Aktien, Anleihen, Rohstoffe, Immobilien, Liquidität, Volkswirtschaft/Geldpolitik – 31.03.2026
Der Hormus-Konflikt: Europa im Gegenwind
Die wichtigsten Fakten:
- Hormus-Störung treibt Öl- und Gaspreise. Europa ist direkt weniger betroffen, doch höhere Energiepreise wirken als „Steuer“ auf Konsum und erhöhen Stagflationsrisiken.
- Basisszenario: Lieferströme normalisieren sich bis Mitte des zweiten Quartals; Inflation steigt vorübergehend, Wachstum bleibt positiv – anders als 2022 ohne akute Versorgungsengpässe.
- Risikoszenario: Längere Schließung erhöht Ölpreise weiter, Rezessions- und Zweitrundeneffekte steigen; EZB-Reaktion vorsichtiger, Renditen zunächst höher, später abhängig von Deeskalation.
Bildquelle: bohemama / Adobe Stock
Die Störung der Straße von Hormus löste einen globalen Anstieg der Ölpreise aus
Seit Ende Februar 2026 hat der Konflikt zwischen Iran und den USA gemeinsam mit Israel die Spannungen im Nahen Osten deutlich verschärft. Die Eskalation dieses Konflikts hat zu Störungen rund um die Straße von Hormus geführt und damit eine der weltweit wichtigsten Energietransitrouten erneut als zentrales makroökonomisches Risiko in den Fokus gerückt. Während die Straße von Hormus für einige Weltregionen eine strategische Verwundbarkeit darstellt, bleibt die direkte Auswirkung auf Europa geringer als in anderen Regionen, da im Durchschnitt lediglich rund 12 Prozent der gesamten EU-Ölimporte und etwa 14 Prozent der LNG-Importe diese Route passieren müssen. Deutschland könnte jedoch anfällig für dauerhaft höhere Gaspreise sein, da die Gaslagerbestände derzeit bei rund 22 Prozent liegen – ein für diese Jahreszeit niedriger Wert und unter dem EU-Durchschnitt, wenn auch typisch für das Ende der Heizperiode. In diesem Stadium spiegeln die deutschen Speicherstände daher vor allem winterbedingte Entnahmen wider und noch keinen Angebotsstress. Die indirekten Effekte des abrupten Anstiegs der Energiepreise, ausgelöst durch militärische Aktionen und gestiegene geopolitische Unsicherheit, stellen jedoch kein rein temporäres Marktphänomen dar. Vielmehr handelt es sich um einen strukturellen Preisschub, der in wichtigen europäischen Volkswirtschaften zu Stagflationsrisiken führen könnte. In der Folge sehen sich die politischen Entscheidungsträger in der gesamten Region gezwungen, Energiesicherheit, Handelsbilanzen, Inflationsdynamiken und geldpolitische Ausrichtungen neu zu bewerten. Die Auswirkungen sind in ganz Europa spürbar, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß – abhängig vom jeweiligen Energieverbrauch, der Abhängigkeit von Lieferungen aus dem Nahen Osten, möglichen Importausfällen durch beschädigte oder zerstörte Infrastruktur, nationalen Preisbildungsmechanismen sowie der Fähigkeit der Regierungen, Preisanstiege abzufedern. Der Analystenkonsens geht davon aus, dass ein Ölpreisanstieg um 10 Prozent die Inflation um etwa 0,1 bis 0,5 Prozentpunkte erhöhen könnte, mit einer vergleichbaren Wirkung auf das BIP-Wachstum. Einige europäische Länder sind dank diversifizierter Energiequellen besser in der Lage, solche Schocks zu verkraften; andere bleiben aufgrund ihrer Importstrukturen oder begrenzter fiskalischer Spielräume stärker exponiert.
Hormus-Störung treibt Öl- und Gaspreise: Inflation steigt vorübergehend. Längere Blockade erhöht Rezessionsrisiken.
Gegenüberstellung der aktuellen makroökonomischen Lage in Europa mit der Energiekrise 2022
Das zugrunde liegende makroökonomische Umfeld für Europa dürfte konstruktiv bleiben, sofern die Öl- und LNG-Lieferungen durch die Straße von Hormus bis zur Mitte des zweiten Quartals vollständig wieder aufgenommen werden.
Diese Wachstumsperspektive wird durch erhebliche fiskalische Impulse aus Deutschland unterstützt. Seit der durch den Russland-Ukraine-Krieg ausgelösten Energiekrise 2022 zeigt das Wachstum in Europa Anzeichen einer Stabilisierung, und auch die Stimmung hat sich erholt. Zudem haben Unternehmen bereits seit den Ölpreisschocks der 1970er-Jahre gelernt, in schwierigen geopolitischen Umfeldern zu operieren – etwa durch eine Senkung der Energieintensität, verbesserte Absicherungs- und Weitergabemechanismen sowie Investitionen in Effizienz. Diese Faktoren dämpfen in der Regel, auch wenn sie ihn nicht vollständig verhindern, den makroökonomischen und ertragsseitigen Belastungseffekt höherer Energiepreise. Anders als während der Energiekrise 2022 ist Europa derzeit vor allem von höheren globalen Energiepreisen betroffen und nicht von unmittelbaren Versorgungsengpässen, auch wenn einzelne Ölanlagen beschädigt wurden. Die abrupte Unterbrechung der Lieferströme führte damals zu direkten Angebotsbeschränkungen, belastete energieintensive Industrien stark und bremste das Wirtschaftswachstum deutlich, auch wenn letztlich eine tiefe Rezession vermieden werden konnte. Vor diesem Hintergrund geht unser Basisszenario für Europa von einem vorübergehenden Anstieg der Inflation und einem abgeschwächten, aber weiterhin positiven Wirtschaftswachstum aus – und nicht von angebotsgetriebenen Störungen und dauerhaft erhöhter Inflation, wie sie 2022 zu beobachten waren.
Mögliche Auswirkungen auf Inflation und Wachstum
Öl- und Gaslieferungen durch die Straße von Hormus könnten zunächst mit reduziertem Volumen wieder aufgenommen werden, wobei eine vollständige Normalisierung der Lieferströme etwa zur Mitte des kommenden Quartals zu erwarten wäre.
Die Ölpreise dürften im ersten Halbjahr 2026 erhöht bleiben und sich anschließend schrittweise auf ein Niveau zurückbilden, das etwas über dem Vorkrisenniveau liegt, während sich das Wirtschaftswachstum in Europa moderat abschwächt. Die hohen Energiepreise im ersten Halbjahr 2026 würden dabei eher temporäre Angebotsengpässe und geopolitische Risikoprämien widerspiegeln als eine dauerhafte Verknappung der globalen Energiemärkte. Mit einer Verbesserung des Transits durch die Straße von Hormus dürfte der Preisdruck allmählich nachlassen. Sollte die Straße von Hormus jedoch über einen längeren Zeitraum faktisch geschlossen bleiben, würden die Ölpreise voraussichtlich weiter steigen, während sich das Wachstum in Europa deutlich verlangsamen und die Rezessionsrisiken zunehmen könnten.
