7. Juli 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
die Bundesregierung setzt mit dem Haushaltsentwurf für 2027 auf deutlich höhere Ausgaben und eine anhaltend expansive Kreditaufnahme, Unsicherheit rund um das United States–Mexico–Canada Agreement (USMCA) belastet mexikanische Aktien, und der große Zinsabstand zwischen Japan und den USA sowie Japans hohe Staatsverschuldung drücken den Yen gegenüber dem US-Dollar auf den niedrigsten Stand seit 1986.
Bundeshaushalt 2027: mehr Ausgaben, mehr Schulden, weniger Spielraum
Die Bundesregierung setzt mit dem gestern beschlossenen Haushaltsentwurf für 2027 und der Finanzplanung bis 2030 auf deutlich höhere Ausgaben und eine anhaltend expansive Kreditaufnahme. Die Ausgaben des Bundes sollen im kommenden Jahr auf rund 640 Milliarden Euro steigen. Einschließlich einer Entnahme aus der Haushaltsrücklage beläuft sich der Finanzierungsbedarf auf 210,5 Milliarden Euro und liegt damit um 14 Milliarden Euro über den im April veröffentlichten Eckwerten. Auch für die Jahre 2028 bis 2030 ist eine höhere Neuverschuldung vorgesehen als bislang geplant. Die Tilgung pandemiebedingter Schulden soll von 2028 auf 2033 verschoben, die von der Schuldenbremse befreiten Verteidigungsausgaben ausgeweitet werden. Gleichzeitig steigt die veranschlagte Zinslast des Bundes deutlich: von 41,9 Milliarden Euro im Jahr 2027 auf voraussichtlich 80,7 Milliarden Euro im Jahr 2030. Wird der Haushalt so oder in ähnlicher Form verabschiedet, dürfte sich der fiskalische Spielraum in den kommenden Jahren merklich verengen. Zugleich spricht der steigende Finanzierungsbedarf des Staates für anhaltenden Aufwärtsdruck auf deutsche Kapitalmarktzinsen. Renditen von über drei Prozent für zehnjährige Bundesanleihen könnten damit mittelfristig zur Normalität werden.
USMCA-Unsicherheit belastet Mexikos Aktienmarkt
Der MSCI Mexiko stieg seit Jahresbeginn um rund 14 Prozent und bleibt damit hinter dem MSCI Emerging Markets zurück, der um 24 Prozent zulegte. Die relative Underperformance dürfte zum einen die starke KI-lastigkeit des MSCI EMs widerspiegeln und zum anderen die Unsicherheit rund um das USMCA-Freihandelsabkommen, dessen Neuverhandlungen die Investitionsbereitschaft belasten. Zwar lehnte die US-Regierung vergangenen Mittwoch eine Verlängerung des Abkommens in seiner bisherigen Form ab, jedoch bleibt das Abkommen vollständig in Kraft. Stattdessen beginnt ein jährlicher Überprüfungsprozess, ohne dass unmittelbare Änderungen bei Zöllen, Marktzugang oder Handelsregeln vorgesehen sind. Die Verhandlungen konzentrieren sich vor allem auf den Umgang mit chinesischen Vorprodukten. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI Mexiko liegt derzeit rund sieben Prozent unter dem Zehnjahresdurchschnitt und deutet damit auf eine günstige Bewertung hin. Deshalb könnte Mexiko von einer erneuten Rotation aus Technologiewerten in stärker zyklisch geprägte Märkte profitieren – Grundstoffe und Basiskonsumgüter machen knapp 60 Prozent des Index aus. Unterstützend wirken weiterhin die enge wirtschaftliche Verflechtung mit den USA sowie langfristige Nearshoring-Trends im Zuge der zunehmenden geoökonomischen Fragmentierung.
Italien: Sinkende Renditen treffen auf steigende fiskalische Unsicherheit
Die Renditen zehnjähriger italienischer Staatsanleihen (Buoni del Tesoro Poliennali, BTP) sind seit Ende März um 0,21 Prozentpunkte auf 3,698 Prozent gesunken.
