10. August 2026
Liebe Leserinnen und Leser,
der US-Arbeitsmarkt schmälert die Aussichten auf Leitzinserhöhungen, Künstliche Intelligenz beschleunigt die Verlagerung der Wertschöpfung von Arbeit zu Kapital, und der Investitionszyklus in Argentinien, Chile und Peru könnte 2026 zum Wachstumstreiber für Südamerika werden.
US-Arbeitsmarkt verliert an Dynamik – Zinserwartungen sinken
Der US-Arbeitsmarkt schwächelt – das zeigt der Bericht des US-Amts für Arbeitsstatistik für Juli. Die Beschäftigung sank im Juli um 23.000 Stellen; zudem wurden die Zuwächse der beiden Vormonate um 103.000 Stellen abwärts revidiert.
Im Marktkonsens war für Juli ein Stellenaufbau von 80.000 erwartet worden. Zwar sank die Arbeitslosenquote von 4,2 auf 4,1 Prozent, dies dürfte jedoch auf einen erneuten Rückgang der Erwerbsquote um 0,1 Prozentpunkte auf 61,4 Prozent zurückzuführen sein. Das jährliche Lohnwachstum verlangsamte sich von 3,5 auf 3,2 Prozent. Damit drohen vom Arbeitsmarkt vermeintlich keine ausdrücklichen Inflationsrisiken, weshalb eine Leitzinserhöhung im September nur noch mit 45-prozentiger Wahrscheinlichkeit an den Terminmärkten eingepreist wird. Die Renditen der US-Staatsanleihen gaben über sämtliche Laufzeiten hinweg nach, der US-Dollar wertete moderat ab.
KI erschwert die Finanzierung der US-Defizite
Künstliche Intelligenz verstärkt einen bereits seit Jahren sichtbaren Trend: die Verlagerung der Wertschöpfung von Arbeit zu Kapital. In den USA sank die Lohnquote im Unternehmens-Sektor im zweiten Quartal 2026 auf 52,9 Prozent – den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 1947. Gegenüber dem Niveau vor der Corona-Pandemie liegt sie inzwischen um rund vier Prozentpunkte niedriger. Die Veränderung der Einkommensverteilung wirkt über tendenziell geringere Einkommensteueraufkommen und höhere Sozialausgaben auch auf die Struktur des Staatshaushalts und die Defizithöhe. Nach Prognosen der überparteilichen Haushaltsbehörde des US-Kongresses dürften die Einnahmen der US-Bundesregierung langfristig unter 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen, während die Ausgaben auf über 25 Prozent steigen. Der Anteil der von der Öffentlichkeit gehaltenen US-Staatsanleihen am BIP könnte dadurch bis 2056 von rund 100 auf etwa 175 Prozent zulegen.
Ein Teil der zusätzlich erforderlichen Emissionen von US-Treasuries könnte über eine höhere Sparquote durch inländische Nachfrage absorbiert werden, da Empfänger von Kapitalerträgen typischerweise einen größeren Teil ihres Einkommens sparen als Lohnempfänger. Dies dürfte jedoch nicht ausreichen, um den steigenden Finanzierungsbedarf vollständig zu decken. Weitere Nachfrager könnten Emittenten von Stablecoins sein, die diese mit vorwiegend kurzfristigen US-Staatsanleihen hinterlegen. Gleichzeitig dürfte ein wachsender Teil ausländischen Kapitals direkt in Rechenzentren, Halbleiterfertigung und andere KI-Infrastruktur fließen. Das US-Leistungsbilanzdefizit würde damit zunehmend über ausländische Tech-Investitionen und weniger über Käufe von US-Staatsanleihen gedeckt. Die Finanzierung des US-Doppeldefizits dürfte anspruchsvoller werden und der strukturelle Druck auf die langfristigen US-Renditen eher zu- als abnehmen.
Rohstoffsektor beflügelt Investitionen in Argentinien, Chile und Peru
Der Investitionszyklus in Argentinien, Chile und Peru könnte 2026 zu einem zentralen Wachstumstreiber in Südamerika werden. Die Dynamik geht vor allem vom Privatsektor aus, insbesondere durch rohstoffnahe Infrastrukturprojekte. In Argentinien verbessern neue Regeln die Bedingungen für große Öl- und Gasprojekte. Zusätzliche Impulse könnten von einem Ausbau der Gasexporte aus Argentinien über chilenische Infrastruktur in Richtung Pazifik ausgehen. In Chile sind Investitionen im Bergbau von rund 314 Milliarden US-Dollar geplant, was etwa 77 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Schnellere Genehmigungen und weniger regulatorische Unsicherheit sollen private Investitionen fördern. Auch in Peru bleibt die Projekt-Pipeline im Kupfersektor umfangreich. An den Aktienmärkten zeigt sich die Entwicklung bereits: In Argentinien und Peru haben Bergbau- und Energiewerte seit Jahresbeginn um rund 40 Prozent zugelegt.
Rekorde trotz Risiken: Was die Märkte jetzt antreibt
Die geopolitische Lage bleibt volatil, der Ölpreis schwankt und rund um den Boom im Bereich Künstliche Intelligenz werden die Fragen lauter. Trotzdem erreichen viele Aktienmärkte Höchststände, der DAX sogar ein Allzeithoch. Treiber sind vor allem überraschend starke Quartalszahlen auf beiden Seiten des Atlantiks. Warum die Märkte trotz aller Unsicherheiten so robust bleiben, analysieren Finanzjournalistin Jessica Schwarzer und ich in der aktuellen Folge unseres Börsenpodcasts.
Zahl des Tages: 16
Einer der letzten Rückzugsorte der Maya vor den spanischen Eroberern trug den Namen Sac Balam („Weißer Jaguar“). Die abgelegene Siedlung hielt über 100 Jahre lang stand, bis sie sich 1695 den Spaniern unterwerfen musste – und im Urwald verschwand. Die Archäologin Yuko Shiratori von der Risshō-Universität in Tokio glaubt jetzt, mit ihrem Team die Ruinen von Sac Balam im mexikanischen Bundesstaat Chiapas gefunden zu haben. Zu den Indizien zählen Mauerreste von 16 Metern Länge – das entspricht der Größe von Gebäuden, die in spanischen Quellen beschrieben werden. Ein endgültiger Beweis ist das noch nicht; den hofft Shiratori durch Bodenproben zu erbringen. Denn die Spanier brannten den Ort bei der Eroberung nieder – das müsste eine Ascheschicht im Boden hinterlassen haben.
Ich wünsche Ihnen einen resilienten Tag.
Herzlichst
Ihr Ulrich Stephan
Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden
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