Anders als zu Beginn der Energiekrise 2022, als Europa stark von russischen Energielieferungen abhängig war, ist die aktuelle Abhängigkeit Europas vom Nahen Osten deutlich geringer. Wie in Abbildung 1 dargestellt, machen Rohölimporte aus dem Nahen Osten für Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Schweden jeweils weniger als 10 Prozent der gesamten Rohölimporte aus. Die wichtigsten Rohöllieferanten der Region sind Norwegen und die USA. Auch im Gasbereich spielen Importe aus dem Nahen Osten für Europa nur eine untergeordnete Rolle: Der Anteil an den gesamten Gasimporten Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Spaniens und Schwedens liegt jeweils im einstelligen Prozentbereich (siehe Abbildung 2). Vor diesem Hintergrund tragen langfristige europäische Lieferverträge mit Öl- und Gasproduzenten außerhalb des Nahen Ostens dazu bei, unmittelbare Versorgungsengpässe zu vermeiden und den anfänglichen Preisanstieg teilweise abzufedern. So ist beispielsweise mehr als die Hälfte der europäischen LNG-Importverträge langfristig ausgelegt. Mittel- bis langfristig dürften jedoch höhere Öl- und Gaspreise an die europäische Nachfrage weitergegeben werden.
Abbildung 1: Rohölimporte nach Regionen – begrenzte Abhängigkeit vom Nahen Osten
Quelle: Harvard Growth Lab, Deutsche Bank AG. Datenstand: 26. März 2026. Die bisherige Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Wertentwicklung bezieht sich auf einen Nominalwert, der auf Kursgewinnen/-verlusten beruht und die Inflation nicht berücksichtigt. Die Inflation wirkt sich negativ auf die Kaufkraft dieses nominalen Geldwerts aus. Je nach aktuellem Inflationsniveau kann dies zu einem realen Wertverlust führen, selbst wenn die nominale Wertentwicklung der Anlage positiv ist.
Abbildung 2: Gasimporte nach Regionen – der Nahe Osten spielt nur eine untergeordnete Rolle
Quelle: Harvard Growth Lab, Deutsche Bank AG. Datenstand: 26. März 2026. Die bisherige Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Wertentwicklung bezieht sich auf einen Nominalwert, der auf Kursgewinnen/-verlusten beruht und die Inflation nicht berücksichtigt. Die Inflation wirkt sich negativ auf die Kaufkraft dieses nominalen Geldwerts aus. Je nach aktuellem Inflationsniveau kann dies zu einem realen Wertverlust führen, selbst wenn die nominale Wertentwicklung der Anlage positiv ist.
Die größte makroökonomische Verwundbarkeit Europas ergibt sich aus höheren Energiepreisen, die den Konsum dämpfen, da sie wie eine breit angelegte Steuer auf Haushalte und Unternehmen wirken. Laut Eurostat importierte die Europäische Union im Jahr 2024 weiterhin 57 Prozent ihres Energiebedarfs, wobei Öl- und Erdölprodukte rund zwei Drittel dieser Energieimporte ausmachten. Steigende globale Ölpreise wirken sich daher direkt auf die Verbraucherpreise und die Kaufkraft in Europa aus.
Wie in Abbildung 3 dargestellt, deuten inflationsindexierte 1-Jahres-Swap-Kontrakte – Absicherungsinstrumente, die die vom Markt implizierten Inflationserwartungen widerspiegeln – darauf hin, dass Investoren für die kommenden zwölf Monate einen spürbaren Anstieg der Inflation einpreisen. Auch die längerfristigen, marktbasierten Inflationserwartungen, gemessen an inflationsindexierten Swaps mit 5-jähriger und längerer Laufzeit, sind gestiegen, wenn auch in deutlich geringerem Ausmaß. Entscheidend ist, dass diese marktbasierten Inflationserwartungen trotz des Anstiegs weiterhin deutlich unter den Niveaus der Energiekrise 2022 liegen.
Abbildung 3: Marktbasiert abgeleitete Inflationserwartungen im Euroraum steigen
Quelle: LSEG Datastream, Deutsche Bank AG. Datenstand: 26. März 2026. Die bisherige Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Wertentwicklung bezieht sich auf einen Nominalwert, der auf Kursgewinnen/-verlusten beruht und die Inflation nicht berücksichtigt. Die Inflation wirkt sich negativ auf die Kaufkraft dieses nominalen Geldwerts aus. Je nach aktuellem Inflationsniveau kann dies zu einem realen Wertverlust führen, selbst wenn die nominale Wertentwicklung der Anlage positiv ist.
Zudem überschätzen inflationsindexierte Swap-Sätze tendenziell die tatsächlich realisierte Inflation, da sie Inflationsrisikoprämien und Liquiditätseffekte enthalten. Nach Einschätzung der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte die Inflation 2026 auf 2,6 Prozent steigen und sich 2027 auf 2,0 Prozent abschwächen. Unserer Ansicht nach sollten die Inflationserwartungen im Vorfeld wieder nachgeben, sofern es zu einer vollständigen Wiedereröffnung der Straße von Hormus kommt. Der Inflationsanstieg wäre damit höchstwahrscheinlich vorübergehend und nicht dauerhaft und würde vor allem von den Komponenten der Gesamtinflation getrieben, mit begrenzten Übertragungseffekten auf die Kerninflation.
Bis dahin könnten höhere Energiepreise die Gesamtinflation über Erstrundeneffekte anheben, also durch den direkten und unmittelbaren Einfluss teureren Öls und Gases auf Verbraucherpreise für Kraftstoffe und Strom. Zweitrundeneffekte – bei denen höhere Energiekosten über Löhne, Dienstleistungen und Preisanpassungen der Unternehmen zum Schutz ihrer Margen zu breiteren Preissteigerungen führen – dürften hingegen begrenzt bleiben. Infolgedessen würde die Kerninflation nur moderat steigen, was die Einschätzung stützt, dass der Inflationsimpuls auf einen temporären Energiepreisschock und nicht auf einen sich selbst verstärkenden Inflationszyklus zurückzuführen ist.