BTPs entwickelten sich somit besser als ihre deutschen und französischen Pendants, deren Renditen im gleichen Zeitraum lediglich um 0,077 und 0,010 Prozentpunkte zurückgingen. Spekulationen über vorgezogene Neuwahlen im April 2027 – der reguläre Termin wäre erst Ende 2027 – könnten jedoch die politische Unsicherheit erhöhen und einen Teil dieser Gewinne abschmelzen lassen. Der Grund: Parteien könnten mit der Ankündigung zusätzlicher fiskalischer Ausgaben um Stimmen werben, was die öffentlichen Finanzen belasten würde. Ende 2025 lag die Schuldenquote bei 137,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, das Haushaltsdefizit bei 3,1 Prozent. Die Regierung hat zwar angekündigt, das Haushaltsdefizit in diesem Jahr auf 2,8 Prozent zu senken, allerdings belasteten die aufgrund der Blockade der Straße von Hormus erhöhten Energiepreise die italienische Wirtschaft. Die Regierung stellte daher bereits für dieses Jahr zusätzliche fiskalische Maßnahmen in Aussicht. Vor diesem Hintergrund dürften steigende politische Risiken die Volatilität erhöhen, besonders bei länger laufenden BTPs.
Yen-Schwäche setzt sich fort: tiefster Stand seit 1986
Der Yen fiel vergangene Woche auf 162,80 Yen je US-Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit 1986. Hauptgründe sind der große Zinsabstand zwischen Japan und den USA sowie Japans hohe Staatsverschuldung. Zwar hatte die japanische Notenbank im Frühjahr mit umfangreichen US-Dollar-Verkäufen versucht, den Yen zu stützen – diese Eingriffe wirkten jedoch nur kurz. Auch die wiederholten Warnungen der Regierung vor weiteren Maßnahmen konnten den Abwärtstrend bislang nicht stoppen. An den Terminmärkten setzen spekulative Anleger verstärkt auf eine weitere Yen-Schwäche; entsprechende Positionen erreichten den höchsten Stand seit 2017. Auch an den Optionsmärkten werden längerfristig weitere Abwertungsrisiken eingepreist. Eine nachhaltige Erholung des Yen dürfte erst einsetzen, wenn sich der Zinsabstand zwischen Japan und den USA deutlich verringert.
Auf Kredit an die Börse: Gefahr für Anleger und Märkte?
Zwischen langfristiger Geldanlage und kurzfristiger Spekulation verläuft oft eine unscharfe Grenze – besonders beim Einsatz von Fremdkapital. Welche Rolle Risikoprofil, Anlagehorizont und Marktumfeld dabei spielen, analysieren Dr. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, und Finanzjournalistin Jessica Schwarzer.
Zahl des Tages: 22
Untersuchungen zeigen, dass weibliche Beschäftigte seltener Künstliche Intelligenz nutzen als ihre männlichen Kollegen. Kein Wunder, sagt die KI-Expertin Zehra Chatoo. In einer Studie bat sie tausend Testpersonen, einen mit KI-Unterstützung geschriebenen Lebenslauf zu beurteilen. Für die Hälfte der Probanden gab Chatoo einen James Clarke als Verfasser an, für die anderen eine Emily Clarke. Im Übrigen war der Lebenslauf identisch. Das Resultat: „Emily“ erschien den Testpersonen um 22 Prozent weniger vertrauenswürdig als „James“. Zugleich führte die kommunizierte KI-Nutzung dazu, dass viele Teilnehmer an der Kompetenz von Emily zweifelten, während James für seine Initiative gelobt wurde. Die zögerliche KI-Adaption von Frauen, so Chatoo, sei kein Zeichen für mangelnde Fähigkeiten – sondern die korrekte Einschätzung eines ungleichen Umfelds.
Zeigen Sie heute Urteilskraft.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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