Die wichtigsten Fakten:

  • Gute Konjunktur- und Unternehmensdaten aus Deutschland.
  • Binnennachfrage legt weiter spürbar zu.
  • Herausforderungen für langfristiges Wachstum.

Neuwahlen in Großbritannien, zunehmend euroskeptische Strömungen in Italien, eine Minderheitsregierung in Spanien – mit Blick auf ihre europäischen Nachbarn sehen sich die Deutschen derzeit umringt von politischen Herausforderungen. Hinzu kommt die wachsende Verunsicherung hinsichtlich der Entwicklungen in den Vereinigten Staaten. Denn dort hat es Präsident Donald Trump auch mehr als drei Monate nach seinem Amtsantritt noch nicht geschafft, seine im Wahlkampf skizzierten Pläne entscheidend voranzutreiben.

Während auf politischer Ebene die Herausforderungen nicht abzunehmen scheinen, präsentiert sich die Welt wirtschaftlich derzeit so dynamisch wie schon lange nicht mehr: Zum ersten Mal seit Jahren legt beispielsweise das Bruttoinlandsprodukt aller G-20-Staaten gleichzeitig spürbar zu. Für das weltweite Wirtschaftswachstum erwarte ich, nach 3,1 Prozent im Jahr 2016, im laufenden Jahr ein Plus von 3,6 und für 2018 sogar von 3,9 Prozent.

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Deutschland profitiert von weltwirtschaftlicher Dynamik

Einer der Hauptprofiteure dieser positiven Entwicklung ist aus meiner Sicht Deutschland. Denn kaum eine andere Volkswirtschaft ist international so stark in die arbeitsteiligen Prozesse und den globalen Warenaustausch eingebunden. Diese Tatsache spiegelt sich aktuell nicht nur in einer steigenden Erwerbsquote, sondern auch in den Zahlen deutscher Unternehmen wider: Neben Rekordausschüttungen in dieser Dividendensaison erwarten die Analysten auch auf der Gewinnseite eine zunehmend positive Entwicklung.

Entsprechend gut ist derzeit die Stimmung in den Unternehmen selbst: Der ifo Geschäftsklimaindex, der wichtigste Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland, erreichte im April 2017 mit 112,9 Punkten den höchsten Wert seit Juli 2011. Bemerkenswert dabei ist, dass sowohl die Beurteilung der aktuellen Lage als auch die Geschäftserwartungen der Unternehmen auf hohem Niveau liegen. Zudem stieg der Index in nahezu allen wichtigen Industriebereichen. Für mich ist das ein klares Signal, dass der Aufschwung in Deutschland an Kraft gewinnt. Nach einem Plus von 1,1 Prozent für dieses Jahr rechne ich für 2018 mit einem Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent.

Importe legen stärker zu als Exporte

Schaut man auf die einzelnen Komponenten, die die Konjunktur nachfrageseitig beeinflussen, fällt auf, dass der traditionell starke Export zwar weiter zulegen konnte – der Nettoexport, also das Volumen der ausgeführten Waren abzüglich der Importe, dagegen abnahm. Grund dafür war ein zuletzt überproportionaler Anstieg der Wareneinfuhren.

Für die deutsche Wirtschaft ist das per se keine schlechte Nachricht. Jedoch schlägt sich der Außenbeitrag negativ in der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts nieder: In den vergangenen Quartalen dämpfte der sinkende Nettoexport das Wirtschaftswachstum im Vergleich zum jeweiligen Vorjahreszeitraum um bis zu 0,4 Prozentpunkte.

Binnennachfrage als wichtigster Wachstumstreiber

Als neuer Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft etabliert sich mehr und mehr die Binnennachfrage: Zum Ende des vergangenen Jahres trug sie mit rund 92 Prozent zum gesamten Bruttoinlandsprodukt bei. Haupttreiber dabei waren der private Konsum und der private Wohnungsbau, die aufgrund der guten konjunkturellen Lage auch von einem steigenden Lohnniveau profitieren konnten.

Auf Unternehmensseite hingegen ist nach wie vor eine große Investitionszurückhaltung zu beobachten – trotz des guten konjunkturellen Rahmens. Grund dafür dürften unter anderem die weiterhin existierenden politischen Unsicherheiten in der Eurozone sein.

Auch der bereits im vergangenen Jahr zu verzeichnende Anstieg der öffentlichen Bauaufträge wird meines Erachtens kaum noch einen spürbaren Wachstumsbeitrag leisten können: Da die Kapazitäten im Hoch-, Tief- und Straßenbau bereits weitestgehend ausgeschöpft zu sein scheinen, führen steigende öffentliche Investitionen nur zu einem sogenannten Crowding-out – also einer Verdrängung privater durch staatliche Nachfrage.

