der MSCI Japan nicht entziehen konnte. Viele Fundamentaldaten sprechen allerdings für eine Fortsetzung der Aufwärtsbewegung. Die Unternehmensgewinne entwickeln sich weiterhin robust, und der MSCI Japan weist im Vergleich zu einigen seiner asiatischen Pendants ein geringeres Konzentrationsrisiko auf. Das heißt, durch die größere Marktbreite ist er nicht so ausgeprägt abhängig von der Kursveränderung einiger weniger Unternehmen wie andere asiatische Indizes – er ist stärker diversifiziert. 

Analysten erwarten derzeit im Schnitt für den MSCI Japan ein Gewinnwachstum je Aktie von mehr als 13 Prozent für 2026 und 12 Prozent für 2027. Eine nachhaltige Deeskalation im Nahen Osten sollte japanischen Titeln zusätzlichen Rückenwind liefern. Der Trend könnte sich also kurzfristig weiter fortsetzen.  

Nach Korrektur: Platin gefragter als Palladium  

Während Platin und Palladium seit ihren Höchstständen im Januar in ähnlicher Größenordnung korrigiert haben, nämlich um rund 35 bis 40 Prozent, könnte das Bild bald etwas differenzierter ausfallen. Zwar leiden mit physischem Metall hinterlegte Zertifikate weiterhin unter starkem Verkaufsdruck. Die spekulativ orientierten Anleger an den US-Terminbörsen setzen bei Platin jedoch weiterhin auf mittelfristig anziehende Kurse; hier überwiegen die Kaufpositionen weiterhin deutlich. Bei Palladium wechselten die Investoren hingegen seit Ende März die Richtung – die Verkaufspositionen übersteigen nun die Kaufpositionen. Anfang Juni betrugen sie erstmals seit Oktober wieder mehr als 400.000 Unzen. Diese zunehmende Divergenz dürfte in erster Linie auf schwächere Nachfrageerwartungen für Palladium im Bereich der Autokatalysatoren zurückzuführen sein, sowie zuletzt auch auf einen spürbaren Anstieg des Angebots aus Recycling. Für Platin erscheint die Grundstimmung auch aufgrund der potenziell wachsenden Nachfrage aus der Wasserstoffindustrie konstruktiver, das Aufwärtspotenzial im zweiten Halbjahr sollte somit größer sein als für Palladium.

Globale Risiken, geldpolitische Signale – und die Folgen für die Märkte

Zwischen Iran-Verhandlungen, Ölpreisentwicklung und Zinsentscheiden von Fed und EZB: Die Kapitalmärkte stehen erneut im Spannungsfeld globaler Einflussfaktoren. Was bedeutet das für Anlegerinnen und Anleger? Das erfahren Sie von Dr. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, und Finanzjournalistin Jessica Schwarzer in der aktuellen Folge.

Was diese Woche wichtig wirdI

Im Laufe der Woche, Berichtssaison

  • USA | Aus dem S&P 500 berichten unter anderem Nike, Constellation Brands, General Mills und FactSet.
  • Europa | Aus dem STOXX 600 berichtet unter anderem Prosus.

Mittwoch

  • Eurozone | Inflation (Erstschätzung) für Juni. Im Marktkonsens wird ein Rückgang der Inflation im Euroraum von 3,2 Prozent im Mai auf 3,0 Prozent erwartet. Dies könnte als ein erstes Anzeichen für eine beginnende leichte Abschwächung des Preisdrucks vom Höchststand gewertet werden. Die für die Geldpolitik der EZB wichtigere Kerninflationsrate, die Energie- und Nahrungsmittelpreise ausklammert, dürfte jedoch unverändert bei 2,6 Prozent liegen. Spürbare Effekte der Zinserhöhung der EZB Mitte Juni dürften sich erst mittelfristig zeigen.
  • USA | ISM-Einkaufsmanagerindex (Verarbeitendes Gewerbe) für Juni. Im Median erwarten Analysten, dass der Index nach 54,0 Punkten im Mai mit 53,8 Punkten weiterhin deutlich im expansiven Bereich verharrt. Ein Rückgang in dieser Größenordnung würde auf eine lediglich geringfügige Eintrübung der Stimmung in den Industriebetrieben hindeuten. Mit Interesse dürften die Marktakteure darauf achten, ob die im Juni gesunkenen Erdöl- und Erdgaspreise sich stark dämpfend auf die Input- und Output-Preise ausgewirkt haben.
  • Donnerstag, USA | Arbeitsmarktdaten für Juni. Der Marktkonsens erwartet einen Beschäftigungsaufbau von 115.000 Stellen außerhalb der Landwirtschaft, nach 172.000 im Mai. Dies würde darauf hindeuten, dass die Dynamik am Arbeitsmarkt zwar nachlässt, die Beschäftigungsentwicklung insgesamt jedoch sehr robust bleibt. Die Arbeitslosenquote dürfte im vierten Monat in Folge bei 4,3 Prozent verharren, während die durchschnittlichen Stundenlöhne gegenüber dem Vorjahr voraussichtlich leicht von 3,4 auf 3,5 Prozent gestiegen sind.

Zahl des Tages: 92

Künstliche Intelligenz kann bestimmte Muster schneller und effizienter erkennen als der Mensch – zum Beispiel bei der Suche nach Seegurken. Die Tiere werden in getrockneter Form zu Arzneien verarbeitet und sind eine einträgliche Schmuggelware. Vanessa Pirotta, Wildtierforscherin an der Macquarie University in Australien, hat deshalb mit ihrem Team ein KI-Tool entwickelt, das getrocknete Haifischflossen, Seepferdchen und Seegurken auf Röntgenbildern entdecken kann. Im Praxistest war der Algorithmus in der Lage, 92 Prozent der eingeschmuggelten Proben korrekt zu identifizieren. Die Forscher hoffen, ihr Tool bald bei der Gepäckkontrolle an Flughäfen einsetzen zu können, um kriminellen Geschäftemachern das Handwerk zu legen. 

Ich wünsche Ihnen einen effizienten Tag. 

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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