30. September 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
die chinesische Regierung will Konsum und Immobiliensektor gezielt unterstützen, Brasiliens Wirtschaft benötigt Strukturreformen, und US-Technologieaktien sind so niedrig bewertet wie zuletzt im Jahr 2022.
China: verhaltene Reaktion auf Konjunkturhilfen
China kündigte zu Wochenbeginn weitere Konjunkturmaßnahmen an, um das Wachstumsziel für 2026 von 4,5 bis 5,0 Prozent zu erreichen. Premier Li Qiang forderte die Lokalregierungen auf, bereits genehmigte Spielräume für Anleiheemissionen stärker zu nutzen. Zugleich stellte er zusätzliche Kreditprogramme sowie Hilfen für Wohnungsbau und Arbeitsmarkt in Aussicht. Peking setzt damit außer auf die Förderung von Technologie und Infrastruktur weiter auf gezielte Unterstützung für bislang schwache Bereiche der Wirtschaft, insbesondere für den Privatkonsum und den Immobiliensektor. Ein umfassendes Konjunkturprogramm deutet sich jedoch nicht an. Entsprechend verhalten reagierten die Aktienmärkte in Hongkong und auf dem chinesischen Festland. Die Maßnahmen dürften die Konjunktur stützen, lassen aber keine starken kurzfristigen Wachstumsimpulse erwarten.
Der chinesische Aktienmarkt dürfte daher gespalten bleiben. Der MSCI-China-Teilindex für IT verzeichnete im bisherigen Jahresverlauf aus der Perspektive von Euroanlegern ein Plus von sieben Prozent, während Basis- und Nicht-Basiskonsumgüter rund 20 Prozent verloren und nahe ihren Zehn-Jahres-Tiefs liegen. Die eher gezielte Förderung der Konjunktur spiegelt sich in den Gewinnerwartungen der Analystengemeinde wider. In den vergangenen sechs Monaten wurden die Gewinnerwartungen 2026 für IT-Unternehmen im MSCI China um rund neun Prozent angehoben, während sie für Basis- und Nicht-Basiskonsumgüter-Unternehmen um rund 19 und 16 Prozent nach unten korrigiert wurden. Ohne Aussicht auf eine umfassende Konjunkturförderung dürften die Konsumsektoren weiterhin schwächeln, während der gezielt geförderte IT-Sektor gestützt bleiben dürfte.
Brasilien: Energiewerte profitieren von teurem Öl
Der MSCI Brazil hat seit Jahresbeginn um 22 Prozent in Euro zugelegt. Besonders Energiewerte, die knapp ein Fünftel des Index ausmachen, profitierten von hohen Ölpreisen und gewannen mehr als 50 Prozent. Ihr Geschäft hängt jedoch stark von der weltweiten Nachfrage ab. In der Binnenwirtschaft bremsen hohe Zinsen dagegen Konsum und Investitionen und damit andere Teile des Aktienmarkts. Zugleich begrenzen Staatsverschuldung und hohe Pflichtausgaben den fiskalischen Spielraum. Vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am nächsten Sonntag rückt daher die Frage in den Vordergrund, wie sich die Staatsfinanzen stabilisieren lassen und das Wachstumspotenzial stärken lässt. Ein glaubwürdiger fiskalischer Kurs und Strukturreformen könnten Risikoprämien senken, Zinssenkungen erleichtern und binnenorientierte Unternehmen stützen. Damit bleibt entscheidend, ob die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen künftig eine breitere Entwicklung des Aktienmarkts ermöglichen.
Aktienmarkt: US-Tech bleibt auf Wachstumskurs
US-Technologieaktien haben in den vergangenen vier Wochen den S&P 500 angeführt und in Euro rund sechs Prozent zugelegt. Damit hat sich der Sektor als widerstandsfähig gegenüber steigenden Energiepreisen und höheren Kapitalmarktzinsen erwiesen. Rückenwind gibt weiterhin der Investitionszyklus im Bereich Künstliche Intelligenz. Analysten hoben ihre Gewinnerwartungen für 2028 innerhalb eines Monats um weitere zehn Prozent an. Für 2028 rechnen sie nun mit Gewinnen, die 83 Prozent über dem Niveau von 2026 liegen. Die Anhebung der langfristigen Gewinnprognosen dürfte die Sorge mancher Marktteilnehmer vor einem raschen Ende des Gewinnwachstums, insbesondere im Halbleitersegment, dämpfen. Zudem scheint diese Skepsis bereits weitgehend in den Bewertungen reflektiert zu sein: Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis für die kommenden zwölf Monate von rund 20 wird der Sektor so niedrig bewertet wie zuletzt im Jahr 2022. Vor diesem Hintergrund bleibe ich konstruktiv für US-Technologiewerte.