Wir erwarten, dass die Auswirkungen auf das europäische Wirtschaftswachstum negativ, aber begrenzt ausfallen. Höhere Energiepreise belasten den Konsum, schränken die Kaufkraft der privaten Haushalte ein und dämpfen die Nachfrage. Der Effekt sollte jedoch beherrschbar bleiben, sofern sich die Störungen nicht zu einer anhaltenden Energieknappheit ausweiten. Unter diesem Basisszenario verlangsamt sich das Wachstum, ohne jedoch in einen starken Abschwung zu münden. Der Konsens hat die Wachstumsprognosen für den Euroraum für 2026 bislang um rund 0,2 Prozentpunkte auf 1,2 Prozent gesenkt, während sich die Erwartungen für 2027 kaum verändert haben. Mehrere Analysten rechnen zudem für 2026 mit einem niedrigeren Wachstum von etwa 1,0 Prozent bis 1,1 Prozent. Nach den jüngsten Projektionen der Europäischen Zentralbank vom März 2026 erwartet die EZB im Basisszenario ein reales BIP-Wachstum im Euroraum von 1,3 Prozent im Jahr 2026. Diese Projektion basiert auf Rohstoffpreisen zum Stichtag 11. März 2026. Sowohl diese Prognosen als auch der Konsens gehen von einer Wiederaufnahme der Lieferströme durch die Straße von Hormus in den kommenden Wochen aus.
Die europäische Geldpolitik könnte vorsichtiger werden, mit einer klaren Verschiebung der geldpolitischen Reaktionsfunktion
Die EZB beobachtet fortlaufend das Risiko erneut steigender Inflationsimpulse. Während die Märkte vor dem Nahostkonflikt davon ausgingen, dass die EZB ihre Leitzinsen 2026 unverändert lassen würde, preisen die Swap-Märkte derzeit bis Ende 2026 drei Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte ein. Sollte die Straße von Hormus etwa zur Mitte des zweiten Quartals wieder geöffnet werden, könnten die Märkte ihre Zinserwartungen rasch neu bewerten.
Langfristige Anleiherenditen dürften zunächst erhöht bleiben, bevor sie mit nachlassenden Zinserhöhungserwartungen der EZB wieder sinken. Seit Beginn der Störungen in der Straße von Hormus sind die langfristigen Renditen vor dem Hintergrund gestiegener Inflationserwartungen gestiegen; die Rendite 10-jähriger deutscher Bundesanleihen erhöhte sich um mehr als 25 Basispunkte auf rund 2,9 Prozent.
Kurzfristig dürften die langfristigen Renditen aufgrund von Inflationssorgen gestützt bleiben, im weiteren Verlauf jedoch zurückgehen, sobald sich die Erwartung durchsetzt, dass die EZB die Zinsen entweder über das Jahr hinweg unverändert lassen oder lediglich geringe, risikomanagementgetriebene Zinsschritte vornehmen könnte. Dies hängt davon ab, wie schnell sich die Lage an der Straße von Hormus normalisiert und der Inflationsdruck nachlässt. Gleichzeitig ist angesichts der derzeit als vorübergehend eingeschätzten Energieschocks und der ausbleibenden Konjunkturkontraktion nicht mit einer klassischen „Flucht in sichere Anlagen“ zu rechnen, die die langfristigen Renditen deutlich nach unten drücken würde. Diese Einschätzung wird durch die jüngste Entwicklung in den USA gestützt, wo kurzfristige Renditen stärker gestiegen sind als langfristige – ein Signal für höhere Inflationserwartungen und eine verzögerte Zinssenkung durch die Fed, nicht jedoch für eine unmittelbar bevorstehende Rezession. Sollte es allerdings keine Anzeichen einer Deeskalation geben, könnten die Renditen sinken, da die Märkte stärkere Wachstumsbelastungen einpreisen; die Zinskurve könnte sich dann invertieren – ein Hinweis auf steigende Rezessionsrisiken.
Der fiskalpolitische Ausblick bleibt unterstützend
Zusätzlich zu bestehenden fiskalischen Stimuli prüfen die Regierungen, ob kurzfristige fiskalische Unterstützungsmaßnahmen erforderlich sind, um die höheren Energiekosten abzufedern. Insgesamt bleibt das Wachstum im Euroraum durch eine expansive deutsche Fiskalpolitik gestützt, einschließlich der Ausgaben im Rahmen des Sondervermögens.
Europäische risikoreiche Anlagen haben unterdurchschnittlich abgeschnitten, könnten sich jedoch erholen, da Investoren über die kurzfristigen Störungen hinwegsehen.
Sollten sich die Lieferströme durch die Straße von Hormus in den kommenden Wochen schrittweise erholen, dürften sich die Märkte zunehmend auf die Erwartung konzentrieren, dass der Preisanstieg nur vorübergehend ist. Die Aufmerksamkeit der Investoren würde sich allmählich wieder auf die zugrunde liegenden makro- und mikroökonomischen Fundamentaldaten richten. Mit dem Rückgang der energiebezogenen Unsicherheit könnten unternehmensspezifische Faktoren wie Investitionsausgaben (Capex) und sektorspezifische Bewertungen wieder stärker in den Fokus rücken. Der anfängliche Preisanstieg könnte nachlassen, sobald das Vertrauen in eine Normalisierung der Energieversorgung zunimmt. In diesem Umfeld könnte der Euro gegenüber dem US-Dollar moderat aufwerten.
Sollte die Straße von Hormus hingegen bis weit in das zweite Quartal hinein faktisch geschlossen bleiben, könnten die negativen Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft deutlich stärker ausfallen. Die anhaltende Beeinträchtigung eines der weltweit wichtigsten Energieengpässe könnte zu einer spürbaren Verschärfung der globalen Ölangebotslage führen. In diesem Fall würden Marktteilnehmer zunehmend nicht nur physische Angebotsengpässe, sondern auch dauerhaft erhöhte geopolitische Risikoprämien einpreisen, was die Ölpreise auf ein deutlich höheres Niveau treiben würde.
Zweitrundeneffekte bei der Inflation würden wahrscheinlicher, und die Risiken eines konjunkturellen Abschwungs könnten steigen. Unternehmen sähen sich anhaltendem Kostendruck ausgesetzt und könnten beginnen, höhere Inputpreise breiter an die Verbraucher weiterzugeben, während Lohnverhandlungen zunehmend von erhöhten Inflationserwartungen geprägt wären. In der Folge könnte die Kerninflation deutlich stärker steigen als im Basisszenario, wodurch die Abgrenzung zwischen einem temporären Energiepreisschub und einem verfestigten Inflationsprozess zunehmend verschwimmen würde.
Die Kombination aus hohen Energiepreisen und sinkendem Vertrauen, bei gleichzeitig spürbaren Belastungen für Konsum und Industrieproduktion, würde den inflationären Ölpreisanstieg zu einem wachstumsgefährdenden Ereignis machen und das Rezessionsrisiko in Europa erhöhen. In ihrem schwersten negativen Szenario unterstellt die EZB einen anhaltenden Anstieg der Energiepreise sowie Zweitrundeneffekte in der Wirtschaft; die Inflation würde demnach 2026 auf 4,4 Prozent und 2027 auf 4,8 Prozent steigen, während das reale BIP-Wachstum bei 0,4 Prozent im Jahr 2026 und 0,9 Prozent im Jahr 2027 läge.
