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3. Juni 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

die Europäische Union überarbeitet ihren Chips Act, die Inflation in der Eurozone erreicht den höchsten Stand seit September 2023, und wenige KI-nahe Tech-Werte stützen die Rally am US-Aktienmarkt.

EU plant Reform des Chips Act: Öffentliche Aufträge sollen bei Engpässen Vorrang erhalten

Die Europäische Union (EU) will ihre Chipindustrie stärken – und überarbeitet dafür den European Chips Act aus dem Jahr 2023. Hintergrund sind geopolitische Risiken und die Abhängigkeit von Chiplieferungen aus Asien. Die Europäische Kommission plant, ihr überarbeitetes Chipgesetz heute vorzustellen. Dieses soll Chiphersteller zwingen, bei Lieferengpässen öffentliche Aufträge zu bevorzugen. Die Verordnung umfasst sämtliche Chiparten und gilt für alle föderalen Ebenen und die öffentliche Verwaltung. Der ursprüngliche Chips Act sollte den Bau von Chipfabriken fördern, zeigte aber wenig Erfolg: Der EU-Anteil an der weltweiten Chipproduktion liegt weiterhin unter zehn Prozent – ursprüngliches Ziel waren 20 Prozent bis 2030. Über 90 Prozent der Hochleistungs-Chips kommen aus Taiwan. Eine Eskalation der Spannungen um Taiwan könnte die Lieferungen für Smartphones, Rechenzentren für Künstliche Intelligenz, Autos und medizinische Geräte massiv stören. Die EU will mit der neuen Verordnung zudem die Nachfrage bündeln, um Investitionen in Europa attraktiver zu machen. Das European Semiconductor Board der EU soll die Koordination übernehmen. Darüber hinaus soll eine Nachfrageforum-Plattform Chipfirmen mit Industrie und öffentlicher Hand vernetzen, fragmentierte Nachfrage sichtbar machen und bündeln. Die EU-Strategie zur Stärkung der Halbleiterindustrie könnte Chancen für europäische Chiphersteller und Zulieferer bieten, birgt aber auch hohe Risiken: Fachkräftemangel sowie Ressourcen- und Umweltbedenken stellen eine rasche Umsetzbarkeit infrage. Mögliche Marktverzerrungen könnten entstehen, sofern die Unternehmen dieser Industrie ohne öffentliche Stimuli nicht profitabel operieren und nicht wettbewerbsfähig sind. Zudem könnten globale Handelspartner durch die als protektionistisch zu wertenden Maßnahmen der EU Gegenmaßnahmen erlassen und damit bestehende geopolitische Spannungen weiter erhöhen.

Energiepreise treiben Inflation im Euroraum weiter nach oben

Die Inflation im Euroraum stieg gemäß der Erstschätzung auf 3,2 Prozent im Mai – den höchsten Stand seit September 2023. Im Vormonat hatte sie noch 3,0 Prozent betragen. Hauptverantwortlich für den Anstieg war die Energiepreisinflation, die nach 10,8 Prozent im April auf 10,9 Prozent im Mai angestiegen ist. Die Inflationsrate wäre ohne fiskalische Hilfen einiger Länder im Euroraum – wie etwa Preisdeckel für Energie und Kraftstoffe – noch etwas stärker angestiegen. Die Befürchtung der Europäischen Zentralbank (EZB), dass die höheren Energiepreise mittelfristig auch zu Zweitrundeneffekten führen, dürfte durch die Entwicklung der Kerninflation neue Nahrung erhalten haben: Die Kerninflationsrate stieg stärker als erwartet von 2,2 auf 2,5 Prozent und entfernte sich damit weiter von dem Zielwert der EZB von 2,0 Prozent. In den vergangenen Tagen hatten bereits einige Mitglieder des EZB-Rates – beispielsweise Joachim Nagel und Isabel Schnabel – weitere Hinweise auf eine zukünftig restriktivere Geldpolitik gegeben. Entsprechend preisen die Märkte derzeit eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für den 11. Juni sowie einen weiteren Zinsschritt im Herbst ein.

Wenige KI-Gewinner dominieren den US-Aktienmarkt

Der US-Aktienmarkt wird zunehmend von wenigen großen Technologiethemen getragen. Die zwei Sektoren Technologie und Kommunikation, die dem Bereich Künstliche Intelligenz (KI) nahe stehen, machen zusammen knapp die Hälfte der Marktkapitalisierung des S&P 500 aus. Diese Konzentration hat den Index zuletzt gestützt und schwächere Signale wie gedämpfte Verbraucherstimmung, höhere Ölpreise und steigenden Inflationsdruck überlagert.

