Die wichtigsten Fakten

  • Das Weltwirtschaftswachstum könnte 2016 wieder leicht anziehen
  • Stabil entwickeln dürften sich vor allem die USA, Deutschland und China
  • Dazu tragen vor allem der Konsum sowie der Dienstleistungssektor bei

Auch wenn die Welt immer schneller zu werden scheint – im Hinblick auf ihr Wirtschaftswachstum hat sie in den vergangenen Jahren an Dynamik verloren. Eine Entwicklung, die sich im Trend fortsetzen dürfte: Statt 4 bis 5 Prozent wie vor der Finanzkrise dürfte es langfristig nur noch 3 bis 4 Prozent Wachstum geben. Für das Jahr 2015 geht die Deutsche Bank von 3,1 Prozent aus, für 2016 von einem globalen Wachstum von rund 3,2 Prozent. Dass die globale Konjunktur 2016 wieder etwas zulegen könnte, liegt nach unserer Ansicht an einer Stabilisierung der chinesischen Wirtschaft sowie einer zyklischen Erholung in den Industrieländern. Haupttreiber dieser Entwicklungen dürften ein starker Dienstleistungssektor sowie der Konsum sein.

Die Weltwirtschaft im Wandel

Die Faktoren, die sich seit der Finanzkrise wachstumshemmend auswirken, werden uns voraussichtlich aber auch im Jahr 2016 begleiten. So dürfte etwa das Investitionsvolumen vieler Unternehmen auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau verharren. Insbesondere im normalerweise sehr investitionsintensiven Energie- und Rohstoffsektor sind infolge der gesunkenen Rohstoffpreise kaum neue Impulse zu erwarten. Vielmehr dürften hier Investitionen weiter aufgeschoben oder ganz eingestellt werden – mit entsprechend negativen Folgen für die Zulieferer. Ein weiterer Wachstumshemmer für die Weltwirtschaft ist die sinkende bzw. weniger stark wachsende Bevölkerung in den Industrienationen.

China sollte solide wachsen – Russland und Brasilien dürften auch im Jahr 2016 in der Rezession stecken bleiben.

Leidtragender dieser strukturellen Trends ist vor allem das Verarbeitende Gewerbe, das zunehmend mit Produktivitäts- und Wachstumsproblemen zu kämpfen hat. Zumal seitens der politisch Verantwortlichen nach wie vor zu wenig unternommen wird, um diesen Herausforderungen zu begegnen – etwa durch wachstumsfördernde Maßnahmen oder Reformen wie der Liberalisierung des Arbeitsmarkts sowie der Verbesserung des Investitionsklimas. Entsprechend schwach fallen weltweit die Stimmungsindikatoren der Industrie im Vergleich zu denen des Dienstleistungssektors aus – ein Trend, der sich 2016 fortsetzen dürfte. Wie stark sich die Gewichtung bereits weg von den „alten“ Industrien entwickelt hat, zeigt das Beispiel USA: Dort hängen schon 80 Prozent aller Jobs am Dienstleistungssektor. Und in Zukunft dürften Internetwirtschaft sowie Konsum eine noch größere Rolle spielen – nicht nur in den Industrie-, sondern auch in den Schwellenländern. Ob die Weltwirtschaft daraus eine neue Dynamik entwickeln kann, bleibt abzuwarten. Denkbar ist, dass gerade aus dem Bereich „Internet der Dinge“ Innovationen hervorgehen, die zu mehr Wachstum auch in den „traditionellen“ Industrien führen können.

China auf Reformkurs, Rohstoffländer vor Herausforderungen

Exemplarisch lässt sich dieser ökonomische Wandel derzeit in China beobachten. Hier hat die Regierung der Wirtschaft einen Reformprozess verordnet, der sie weg von einem industriell getriebenen, hin zu einem nachhaltigeren, auf Binnenkonsum und Dienstleistungen basierenden Wachstum führen soll. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt scheint diesen Weg konsequent zu verfolgen, auch unter Inkaufnahme einer abnehmenden Wachstumsdynamik: Staatspräsident Xi Jinping hat für die kommenden Jahre bereits ein Ziel von „mindestens“ 6,5 Prozent ausgegeben – deutlich weniger als zu Boomzeiten, aber ein nach wie vor starker Wert für eine bereits relativ weit entwickelte Volkswirtschaft.