Unterschiede zwischen den europäischen Volkswirtschaften
Deutschland
Deutschland ist strukturell stärker von höheren Energiepreisen betroffen, da seine Wirtschaft stark industriell geprägt ist und das Verarbeitende Gewerbe typischerweise energieintensiver ist als der Dienstleistungssektor. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) entfallen rund 20 Prozent der deutschen Bruttowertschöpfung auf das Verarbeitende Gewerbe – deutlich mehr als in Spanien, wo dieser Anteil lediglich bei rund 12 Prozent des BIP liegt. Dieser Unterschied ist im Kontext von Energiepreisschocks relevant, da industrielle Sektoren höhere Energiekosten über mehrere Ebenen hinweg spüren: durch den direkten Verbrauch von Brennstoffen und Strom, energieintensive Vorleistungen (z. B. Chemikalien, Metalle) sowie Transport- und Logistikkosten entlang der Lieferketten. Höhere Energiepreise dämpfen zudem den Konsum, indem sie die Kaufkraft der privaten Haushalte unmittelbar verringern und so das BIP belasten. Die privaten Konsumausgaben machen rund 75 Prozent des deutschen BIP aus.
Exporte haben einen hohen Anteil an der deutschen Wirtschaftsleistung, wodurch das Wachstum stärker von externen Rahmenbedingungen – einschließlich steigender Energiepreise – abhängt.
Die Exporte von Waren und Dienstleistungen entsprechen etwa 40 Prozent des BIP. In der Praxis bedeutet dies eine doppelte Belastung für Deutschland: höhere Kosten im Inland und potenziell schwächere Nachfrage im Ausland, falls steigende Energiepreise die globale Konjunktur bremsen. Hinzu kommt, dass die deutsche Exportstruktur stark auf Industriegüter konzentriert ist, was die Sensitivität gegenüber Energiepreisen weiter erhöht. Wie in Abbildung 4 dargestellt, entfielen 2024 rund die Hälfte der gesamten deutschen Exporte auf Chemikalien, Fahrzeuge und Maschinen. Dabei handelt es sich nicht nur um besonders energieintensive Branchen, sondern auch um Sektoren, in denen Margen und Wettbewerbsfähigkeit empfindlich auf anhaltende Kostenschocks reagieren können.
Abbildung 4: Die Exportsektoren Deutschlands und Italiens sind stärker höheren Energiepreisen ausgesetzt
Quelle: Harvard Growth Lab, Deutsche Bank AG. Datenstand: 30. März 2026. Die bisherige Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Wertentwicklung bezieht sich auf einen Nominalwert, der auf Kursgewinnen/-verlusten beruht und die Inflation nicht berücksichtigt. Die Inflation wirkt sich negativ auf die Kaufkraft dieses nominalen Geldwerts aus. Je nach aktuellem Inflationsniveau kann dies zu einem realen Wertverlust führen, selbst wenn die nominale Wertentwicklung der Anlage positiv ist.
Der Wachstumsausblick für Deutschland im Jahr 2026 hat sich vor dem Hintergrund der Störungen an der Straße von Hormus eingetrübt. Der Konsens rechnet derzeit mit einem BIP-Wachstum von 1 Prozent für 2026 und liegt damit unter den knapp 1,5 Prozent, die mehrere Analysten vor der Eskalation rund um die Straße von Hormus erwartet hatten. Sollte eine effektive Störung über die zweite Hälfte des zweiten Quartals hinaus anhalten, könnten die Wachstumsprognosen für 2026 deutlich nach unten revidiert werden. Einige Analysten halten es in diesem Fall für möglich, dass sich das jährliche Wachstum eher in Richtung Stagnation bewegt.
Frankreich
Die Weitergabe des Energiepreisanstiegs an die französische Wirtschaft dürfte aufgrund des Energiemixes langsamer erfolgen als in Italien. In den vergangenen zehn Jahren hat Frankreich seine Abhängigkeit von Öl und Erdgas in der Stromerzeugung deutlich reduziert. Infolgedessen lag der Anteil von Öl, sonstigen Erdölprodukten und Erdgas am Energiemix für die Stromerzeugung zuletzt bei rund 7 Prozent. Knapp zwei Drittel der Stromproduktion entfielen auf Kernenergie (64,5 Prozent), weitere 26,6 Prozent auf Erneuerbare Energien. Entsprechend dürfte es länger dauern, bis sich Angebotsengpässe bei fossilen Energieträgern sowie länger anhaltend hohe Energiepreise über die Großstrompreise auf private Haushalte und Unternehmen auswirken.
Gleichzeitig machten Gas, Öl und Erdölprodukte jedoch weiterhin rund 44 Prozent des gesamten Energiemixes aus. Sollten die Energiepreise über einen längeren Zeitraum erhöht bleiben, könnten französische Verbraucher daher über Zweitrundeneffekte der Inflation betroffen sein. Der Anteil französischer Rohöl- und Erdgasimporte aus dem Nahen Osten an den gesamten Rohöl- und Gasimporten ist mit rund 10 Prozent bei Rohöl und lediglich 0,6 Prozent bei Gas gering. Im Vergleich zu Italien und Deutschland sind französische Unternehmen zudem weniger stark gegenüber den Auswirkungen eines Energiepreisanstiegs auf die externe Nachfrage exponiert. Der Exportanteil Frankreichs am BIP liegt bei rund 33 Prozent und damit deutlich unter dem Deutschlands (40 Prozent) sowie leicht unter dem Spaniens (37 Prozent). Wie in Abbildung 4 gezeigt, unterscheidet sich auch die französische Exportstruktur von der deutschen: Der Anteil energieintensiver Güter wie Maschinen und Fahrzeuge ist rund ein Drittel geringer. Diese Struktur erklärt mit, warum der Marktkonsens für 2026 ein Exportwachstum von 2,5 Prozent erwartet, das trotz des aktuellen Energiepreisanstiegs weitgehend stabil bleibt und sich gegenüber 1,6 Prozent im Jahr 2025 beschleunigt.
Gleichzeitig begrenzt das französische Haushaltsdefizit – eines der höchsten im Euroraum – den Spielraum der Regierung für zusätzliche fiskalische Unterstützungsmaßnahmen. Bis zum 30. März wurden keine neuen Subventionen für private Haushalte oder Unternehmen angekündigt. Während die direkten Auswirkungen des Energiepreisanstiegs daher zunächst als begrenzt eingeschätzt werden, bleibt der gesamtwirtschaftliche Ausblick verhalten. Die Konsensprognosen gehen von einem BIP-Wachstum von 1,0 Prozent im Jahr 2026 und 1,1 Prozent im Jahr 2027 aus; ein länger anhaltender oder stärkerer Belastungsimpuls für die Wirtschaft des Euroraums würde jedoch das Risiko von Abwärtsrevisionen erhöhen.
