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23. Juni 2026

Liebe Leserinnen und Leser,

der britische Premierminister Keir Starmer kündigt seinen Rücktritt an, das Klimaphänomen El Niño könnte in diesem Jahr so stark werden seit 1950 nicht mehr, und die Gewinnerwartungen für Hongkonger und Festland-Aktien driften auseinander.

Trotz Starmers Rücktrittsankündigung: Märkte setzen auf Kontinuität

Der britische Premierminister Keir Starmer kündigte gestern an, nach der Kür eines Nachfolgers als Regierungschef zurückzutreten. Damit scheint der Weg frei für Andy Burnham, der Berichten zufolge auf die Unterstützung von rund 200 Labour-Abgeordneten zählen kann – deutlich mehr als die erforderlichen 81. Ex-Gesundheitsminister Wes Streeting, der als möglicher Gegenkandidat galt, hat auf eine Kandidatur verzichtet und Burnham seine Unterstützung zugesagt. Sollte Burnham ohne Gegenkandidaten antreten, könnte bereits Mitte Juli ein neuer Premierminister mit neuem Kabinett in die Downing Street einziehen. Zwar ließ Burnham im Wahlkampf Sympathien für höhere Staatsausgaben erkennen, bekannte sich zuletzt aber klar zu den geltenden Fiskalregeln. Die geringen Marktreaktionen vom Montag sprechen dafür, dass viele Anleger auf Kontinuität bei den Emissionsvolumina britischer Staatsanleihen setzen. Zusätzliche Marktrelevanz hätte die mögliche Neubesetzung des Finanzministeriums, wobei nicht alle gehandelten Kandidaten an den Märkten auf gleiche Zustimmung stoßen dürften. Werden Hoffnungen auf einen schnellen Führungswechsel und auf Kontinuität der Fiskalpolitik enttäuscht, könnte der Druck auf britische Vermögenswerte in den kommenden Wochen zunehmen.

Langjähriger Fed-Chef Greenspan verstorben

Alan Greenspan, langjähriger Vorsitzender der US-Notenbank Fed, ist im Alter von 100 Jahren gestorben. Von 1987 bis 2006 führte er die US-Wirtschaft unter anderem durch den Börsencrash von 1987 und die Dotcom-Blase, ehe er vor der Weltfinanzkrise aus dem Amt schied. Früh betonte er, dass der technische Fortschritt der 1990er-Jahre die Produktivität stärker erhöhe, als die amtlichen Daten zeigten, und hielt die Geldpolitik daher lange wachstumsfreundlich. Später geriet dieser Kurs in die Kritik, weil er die Kreditexpansion begünstigte, die dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Jahr 2008 vorausging. Greenspan räumte jedoch selbst ein, dass auch die lockere Regulierung des Finanzsektors und die Fehleinschätzungen irrationaler Anleger zur späteren Finanzkrise beitrugen.

El Niño könnte Preise treiben: Risiken für Wachstum und Rohstoffmärkte steigen

Das Klimaphänomen El Niño könnte in diesem Jahr so stark werden seit 1950 nicht – das erwartet die US-Wetterbehörde NOAA mit einer Wahrscheinlichkeit von 63 Prozent. Es wird durch überdurchschnittlich hohe Oberflächentemperaturen im Pazifik ausgelöst. Die regionalen Auswirkungen variieren, aber führen typischerweise zu heißeren und trockeneren Bedingungen in Australien, Südostasien und Teilen Amerikas, beeinträchtigen den indischen Monsun und erhöhen gleichzeitig die Überschwemmungsrisiken in Südamerika. In der Vergangenheit hat El Niño das globale Wachstum spürbar belastet, da die Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen sowohl Landwirtschaft als auch Bergbau und Infrastruktur beeinträchtigen. Gleichzeitig erhöhte sich die Nachfrage nach Energie für Kühlungszwecke kräftig. Weil sich El Niño bis zum Jahresende voraussichtlich weiter verstärken wird, dürften die Preise für Agrargüter und Metalle steigen. Das würde industrielle Abnehmer und Verbraucher belasten, insbesondere in asiatischen Schwellenländern, die wegen des Nahost-Konflikts bereits seit geraumer Zeit unter höheren Energiekosten leiden.

China-Aktien: Gewinntrend spricht zunehmend für Festlandtitel

Analysten haben ihre Gewinnerwartungen für 2026 und 2027 für chinesische Festlandaktien (A‑Aktien) in den vergangenen drei Monaten um 1,8 beziehungsweise 4,8 Prozent angehoben, während sie ihre Prognosen für in Hongkong gelistete Unternehmen (H‑Aktien) um 1,3 und 2,1 Prozent senkten. Damit setzt sich die Divergenz aus der Berichtssaison des ersten Quartals fort: Die A‑Aktien des CSI 300 Index steigerten ihre Gewinne im Vorjahresvergleich um durchschnittlich neun Prozent – getragen vor allem von Tech‑Hardware‑Produzenten. Demgegenüber verzeichnete der von großen Internetplattformen dominierte MSCI China Index Gewinnrückgänge von acht Prozent. Innerhalb der KI‑Wertschöpfungskette erhöhte sich der Gewinnanteil des Hardwaresegments auf 54 Prozent, während nachgelagerte Softwareanwendungen unter Margendruck gerieten. Entsprechend hat sich auch der Fokus der Marktteilnehmer verstärkt auf A‑Aktien verlagert. Seit Jahresbeginn legt der CSI 300 rund 13 Prozent in Euro zu, während der MSCI China etwa zehn Prozent verliert. 

Wertentwicklung chinesischer Aktien in Euro und inklusive Dividenden von 2021 bis 2026.

Zwar erscheint die Bewertung des CSI 300 historisch nicht mehr günstig, doch angesichts des strategischen Ziels Pekings, die Wirtschaft langfristig in eine technologiegetriebene zu transformieren, bleiben die mittelfristigen Perspektiven für A‑Aktien konstruktiv.

Warum die Wall Street davoneilt – und der DAX hinterherhinkt

Die Wall Street eilt von Rekord zu Rekord, während der DAX nicht Schritt halten kann. Dahinter stehen konjunkturelle Unterschiede – aber auch strukturelle Faktoren: Deutschland bietet weniger Tech und Künstliche Intelligenz, der DAX ist zyklischer aufgestellt, und der deutsche Kapitalmarkt spielt international eine kleinere Rolle. Was das für die Depotaufstellung von Anlegern bedeutet, erfahren Sie von Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und mir in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts.

Zahl des Tages: 20

Wie finden Tauben über hunderte Kilometer zurück in den heimatlichen Schlag? Möglicherweise verlassen sie sich auf ihr Bauchgefühl. Clivia Lisowski von der Universität Bonn fand mit ihren Kollegen heraus, dass die Leber der Tiere einen hohen Eisenanteil besitzt, der es ihnen erlaubt, nach dem Magnetfeld der Erde zu navigieren. Verantwortlich dafür sind Makrophagen, Fresszellen in der Taubenleber. Bei einem Versuch unter bedecktem Himmel hatten Tauben ohne Makrophagen tatsächlich große Schwierigkeiten, eine Strecke von 20 Kilometern zum Taubenschlag zurückzulegen. Bei schönem Wetter konnten sich die Vögel an der Sonne orientieren und fanden mühelos nach Hause. Wie es aussieht, besitzen Tauben zwei Navigationssysteme, die sie je nach Bedarf einsetzen können.

Ich wünsche Ihnen einen gut orientierten Tag.

Herzlichst

Ihr Ulrich Stephan

Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden

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