So ist China auf der Wertschöpfungsleiter in den vergangenen Jahren deutlich nach oben geklettert und produziert nun vieles selbst, was vorher importiert werden musste. Für den innerasiatischen Handel ist das keine gute Nachricht: Die Exporte Südkoreas ins Reich der Mitte zum Beispiel dürften weiter abnehmen. Insgesamt sollte Asien in diesem Jahr jedoch weiter stabil wachsen können: Die Deutsche Bank erwartet für den asiatischen Raum ohne Japan ein Plus von 6,1 Prozent.

Weit weniger positiv sind die Perspektiven für die Rohstoffländer Brasilien und Russland. Beide dürften auch 2016 nicht aus der Rezession herauskommen. Zwar scheint in der zweiten Jahreshälfte eine leichte Entspannung möglich, wodurch die negative Wachstumsdynamik etwas gebremst werden könnte. Eine nachhaltige Erholung ist jedoch nicht in Sicht. Denn während Brasilien weiter unter Problemen wie Korruption und Reformstau leidet, belasten Russland die Sanktionen sowie seine hohe Abhängigkeit vom Rohstoffmarkt.

Regionaler Anteil Industrieländer am weltweiten Wirtschaftswachstum
Regionaler Anteil Industrieländer am weltweiten Wirtschaftswachstum

Deutschland treibt Wachstum in der Eurozone

Die Eurozone scheint ihren wirtschaftlichen Schwung mit ins Jahr 2016 zu nehmen und dürfte aufgrund der zyklischen Impulse stärker wachsen als in den Jahren zuvor. Die größte Volkswirtschaft Europas ist hier gleichzeitig der wichtigste Wachstumstreiber: Deutschland kann mit einem hohen Binnenkonsum, einem starken Arbeitsmarkt und einer ordentlichen Entwicklung der Reallöhne punkten. Der ausgeglichene Haushalt gewährt der Regierung Handlungsspielraum und die Ausgaben im Rahmen des Flüchtlingszustroms wirken wie ein Konjunkturprogramm: Sie könnten 2016 rund 0,25 Prozentpunkte zum von der Deutschen Bank prognostizierten Wachstum von 1,9 Prozent beitragen.

Auch außerhalb der Bundesrepublik scheint die Lage in der Eurozone vergleichsweise solide: Aus Italien ist derzeit wenig zu hören – ein tendenziell gutes Zeichen nach den Verunsicherungen der vergangenen Jahre. Das Land scheint auf dem richtigen Weg und Regierungspräsident Matteo Renzi bei seinen Reformbemühungen voranzukommen – etwa beim Kündigungsschutz. Die iberischen Staaten befinden sich ebenfalls weiter im Aufwind: Vor allem Spanien, aber auch Portugal haben sinnvolle Reformen lanciert und sich konjunkturell stabilisiert. Beide Staaten stehen aktuell jedoch großen politischen Herausforderungen gegenüber: Während in Portugal Neuwahlen notwendig sein könnten, stellt für Spanien die mögliche Abspaltung Kataloniens – der wirtschaftlich stärksten Region des Landes – einen Risikofaktor dar, der das Land längerfristig begleiten könnte. Weniger positiv zeigt sich die Entwicklung in Frankreich, das zwar über gute demografische Voraussetzungen verfügt, aber unter strukturellen Problemen und mangelndem Reformwillen leidet. Insgesamt erwartet die Deutsche Bank für die Eurozone im Jahr 2016 ein Wachstum von 1,6 Prozent. Das wäre das größte Jahresplus seit fünf Jahren.

USA profitieren insbesondere von guter Kauflaune

Trotz der guten Aussichten dürfte die Eurozone in diesem Jahr hinter den USA zurückbleiben – dort erwarten wir ein Wachstum von 1,8 Prozent. Wirtschaftlich scheinen die USA solide aufgestellt: Der Arbeitsmarkt zeigt sich in guter Verfassung, der Binnenkonsum – der rund 70 Prozent zum Wirtschaftswachstum beiträgt – wächst stabil und die Löhne könnten nach unserer Einschätzung in naher Zukunft weiter anziehen, was sich wiederum positiv auf die Konsumlaune der US-Amerikaner auswirken sollte. Hinzu kommt, dass auch von politischer Seite kaum Gegenwind zu drohen scheint, da die wichtigste innerpolitische Streitfrage bereits geklärt ist: Republikaner und Demokraten haben sich zu einem fiskalischen Kompromiss durchgerungen und bereits im Oktober 2015 den Haushalt für die Jahre 2016 und 2017 verabschiedet. Mögliche Sparzwänge oder Ausgabenkürzungen sollten damit erst einmal vom Tisch sein.