Spanien
Spanien ist in gewissem Maße weniger stark exponiert als Deutschland, vor allem weil seine Wirtschaft stärker dienstleistungsorientiert und damit auf gesamtwirtschaftlicher Ebene weniger energieintensiv ist. Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zeigen, dass der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung Spaniens im Jahr 2024 bei rund 12 Prozent lag – deutlich unter dem Wert Deutschlands von 20 Prozent und auch unter dem Italiens von 17 Prozent. Dienstleistungen spielen eine größere Rolle für das spanische BIP. Dieser strukturelle Unterschied bedeutet, dass der sogenannte „industrielle Verstärkungskanal“ – bei dem höhere Energiepreise die Margen der Schwerindustrie belasten und auf Investitionen und Beschäftigung übergreifen – in Spanien kleiner ist, wenngleich weiterhin relevant. Allerdings belasten höhere Energiepreise auch in Spanien den Konsum spürbar und üben damit Druck auf das BIP aus. Die gesamten privaten und staatlichen Konsumausgaben machen rund 75 Prozent des spanischen BIP aus.
Spaniens außenwirtschaftliche Abhängigkeit ist relevant, fällt jedoch geringer aus als die Deutschlands, da die spanische Wirtschaft weniger stark vom Verarbeitenden Gewerbe geprägt ist. Dies erklärt eine potenziell höhere relative Widerstandsfähigkeit.
Der Anteil der Bruttoexporte am BIP liegt bei knapp 37 Prozent (Eurostat; dies bezieht sich auf Exporte allein, nicht auf den Nettobeitrag des Außenhandels nach Importen) und ist damit zwar bedeutend, aber niedriger als in Deutschland mit rund 40 Prozent. Zwar exportiert auch Spanien Industriegüter, doch die makroökonomische Sensitivität ist aufgrund des geringeren Industrieanteils in der Binnenwirtschaft gedämpft. Entsprechend bleibt der Effekt in der Regel begrenzt, sofern eine länger anhaltende effektive Störung der Straße von Hormus nicht eine breitere europäische und globale Wachstumsabschwächung auslöst. Zudem entfielen – wie in Abbildung 4 gezeigt – rund 30 Prozent der gesamten spanischen Exporte auf energieintensive Sektoren, deutlich weniger als der Anteil industrieller Exporte an den Gesamtausfuhren Deutschlands, Italiens oder Schwedens.
Der Wachstumsausblick für Spanien im Jahr 2026 hat sich zwar eingetrübt, bleibt jedoch im Vergleich zu den europäischen Partnerländern weiterhin günstiger. Der Konsens rechnet derzeit mit einem BIP-Wachstum von 2,3 Prozent für 2026. Sollte eine effektive Störung über die zweite Hälfte des zweiten Quartals hinaus anhalten, könnte es jedoch auch in Spanien zu deutlichen Abwärtsrevisionen der Wachstumsprognosen für 2026 kommen; einige Analysten halten in diesem Fall eine Anpassung des jährlichen Wachstums in Richtung 1 Prozent für möglich. In einem solchen negativeren Szenario würde zudem die externe Tourismusnachfrage aus anderen EU-Ländern nachlassen. Da rund 12 Prozent der spanischen Erwerbsbevölkerung im Tourismussektor beschäftigt sind, würde ein Rückgang der Aktivität die Beschäftigung belasten und über geringeren privaten Konsum zu einem zusätzlichen Dämpfer für das BIP führen.
Italien
Italiens hohe Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen macht die Wirtschaft anfällig für energiepreisbedingte Inflation. Im Jahr 2023 machten Gas und Öl rund 70 Prozent des italienischen Energiemixes sowie etwa die Hälfte des für die Stromerzeugung eingesetzten Inputs aus. Obwohl Italien 2024 nur rund 10 Prozent seines Rohöls aus dem Nahen Osten importierte, würden höhere Energiepreise voraussichtlich rasch auf die Realwirtschaft durchschlagen – insbesondere über steigende Lebensmittelpreise – und damit Haushalte und Unternehmen belasten. Während des Energiepreisanstiegs 2021–2022 zählten italienische Haushalte zu den am stärksten betroffenen im Euroraum. Entsprechend dürften länger anhaltend hohe Energiepreise das reale verfügbare Einkommen der Haushalte mindern und den privaten Konsum dämpfen. Die italienische Regierung erwägt derzeit fiskalische Maßnahmen, um Haushalte vor dem anfänglichen Anstieg der Energiepreise zu schützen.
Eine länger anhaltende Störung der Straße von Hormus würde die Energie- und Stromkosten für italienische Produzenten erhöhen, insbesondere in energieintensiven Branchen, und könnte dadurch Margen unter Druck setzen sowie die Investitionsneigung dämpfen. Frühere Episoden zeigen, dass Störungen auf den Gasmärkten rasch auf die Strompreise durchschlagen und die Preisunsicherheit für Unternehmen erhöhen.
Dies könnte die internationale Wettbewerbsfähigkeit energieabhängiger Exporteure schwächen, während Unternehmen in weniger energieintensiven Segmenten geringer betroffen wären. Italien ist eine exportorientierte Volkswirtschaft: Im Jahr 2025 entsprachen die Exporte 32,2 Prozent des italienischen BIP. Die Warenexporte konzentrieren sich dabei auf energieintensive Sektoren wie Maschinenbau und Landwirtschaft, wie in Abbildung 4 dargestellt, in denen steigende Inputkosten die Margen unter Druck setzen können.
Insgesamt deuten erhöhte Risiken bei den Vorleistungskosten, eine höhere Unsicherheit sowie Italiens strukturelle Abhängigkeit von importiertem Öl und Gas darauf hin, dass sowohl die Profitabilität der Produzenten als auch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Exporteure erneut unter Druck geraten könnten, falls sich die globalen Energiemärkte wieder deutlich anspannen.
Der Konsens rechnet derzeit mit einem BIP-Wachstum von 0,8 Prozent für 2026; einige Analysten gehen davon aus, dass das Wachstum in den negativen Bereich rutschen könnte, sollte die Störung der Straße von Hormus bis weit in das zweite Quartal 2026 hinein anhalten.
Italienische Banken dürften hingegen widerstandsfähig bleiben, da der Zinsüberschuss durch ein starkes Einlagenwachstum und solide Renditen gestützt wird, die Provisionsmargen aktuell keinen unmittelbaren Druck erfahren, die Kosteneffizienz sich weiter verbessert, die Kapitalausstattung robust ist und die Asset-Qualität keine Anzeichen einer Verschlechterung zeigt.
Schweden und Norwegen
Anhaltend höhere Energiepreise dürften die Inflation sowohl in Schweden als auch in Norwegen beschleunigen. Einige Schätzungen gehen davon aus, dass ein Anstieg der Ölpreise um 10 Prozent zunächst zu einem Inflationsanstieg von rund 10 Basispunkten in Norwegen und etwa 15 Basispunkten in Schweden führen könnte, bedingt durch höhere Kraftstoffpreise in beiden Volkswirtschaften. Ungeachtet dessen unterscheidet sich die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit beider Länder gegenüber erhöhten globalen Gas- und Ölpreisen deutlich. Grundsätzlich sind beide Länder für ihre Energieerzeugung kaum auf Erdgas angewiesen, da dieses jeweils nur rund 1,5 Prozent des Energiemixes für die Stromerzeugung ausmacht.
