24. Juli 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
die Europäische Zentralbank fährt mit ihrer Zinspolitik auf Sicht, deutsche Anleiherenditen steigen auf den höchsten Stand seit 2011, und die jüngsten Huthi-Angriffe auf saudische Öltanker verdeutlichen die strategische Bedeutung des Roten Meeres für den globalen Energiemarkt.
EZB hält an Zinspfad fest: September-Erhöhung bleibt wahrscheinlich
Die Europäische Zentralbank ließ die Leitzinsen auf ihrer gestrigen Sitzung unverändert. Die Entscheidung fiel einstimmig, wenngleich einige Ratsmitglieder eine weitere Zinserhöhung bereits jetzt zur Diskussion stellten. Nach Einschätzung der Notenbank bleibt das Basisszenario trotz der Eskalation im Nahostkonflikt maßgeblich. Es sieht ein bis zwei weitere Zinsschritte vor und entspricht damit weitgehend den Erwartungen an den Zinsterminmärkten. Sollte der Preisauftrieb durch Öl und Erdgas nicht deutlich nachlassen, gilt eine Zinserhöhung im September als sehr wahrscheinlich. Da die Sitzungsergebnisse den Erwartungen entsprachen, blieben größere Marktreaktionen aus. Stärker im Fokus der Märkte standen die Ölpreise: Brent stieg erstmals seit Ende Mai über 100 US-Dollar je Barrel. Der Euro geriet daraufhin gegenüber dem US-Dollar unter Druck, während die Renditen von Staatsanleihen weiter anzogen.
Deutsche Anleiherenditen steigen auf höchsten Stand seit 2011
Die Renditen deutscher Staatsanleihen stiegen am Donnerstag weiter an und erreichten in der zehnjährigen Laufzeit rund 3,20 Prozent – den höchsten Stand seit 2011. Verantwortlich hierfür sind die Sorgen der Marktteilnehmer, dass die erneute Eskalation im Nahen Osten und die daraus resultierenden höheren Energiepreise den Inflationsdruck in Deutschland und Europa auf absehbare Zeit hoch halten könnten. Nicht nur die Ölpreise, sondern auch die Erdgas- und Strompreise legten wieder spürbar zu. Auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde verwies in ihrer gestrigen Pressekonferenz auf die weiterhin niedrigen Gasspeicherstände in Europa, die vor Beginn des Winterhalbjahres weiter aufgefüllt werden müssen. Solange die Märkte von einem länger anhaltenden Energiepreisschock ausgehen, dürfte das Potenzial für sinkende Renditen begrenzt bleiben. Schließlich würden höhere Energiekosten Haushalte, Unternehmen und Staat belasten, den Inflationsdruck verstärken und das Wachstum dämpfen.
Rotes Meer wird zum Risikofaktor für Öltransporte und saudische Aktien
Die jüngsten Huthi-Angriffe auf saudische Öltanker verdeutlichen die strategische Bedeutung des Roten Meeres für den globalen Energiemarkt. Während die Ölexporte der meisten Golfstaaten stark von der Straße von Hormus abhängen, verfügt Saudi-Arabien mit der Petroline-Pipeline zum Hafen Yanbu am Roten Meer über eine wichtige alternative Route. Über diese Verbindung konnte das Königreich zuletzt rund 65 Prozent des vor der Iran-Krise erreichten Exportvolumens beziehungsweise etwa vier Millionen Barrel pro Tag ausführen. Der Großteil dieser Lieferungen ist für Asien bestimmt. Tanker aus Yanbu müssen dafür jedoch die Bab-al-Mandab-Meerenge am südlichen Ausgang des Roten Meeres passieren, die zunehmend Ziel von Angriffen der Huthi-Miliz ist. Eine länger anhaltende Störung würde Schiffe zwingen, zunächst durch den Suezkanal im Norden ins Mittelmeer auszulaufen und anschließend Afrika über das Kap der Guten Hoffnung zu umfahren. Dies würde Transportzeiten und Kosten deutlich erhöhen, die Ölversorgung vor allem in Asien belasten und zusätzlichen Aufwärtsdruck auf die Ölpreise ausüben. Die Märkte preisen diese Risiken teilweise bereits ein: Der Preis für Öl der Sorte Brent stieg in dieser Woche von rund 80 auf knapp 100 US-Dollar je Barrel. Eine weitere Eskalation könnte den Aufwärtsdruck jedoch zusätzlich verstärken und die Finanzmärkte weltweit weiter belasten.
Trotz der gestiegenen Logistikrisiken hat der saudische Tadawul Leitindex seit der Ausweitung des Nahostkonflikts auf das Rote Meer um etwa 0,5 Prozent zugelegt. Dies dürfte vor allem daran liegen, dass das Rote Meer bislang nicht vollständig blockiert ist. Das Hauptrisiko konzentriert sich derzeit auf die Bab-al-Mandab-Meerenge im Süden, sodass die saudische Exportlogistik grundsätzlich funktionsfähig bleibt. Zugleich stützen höhere Ölpreise sowohl Staatseinnahmen als auch wirtschaftliche Aktivität im Königreich. Davon profitiert insbesondere der Finanzsektor, der über ein Drittel des Tadawul Index ausmacht. Hinzu kommt der Energiesektor mit einem Indexgewicht von knapp 17 Prozent. Die bislang robuste Marktreaktion spiegelt die Erwartung wider, dass höhere Ölpreise die bereits eingetretenen Ausfälle saudischer Exporte über die Straße von Hormus sowie mögliche Mehrkosten infolge einer Störung des südlichen Ausgangs des Roten Meeres zunächst überkompensieren können. Die Risiken überwiegen jedoch weiterhin: Sollte der Konflikt weiter eskalieren und kritische Infrastruktur beschädigt werden, könnten Saudi-Arabiens Exportkapazitäten beeinträchtigt werden. Dies hätte spürbare Folgen für Wirtschaft und Aktienmarkt. Angesichts der hohen geopolitischen Unsicherheit scheint bei saudischen Aktien daher Vorsicht angebracht.
Gewinnboom an der Wall Street: Warum die Rally trotzdem stockt
Starke Gewinne an der Wall Street, aber die Börsenrally gerät ins Stocken. Während die Berichtssaison bislang überraschend stark ausfällt, wachsen die Zweifel an der nächsten Phase des Booms im Bereich Künstliche Intelligenz. Hinzu kommen Unsicherheiten rund um den Nahostkonflikt, Ölpreis, Inflation und Geldpolitik. Wie Anlegerinnen und Anleger die aktuelle Marktlage einordnen sollten, diskutieren Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts.
Zahl des Tages: 536
Wann war die schlimmste Epoche der Menschheitsgeschichte? Der Historiker Michael McCormick von der Harvard University ist überzeugt: Die fürchterlichste Zeit erlebten unsere Vorfahren im frühen Mittelalter. Auslöser war ein heftiger Vulkanausbruch, vermutlich in Island, dessen Aschewolke sich im Jahr 536 über die ganze nördliche Hemisphäre verbreitete. Monatelang war die Sonne verdunkelt und die Sommer wurden so kalt wie seit über 2.000 Jahren nicht mehr. Missernten und Hungersnöte von Skandinavien bis nach China waren die Folge. Wenig später fielen im Mittelmeerraum bis zu 55 Prozent der Bevölkerung einer Pest-Epidemie zum Opfer. Erst hundert Jahre später begann sich Europas Wirtschaft zu erholen: Wissenschaftler fanden Bleispuren in Eisbohrkernen, die auf eine wieder aufgenommene Silberproduktion um das Jahr 640 hindeuten.
Überwinden Sie heute Widrigkeiten.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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