Auch in Deutschland ist nicht alles Gold, was glänzt

Insgesamt sind die Voraussetzungen für eine weiter prosperierende Konjunktur in Deutschland jedoch gegeben. Aber ist Deutschland damit wirklich der Musterknabe Europas – ein Vorbild für wirtschaftlichen Erfolg und zunehmenden Wohlstand? Ich denke, zumindest nicht ohne Einschränkungen.

Die Stimmungslage der Deutschen scheint diese Einschätzung zu bestätigen: So ist laut dem aktuellen Eurobarometer der Europäischen Kommission zwar die überwiegende Mehrheit zufrieden mit ihrer persönlichen Finanzsituation. Gleichzeitig sind 38 Prozent der Befragten jedoch unzufrieden mit der allgemeinen Entwicklung im Land – im Gegensatz zu nur 34 Prozent, die angaben, dass die Dinge in die richtige Richtung gehen. Im Spannungsfeld internationaler und nationaler politischer Herausforderungen existiert der klassische Zusammenhang zwischen guter Finanzlage und positiver Grundstimmung derzeit nicht.

Und auch ein genauerer Blick auf die wirtschaftlichen Fakten lässt den Glanz des neuen deutschen Wirtschaftswunders ein wenig verblassen. So wäre das von der Deutschen Bank für das Jahr 2017 erwartete Wirtschaftswachstum von 1,1 Prozent für eine soweit entwickelte Industrienation wie Deutschland zwar ein passables Ergebnis. Mehr aber auch nicht. Und die hohe Erwerbsquote basiert zum Teil auf Arbeitsverhältnissen wie Leih- oder Teilzeitarbeit.

Kurzfristige Stimuli sind keine nachhaltigen Wachstumstreiber

Was also braucht es in Deutschland, um den erreichten Wohlstand langfristig zu sichern oder sogar weiter auszubauen? Zunächst einmal die politische Einsicht, dass sich die deutsche Wirtschaft in einer zunehmend globalisierten Wirtschaft einem immer intensiveren und vielfältigeren Wettbewerb stellen muss. Statt sich auf Verteilungsfragen zu konzentrieren, muss meines Erachtens die Entstehung von Wachstum und Wohlstand wieder stärker in den Mittelpunkt politischen Handelns rücken. Dabei sollte der Fokus weniger auf der Nachfrage- als auf der Angebotsseite liegen. Denn allein der Ruf nach mehr Konsum oder mehr staatlichen Ausgaben wird langfristig nicht zu einem gesunden Wachstum führen.

Entscheidend wird vielmehr sein, ob es gelingt, in einer alternden Gesellschaft und einer weit entwickelten Wirtschaft wie der deutschen die erforderlichen Kapazitäten bereitzustellen, um die Produktion von Waren und Dienstleistungen nachhaltig sicherzustellen. Notwendig dafür ist nach dem Wachstumsmodell des US-amerikanischen Ökonomen Robert M. Solow neben Erwerbstätigen und Produktionsgütern wie Maschinen insbesondere eine hohe Innovationskraft, also eine Steigerung der Produktivität.

Deutschland kann jetzt die Weichen Richtung Zukunft stellen

Die Zeit, um das Fundament für eine langfristig florierende Volkswirtschaft zu legen, scheint aufgrund der konjunkturellen Lage in Deutschland derzeit günstig. Tatsächlich werden jedoch noch zu wenige Anstrengungen in dieser Richtung unternommen. Um die Produktivität in Deutschland zu steigern, bedarf es insbesondere umfangreicher Investitionen etwa in die Bereiche Forschung und Entwicklung oder in die Qualifikation von Arbeitskräften.

Zwar sind erste Schritte bereits unternommen worden: So ist der Anstieg öffentlicher Investitionen in den vergangenen zehn Jahren hauptsächlich dem Bereich Forschung und Entwicklung zugutegekommen. Ein investitionsfreundlicher Ordnungsrahmen, der Investitionen insgesamt fördern würde, existiert jedoch nicht. Meines Erachtens ist es jetzt die vordringliche Aufgabe der Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, einen solchen Rahmen zu schaffen. Denn nur wenn die Politik jetzt konsequent die Herausforderungen der Zukunft annimmt, könnte der aktuelle Aufschwung in Deutschland mehr sein als nur eine konjunkturelle Hochphase.



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Redaktionsschluss: 03.05.2017