Als Nettoexporteur von Gas und Öl dürfte Norwegen von höheren Energiepreisen profitieren – über eine steigende Nachfrage nach Öl- und Gasexporten, die mehr als 50 Prozent der gesamten Warenexporte ausmachen. Dies stärkt zunächst die vorgelagerten, ölbezogenen Offshore-Sektoren und dürfte im weiteren Verlauf positive Spillover-Effekte auf die inländischen „Nicht-Öl-Sektoren“ haben. Nach Einschätzung einiger Analysten könnte in einem sehr schweren Szenario, in dem die Ölpreise länger als ein Jahr über 100 US-Dollar je Barrel bleiben, das Wachstum des norwegischen Festlands-BIP um bis zu einen Prozentpunkt gestützt werden, wenngleich deutlich höhere Inflationsrisiken die wirtschaftliche Aktivität belasten würden. Zudem dürften die Haushalte vergleichsweise weniger stark vom anfänglichen Preisanstieg betroffen sein. Staatliche Stromsubventionen würden die Auswirkungen höherer Energiepreise abfedern, während die norwegische Krone bei steigender Ölnachfrage typischerweise aufwertet, was importierte Inflation teilweise kompensiert und die Weitergabe an die Verbraucherpreise begrenzt. Norwegens Erfahrungen während der Phase hoher Energiepreise im Jahr 2022 deuten darauf hin, dass diese dämpfenden Faktoren die Auswirkungen auf Haushaltsinflation und Kaufkraft begrenzen können.
Schweden hingegen befindet sich mit Blick auf steigende Energiepreise in einer deutlich anfälligeren Lage. Dort würde die Weitergabe von Inflationseffekten an die Realwirtschaft schneller erfolgen als in Norwegen. Innerhalb von zwölf Monaten könnte ein Anstieg der globalen Energiepreise um 10 Prozent – unter Anwendung der Elastizitäten der Riksbank – zu einem Anstieg der Kerninflation um bis zu 20 Basispunkte führen. Höhere Energiepreise stellen zudem ein Abwärtsrisiko für den schwedischen Ausblick dar, der auf einer erwarteten Erholung sowohl der externen Nachfrage – insbesondere aus dem Euroraum – als auch der Binnennachfrage beruht. Als stark exportorientierte Volkswirtschaft, mit einem Exportanteil von 53,2 Prozent am BIP im Jahr 2025 und einem großen, energieintensiven Verarbeitungssektor, sind schwedische Exporteure zudem direkt von Ölpreisanstiegen betroffen. Die Regierung wird die Binnennachfrage in diesem Jahr durch fiskalische Impulse stärken, wie im vergangenen Herbst angekündigt. Während der Phase der energiegetriebenen Inflation 2022–2023 sank die Konsumbereitschaft der Haushalte um 2,5 Prozent. Schätzungen einiger Analysten zufolge könnte ein Anstieg der Ölpreise um 10 Prozent gegenüber dem Vorkrisenniveau das BIP-Wachstum Schwedens innerhalb der nächsten zwei Jahre um rund 20 Basispunkte verringern.
Europäische Aktien – von einer Position der Stärke zu einem jüngsten Ausverkauf
Der jüngste, Iran-bedingte Anstieg der Ölpreise hat die Outperformance europäischer Aktien gegenüber den USA gestoppt und unterstreicht die höhere Sensitivität Europas gegenüber Spannungen im Nahen Osten – bedingt durch seine Struktur als Energieimporteur und einen global ausgerichteten Aktienmarkt. Der daraus resultierende Anstieg der Volatilität löste einen Ausverkauf aus, bei dem europäische Aktien ihre bisherigen Jahresgewinne wieder abgaben. Auch wenn dies kurzfristig belastend wirkt und die Unsicherheit an den Finanzmärkten erhöht, gingen europäische Aktien mit einer Position der Stärke in das Jahr. Sollten die Wachstumseffekte beherrschbar bleiben, dürften eine bessere Visibilität der Energieflüsse und eine Stabilisierung des Konfliktverlaufs das Risiko eines anhaltenden Marktabschwungs begrenzen und den Fokus der Investoren wieder auf die Fundamentaldaten lenken.
Wie in Abbildung 5 gezeigt, haben die Aktienmärkte den anfänglichen Anstieg der Energiepreise im Jahr 2022 relativ schnell verarbeitet. Die aktuelle Entwicklung weist ähnliche Muster auf, wobei der jüngste Rücksetzer darauf hindeutet, dass ein erheblicher Teil der damit verbundenen Risiken bereits in den Aktienkursen eingepreist sein könnte. Höhere Ölpreise wirken sich auf Europa vor allem über steigende Inputkosten und einen temporären Inflationsimpuls aus, was die reale Wirtschaftsaktivität belasten kann. Der Effekt auf die Gewinne dürfte jedoch begrenzter ausfallen. Sollten Unternehmen ihre Preise weitgehend im Einklang mit den steigenden Inputkosten anheben können, könnten die nominalen Gewinne stabil bleiben, selbst wenn sich die reale Aktivität etwas abschwächt. Voraussetzung dafür ist allerdings eine robuste Konsumnachfrage nicht nur in Europa, sondern auch in den USA und im asiatisch-pazifischen Raum, wo europäische Unternehmen einen erheblichen Teil ihrer Umsätze erzielen. Mehr als die Hälfte der Umsätze börsennotierter europäischer Unternehmen wird im Ausland erwirtschaftet. Schließlich – und potenziell der wichtigste Ausgleichsfaktor – könnten steigende Gewinne im Energiesektor dazu beitragen, die negativen Effekte auf Indexebene abzufedern. In diesem Zusammenhang stiegen die aggregierten Gewinne des STOXX 600 im Jahr 2022 trotz eines deutlichen Inflationsanstiegs um mehr als 20 Prozent.
Abbildung 5: Europäische Aktien spiegeln weitgehend das Muster von 2022 wider, zuletzt zeigen sich jedoch zunehmende Divergenzen
Quelle: LSEG Datastream, Deutsche Bank AG. Datenstand: 26. März 2026. Die bisherige Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Wertentwicklung bezieht sich auf einen Nominalwert, der auf Kursgewinnen/-verlusten beruht und die Inflation nicht berücksichtigt. Die Inflation wirkt sich negativ auf die Kaufkraft dieses nominalen Geldwerts aus. Je nach aktuellem Inflationsniveau kann dies zu einem realen Wertverlust führen, selbst wenn die nominale Wertentwicklung der Anlage positiv ist.