Wertentwicklung des US-amerikanischen Aktienmarktes in Euro und inklusive Dividenden von 2021 bis 2026.

Die Unterstützung durch KI-Investitionen und Gewinnentwicklungen bleibt hoch. Die Berichtssaison für das erste Quartal sorgte für zusätzlichen Rückenwind – und die Gewinnschätzungen der Analysten werden weiter nach oben angepasst. Gleichzeitig zeigt sich auch bei den Gewinnschätzungen die hohe Konzentration: Seit Jahresbeginn entfiel der Großteil der Aufwärtsrevisionen im S&P 500 auf die beiden Sektoren Technologie und Kommunikation. Die Kehrseite ist eine höhere Anfälligkeit. Wenn wenige Titel und ein dominierendes Thema die Indexentwicklung bestimmen, können Rückschläge einzelner Marktführer stärkere Schwankungen auslösen. Wenngleich die strukturellen KI-Treiber intakt bleiben und die Bewertung des S&P 500 nicht überzogen wirkt, spricht die hohe Marktkonzentration für eine breite Aufstellung, besonders für risikobewusste, auf geringere Schwankungen bedachte Anleger, etwa durch eine Beimischung weniger KI-getriebener Sektoren.

Private Credit: Europäischer Markt bleibt hinter den USA zurück

Der Markt für Private Credit Fonds in Europa ist im Verglich zu den USA kleiner und jünger. Daher konnten Private Credit Fonds in der Vergangenheit für Finanzierungen von europäischen Unternehmen oftmals Renditeaufschläge in Höhe von durchschnittlich 0,25 bis 0,5 Prozentpunkten („Spread“) gegenüber vergleichbaren US-Finanzierungen erzielen. Diese Dynamik könnte sich jedoch ändern, da Geldgeber von US-Kreditnehmern seit der Diskussion um die Anlageklasse höhere Margen verlangen. In den USA haben sich die Spreads seit Jahresbeginn bei den meisten Finanzierungen um 0,5 bis 1,0 Prozentpunkte ausgeweitet, sodass die typische Preisgestaltung für Finanzierungen aktuell bei rund 5,25 Prozentpunkten über dem sichereren Referenzwert liegt. In Europa deutet die jüngste Aktivität hingegen darauf hin, dass sich der Markt kaum bewegt hat. Per Ende April lag der durchschnittliche Spread im europäischen „Direct Lending“ von Private Credit Fonds bei knapp 5,1 Prozentpunkten für die vergangenen zwölf Monate – und damit unter dem Gesamtjahreswert 2025 von 5,22 Prozentpunkten. Anleger mit Interesse an Private Credit Fonds sollten bei der Auswahl dieser Vehikel neben Renditeaspekten die Bindungsdauer des Kapitals berücksichtigen sowie eine sorgfältige Fondsmanagerauswahl treffen.

US-Börsen auf Höhenflug: Wie tragfähig ist die Rally?

Die US-Börsen eilen von Rekord zu Rekord, angetrieben vor allem von Technologie und dem Boom rund um Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig steigt die Inflation, geopolitische Risiken bleiben präsent – und die Rally wird von immer weniger Titeln getragen. Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich ordnen ein, wie solide der aktuelle Höhenflug wirklich ist.

Zahl des Tages: 2,3

Die Cheops-Pyramide von Giseh hat in 4.500 Jahren schon einige Erdbeben hinter sich – das letzte im Jahr 1992 erreichte immerhin eine Magnitude von 5,8. Was macht den Bau so standfest? Forscher um Mohamed El-Gabry vom Nationalen Forschungsinstitut für Astronomie und Geophysik in Kairo haben die Eigenschwingung verschiedener Pyramidenteile als einen wesentlichen Faktor ausgemacht. Die fundamentale Schwingungsfrequenz des Bauwerks liegt nach Messungen des Teams im Schnitt bei 2,3 Hertz, die des umgebenden Untergrunds bei 0,6 Hertz. Dank der unterschiedlichen Frequenzen können sich Schwingungen, etwa von einem Erdbeben, im Gebäude nicht leicht aufschaukeln. Ein niedriger Schwerpunkt und die große Grundfläche verleihen der Pyramide zusätzliche Stabilität – sie könnte Ägyptenreisenden also noch ein paar tausend Jahre erhalten bleiben.

Bleiben Sie heute standfest.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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