Allzeithoch trotz Renditegegenwind
Trotz kräftiger Turbulenzen an den Anleihemärkten notieren viele Aktienindizes nahe ihren Allzeithochs. Sind die Investoren zu sorglos oder gibt es gute Gründe für diese Entwicklung? Und bleiben Aktien in privaten Anlageportfolios weiterhin alternativlos? Darüber sprechen Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts PERSPEKTIVEN To Go.
Was diese Woche wichtig wird
- Im Laufe der Woche, Berichtssaison USA | Aus dem S&P 500 berichten acht Unternehmen, darunter Micron Technology, Accenture, Nike, Jabil und Carnival.
- Mittwoch, USA | Index der persönlichen Konsumausgaben (PCE) im August. Das von der US-Notenbank bevorzugte Inflationsmaß, die PCE Inflation, dürften im August laut Konsens bei 3,7 Prozent und die Kernrate bei 3,3 Prozent auf ihren Vor-Monats-Niveaus und deutlich über dem Inflationsziel von zwei Prozent stabilisiert haben. Für die kurzfristige Dynamik sind die Monatsraten relevanter. Hier erwarten Analysten eine Beschleunigung von 0,2 auf 0,4 Prozent bei der Gesamt- und von 0,2 auf 0,3 Prozent bei der Kerninflation. Mit Interesse werden die Märkte am Donnerstag auch auf den ISM-Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe schauen. Erwartete Anstiege beim Gesamtindex und beim Subindex der bezahlten Preise würden das Bild einer robusten US-Wirtschaft und eines anhaltenden Inflationsdrucks bekräftigen.
Freitag
- Eurozone | Verbraucherpreisinflation im September (Schnellschätzung). Die Inflationsdynamik dürfte sich angesichts gestiegener Öl- und Kraftstoffpreise spürbar beschleunigt haben und zunehmend auch auf die Preise weniger volatiler Güter und Dienstleistungen ausstrahlen. Für die Gesamtinflation erwarten Volkswirte im Median einen Anstieg von 3,2 auf 3,6 Prozent, die Kernrate dürfte von 2,4 auf 2,5 Prozent zugelegt haben. Deutlichere Anzeichen eines sich verfestigenden zugrunde liegenden Preisdrucks dürften die Erwartungen an eine restriktivere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank stützen. Derzeit preisen die Märkte den nächsten Zinsschritt um 0,25 Prozentpunkte für die übernächste Sitzung im Dezember ein.
- USA | Arbeitsmarktbericht für September. Die Arbeitslosenquote dürfte den dritten Monat in Folge mit 4,1 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit Juni 2025 verharren. Gleichzeitig könnte sich der Stellenaufbau außerhalb der Landwirtschaft auf 100.000 neue Arbeitsplätze abgeschwächt haben. Allerdings wurde im August mit 162.000 neuen Stellen der stärkste Zuwachs seit März verzeichnet. Insgesamt würde dies die Widerstandsfähigkeit des US-Arbeitsmarkts untermauern. Mit Blick auf das Doppelmandat der US-Notenbank dürfte der Fokus der Geldpolitik damit zunächst weiter auf der Bekämpfung der zu hohen Inflation liegen.
Zahl des Tages: 4,52
In dieser Jahreszeit hört man Amseln nur noch selten singen. Schade eigentlich, denn ihr Gesang ist der schönste in der deutschen Vogelwelt. Das jedenfalls besagt eine Studie, die ein Team um Nadine Kalb von der Universität Tübingen erstellt hat. Dabei durften Testpersonen Tonaufnahmen von 123 Vogelstimmen auf einer Skala von eins bis fünf bewerten. Die Amsel schnitt mit einem Wert von 4,52 am besten ab – sie erzeugt abwechslungsreiche Klänge mit moderater Lautstärke und mittleren Frequenzen, die als besonders angenehm empfunden werden, so die Forscher. Auch der Gesang von Laubsängern und Mönchsgrasmücken wird gern gehört. Abgeschlagen am Ende der Liste tummelt sich dagegen die Schleiereule: Ihr zischender Ruf wurde mit gerade einmal 1,32 Punkten bewertet.
Ich wünsche Ihnen einen harmonischen Tag.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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