Auf Sektorebene dürfte sich der unmittelbare Gewinndruck vor allem auf transportbezogene Aktivitäten konzentrieren, wobei Fluggesellschaften besonders stark betroffen wären. Treibstoffkosten machen rund ein Viertel der operativen Aufwendungen aus, und die Absicherung gegen Kerosinpreisschwankungen ist bei vielen Airlines nur unvollständig. Die Logistikbranche sähe sich mit höheren Bunkertreibstoffkosten und möglichen Verzögerungen durch Umleitungen konfrontiert, während energieintensive Industrien wie Chemie, Stahl und Teile des Verarbeitenden Gewerbes durch steigende Inputkosten moderaten Margendruck verspüren würden. Sollten erhöhte Energiepreise anhalten, könnten sich diese Effekte schrittweise ausweiten und die Preissetzungsmacht sowie die Margen einer breiteren Palette zyklischer Sektoren auf die Probe stellen – darunter Konsumgüter zyklischer Natur, Teile der Industrie und in geringerem Maße auch Finanzwerte, da sich das Wachstumsmomentum abschwächt. Demgegenüber würden der Energiesektor sowie ausgewählte Versorger als natürliche Gegenpole wirken, gestützt durch höhere Preise, regulierte Renditen und relativ stabile Endmärkte. In diesem Kontext verdeutlichen die Ölpreisspitzen erneut Europas energiepolitische Verwundbarkeit und könnten die Unterstützung für Unternehmen stärken, die zur Erhöhung der Energie-Resilienz beitragen – insbesondere ausgewählte Energie- und Versorgungsunternehmen.
Jüngste Entwicklungen deuten bereits auf eine zunehmende Performance-Streuung hin (Abbildung 6). Allerdings müssen sich die Sektoren, die auf Gewinnebene am unmittelbarsten betroffen sind, nicht zwingend eins zu eins in der Aktienkursentwicklung widerspiegeln. Risiken einer breiteren konjunkturellen Abschwächung – insbesondere Belastungen für Wachstum und Konsum – könnten diese Effekte überlagern und zu einer allgemeineren Schwäche zyklischer Sektoren führen. Solange die Spannungen anhalten und die Energiepreise erhöht bleiben, dürfte diese Divergenz fortbestehen. Eine verbesserte Sichtbarkeit hinsichtlich einer mittelfristigen Lösung der Blockade könnte jedoch die Unsicherheit über Energieflüsse verringern und es den Märkten ermöglichen, den Fokus schrittweise wieder auf fiskalische Wachstumsimpulse und zweistellige Gewinnzuwächse zu richten. Zyklische Sektoren könnten dann stärker aufholen und Anlegern entsprechendes Aufwärtspotenzial bieten.
Abbildung 6: Sektorperformance des STOXX 600 seit dem 27. Februar
Quelle: LSEG Datastream, Deutsche Bank AG. Datenstand: 26. März 2026. Die bisherige Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Wertentwicklung bezieht sich auf einen Nominalwert, der auf Kursgewinnen/-verlusten beruht und die Inflation nicht berücksichtigt. Die Inflation wirkt sich negativ auf die Kaufkraft dieses nominalen Geldwerts aus. Je nach aktuellem Inflationsniveau kann dies zu einem realen Wertverlust führen, selbst wenn die nominale Wertentwicklung der Anlage positiv ist.
Europäische Aktien dürften eher von einer zunehmenden Streuung (Dispersion) als von einer breit angelegten Schwäche geprägt sein. Der Anstieg der Ölpreise stellt über höhere Energiekosten und einen Inflationsimpuls zwar einen Belastungsfaktor dar, doch Preissetzungsmacht sowie steigende Gewinne im Energiesektor könnten die aggregierten Auswirkungen auf Indexebene begrenzen. Der unmittelbare Druck dürfte vor allem auf den Transportsektor und energieintensive Branchen konzentriert bleiben, während Energie, ausgewählte Versorger und andere defensive Segmente Ausgleichseffekte liefern könnten. Eine verbesserte Visibilität der Energieflüsse könnte die Märkte rasch wieder auf wachstumsstützende Faktoren und eine ertragsgetriebene Erholung fokussieren und damit erneutes Aufwärtspotenzial für zyklische Werte eröffnen. Der entscheidende Faktor bleibt jedoch die Dauer der Störung: Sollte die Beeinträchtigung der Straße von Hormus über das erste Quartal hinaus anhalten, könnte ein persistenter Anstieg der Energiepreise die Ertragsperspektiven eintrüben, die Inputkosten erhöhen und die Unsicherheit verstärken. In der Folge könnte sich der derzeitige Fokus auf Inflationsrisiken hin zu wachsenden Konjunktursorgen verschieben, was ein volatiles und herausforderndes Marktumfeld nach sich ziehen würde.
Zusammenfassung – Positionierung im aktuellen Umfeld
Aus Anlegersicht besteht die zentrale Herausforderung darin, einen Anstieg zu navigieren, dessen Auswirkungen stark pfadabhängig sind. Die endgültigen Ergebnisse werden maßgeblich von Dauer und Intensität der Störung sowie von den politischen Maßnahmen in Washington, Teheran, Riad und Brüssel beeinflusst.
Obwohl Europas Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten aus dem Nahen Osten geringer ist als in anderen Weltregionen, sind europäische Länder sowohl von weltweit höheren Öl- und Gaspreisen als auch von zunehmender geopolitischer Unsicherheit betroffen. Während erstere zu höheren Preisen und Inflation führen und potenziell die globale Nachfrage nach europäischen Produkten dämpfen, belastet letztere das Investitionsklima, da Investitionsentscheidungen angesichts höherer Kosten und niedrigerer Bewertungen aufgeschoben oder neu bewertet werden könnten, was die Rentabilität von Investitionen verändert.
In den kommenden Monaten ist mit anhaltenden Störungsrisiken und erhöhten kriegsbedingten Risikoprämien zu rechnen. Die Preise für Öl und raffinierte Produkte dürften erhöht und volatil bleiben. Gewinnbelastungen werden vor allem bei Fluggesellschaften, Logistikunternehmen, petrochemischen Firmen und weniger robusten zyklischen Sektoren erwartet. Dagegen könnten Energieunternehmen, LNG-bezogene Infrastruktur, ausgewählte Versorger sowie defensive Aktien eine bessere Entwicklung zeigen.
Mit einem längeren Zeithorizont dürfte sich der Fokus darauf verlagern, ob sich die Spannungen durch Verhandlungen entspannen und der freie Tran-sit durch die Straße von Hormus wiederhergestellt wird. Selbst wenn die physische Versorgung wieder normalisiert wird, dürften Versicherungs- und Sicherheitskosten erhöht bleiben. Zu diesem Zeitpunkt dürften die Märkte die anfänglichen Gewinneffekte weitgehend eingepreist haben und begin-nen, sich auf nachgelagerte Auswirkungen zu konzentrieren: Investitions-pläne in Energiesicherheit, Erneuerbare Energien und Infrastruktur sowie auf die relative Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Volkswirtschaften.
Historische Wertentwicklung
Quelle: LSEG Datastream, Deutsche Bank AG. Datenstand: 26. März 2026. Die bisherige Wertentwicklung lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu. Die Wertentwicklung bezieht sich auf einen Nominalwert, der auf Kursgewinnen/-verlusten beruht und die Inflation nicht berücksichtigt. Die Inflation wirkt sich negativ auf die Kaufkraft dieses nominalen Geldwerts aus. Je nach aktuellem Inflationsniveau kann dies zu einem realen Wertverlust führen, selbst wenn die nominale Wertentwicklung der Anlage positiv ist.
- APAC (Asien-Pazifik) bezeichnet die geografische Region, die Ostasien, Südasien, Südostasien und Ozeanien umfasst. Wirtschaftlich ist sie von großer Bedeutung als wichtiger Treiber des globalen Wachstums, des Welthandels und der Finanzmärkte.
- Basispunkte (bp / bps) sind eine Maßeinheit im Finanzwesen zur Beschreibung von Änderungen bei Zinssätzen oder Renditen. Ein Basispunkt entspricht einem Hundertstel eines Prozentpunkts (0,01 Prozent).
- BIP (Bruttoinlandsprodukt, GDP) misst den gesamten monetären Wert aller innerhalb eines Landes in einem bestimmten Zeitraum produzierten Endgüter und Dienstleistungen und dient als zentraler Indikator der Wirtschaftsleistung.
- Brent / WTI (West Texas Intermediate) bezeichnen zentrale globale Rohöl-Benchmarks zur Preisbildung von Ölkontrakten. WTI spiegelt dabei vor allem die Ölpreise in den USA sowie globale Angebots- und Nachfragedynamiken wider.
- Bunds (deutsche Bundesanleihen) sind Schuldverschreibungen der Bundesrepublik Deutschland und gelten als Referenzmaßstab für risikoarme Zinsen im Euroraum.
- CPI (Consumer Price Index / Verbraucherpreisindex) misst die durchschnittliche Preisveränderung eines repräsentativen Waren- und Dienstleistungskorbs privater Haushalte über die Zeit und ist ein zentraler Indikator für Inflation.
- EMEA (Europa, Naher Osten und Afrika) ist eine gängige regionale Klassifikation in Wirtschaft und Finanzwesen zur Zusammenfassung von Märkten in Europa, dem Nahen Osten und Afrika für Analyse- und Geschäftszwecke.
- EU (Europäische Union) ist ein politischer und wirtschaftlicher Staatenverbund europäischer Länder mit einem gemeinsamen Binnenmarkt und – für die meisten Mitglieder – einer gemeinsamen Währung.
- EZB (Europäische Zentralbank) ist die zentrale geldpolitische Institution des Euroraums und verantwortlich für die Festlegung der Leitzinsen sowie die Sicherung der Preisstabilität.
- Fed (Federal Reserve) bezeichnet das Zentralbanksystem der Vereinigten Staaten, das die Geldpolitik steuert, Banken beaufsichtigt und auf maximale Beschäftigung sowie stabile Preise abzielt.
- Flight to Safety („Flucht in sichere Anlagen“) beschreibt das Verhalten von Investoren in Phasen erhöhter Unsicherheit, bei dem Kapital aus risikoreicheren Anlagen in als sicher geltende Vermögenswerte wie Staatsanleihen umgeschichtet wird.
- Headline-Inflation (Gesamtinflation) erfasst die gesamte Inflationsrate einschließlich aller Komponenten wie Energie und Nahrungsmittel und bildet damit die vollständige Preisentwicklung für Verbraucher ab.
- Inflationsindexierte Swaps (Inflation-Linked Swaps) sind Finanzderivate, mit denen Investoren sich gegen Inflation absichern oder gezielt Inflationserwartungen abbilden können, indem feste gegen inflationsangepasste Zahlungen getauscht werden.
- IWF (Internationaler Währungsfonds, IMF) ist eine internationale Finanzinstitution, die die globale währungs- und finanzpolitische Zusammenarbeit, Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung ihrer Mitgliedsländer fördert.
- Kerninflation (Core Inflation) bezeichnet die Inflationsrate ohne volatile Komponenten wie Energie- und Nahrungsmittelpreise und gibt einen besseren Einblick in den zugrunde liegenden Preistrend der Wirtschaft.
- LNG (Liquefied Natural Gas / Flüssigerdgas) bezeichnet Erdgas, das zur besseren Lagerung und zum Transport verflüssigt wurde und eine zentrale Rolle im globalen Energiehandel spielt.
- LPG (Liquefied Petroleum Gas / Flüssiggas) besteht überwiegend aus Propan und Butan, entsteht als Nebenprodukt der Erdölraffination und Erdgasverarbeitung und wird häufig zum Heizen und Kochen genutzt.
- MSCI-Index (Morgan Stanley Capital International Index) bezeichnet eine Familie von Aktienindizes zur Abbildung der Wertentwicklung globaler Aktienmärkte sowie einzelner Regionen und Länder.
- PPI (Producer Price Index / Erzeugerpreisindex) misst Preisveränderungen auf Produzentenebene und gilt häufig als Frühindikator für die Verbraucherpreisinflation.
- Reflation bezeichnet entweder einen Anstieg des Preisniveaus nach einer Phase wirtschaftlicher Schwäche oder gezielte wirtschaftspolitische Maßnahmen zur Ankurbelung von Wachstum und Inflation.
- Risikoprämie (Risk Premium) ist die zusätzliche Rendite, die Investoren als Ausgleich für das Eingehen höherer Risiken verlangen.
- Stagflation beschreibt ein wirtschaftliches Umfeld mit gleichzeitig hoher Inflation, schwachem Wirtschaftswachstum und erhöhter Arbeitslosigkeit.
- STOXX 600 ist ein breiter europäischer Aktienindex, der die Wertentwicklung von 600 großen, mittleren und kleinen Unternehmen aus mehreren europäischen Ländern abbildet.
- Straße von Hormus ist eine strategisch äußerst wichtige Meerenge, die den Persischen Golf mit den globalen Energiemärkten verbindet und durch die ein erheblicher Teil der weltweiten Öl- und LNG-Transporte verläuft.
- USD (US-Dollar) ist die offizielle Währung der Vereinigten Staaten und dient als wichtigste globale Reservewährung für Rohstoffpreise, internationalen Handel und Finanztransaktionen.
- Zinskurve stellt den Zusammenhang zwischen Zinssätzen und unter-schiedlichen Laufzeiten von Schuldverschreibungen dar und wird häufig zur Einschätzung von Konjunktur- und geldpolitischen Erwartungen genutzt.
Aktuelle Marktkommentare erhalten Sie im täglichen Newsletter „PERSPEKTIVEN am Morgen“.
Redaktionsschluss: 30.03.2026, 15 Uhr