Deutsche Bank rechnet für 2016 mit einem Anstieg des globalen BIP-Wachstums auf  3,3 Prozent.
Deutsche Bank rechnet für 2016 mit einem Anstieg des globalen BIP-Wachstums auf 3,3 Prozent.

Geldpolitik: Federal Reserve am Wendepunkt

Geldpolitisch wird es 2016 darauf ankommen, nach Jahren der Niedrigzinspolitik einen behutsamen Weg für weitere Zinserhöhungen zu finden. Auch aufgrund der positiven wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den USA war es Mitte Dezember 2015 die Federal Reserve sein, die als erste bedeutende Notenbank ihren Leitzins anhob. Dieses Jahr erwartet die Deutsche Bank von der US-Zentralbank drei weitere Zinsschritte. Zumal auch vonseiten der Inflation nichts gegen eine Erhöhung zu sprechen scheint: Die aktuell niedrige Inflationsrate sollte in erster Linie ölpreisbedingt sein und sich im Jahresverlauf 2016 nach oben anpassen. Ein von uns erwarteter Anstieg der Reallöhne dürfte zu einer stabilen Inflation beitragen. Bei aller Vorsicht ist eine Zinserhöhung aber auch mit Risiken verbunden – zumal nach einer sowohl in ihrer Länge als auch Intensität beispiellosen Niedrigzinsphase. Die Fed begibt sich damit auf für Notenbanken relativ unbekanntes Terrain: Unsicherheiten bleiben.

Europa: EZB weiter expansiv, BoE restriktiver

Die Europäische Zentralbank hingegen dürfte sich weiterhin auf einem entgegengesetzten Pfad bewegen – auch weil sich die Eurozone im Konjunkturzyklus hinter den USA befindet. Bereits Anfang Dezember 2015 beschloss die EZB, ihre Einlagenverzinsung weiter zu senken und ihr Anleiheankaufprogramm statt bis September 2016 noch mindestens bis März 2017 laufen zu lassen.

Langfristig könnte das zu einer weiteren Abwertung des Euro führen – die auch notwendig sein dürfte, um die exportorientierte Industrie in der Eurozone weiter zu stützen. Denn wie es scheint, ist die Krise in Europa längst nicht vollständig überstanden. Auch in den USA sollte man mit einem schwächeren Euro leben können: Zwar sind dadurch Wettbewerbsnachteile für US-Unternehmen zu befürchten. Gleichzeitig ist die Eurozone aber einer der wichtigsten Absatzmärkte für Corporate America – weshalb die USA an einer positiven wirtschaftlichen Lage auf dem Kontinent starkes Interesse haben sollten.

Die Bank of England wandelt in Sachen Geldpolitik hingegen auf eigenen Wegen und folgt eher der Fed als der EZB. Nach der US-Notenbank wird sie vermutlich die zweite Zentralbank sein, die einen ersten Zinsschritt wagt. Und das aus gutem Grund: Großbritanniens Inflations- und Wachstumsraten sind eher mit denen in den USA als in der Eurozone vergleichbar. Das britische Pfund sollte gegenüber dem US-Dollar entsprechend schwach und gegenüber dem Euro stabil bleiben.

Überraschungspotenzial in Japan, Handlungspotenzial in China

Schwieriger gestalten sich konkrete Prognosen für die japanische Geldpolitik: Die Bank of Japan könnte auch 2016 für die eine oder andere Überraschung gut sein. Wenn sie die Notwendigkeit sieht, dürfte sie stützend eingreifen – vor allem, weil die japanische Wirtschaft jüngst weniger dynamisch wuchs. Sicher scheint, dass die Bank of Japan ihre Geldpolitik auf absehbare Zeit kaum straffen dürfte. Der Yen sollte gegenüber dem Dollar schwach bleiben, wovon Japans exportlastige Unternehmen weiterhin profitieren könnten.

Die chinesische Zentralbank (People's Bank of China – PBoC) war bereits im Jahr 2015 sehr aktiv und hat beispielsweise sowohl den Mindestreservesatz als auch den Leitzins mehrmals gesenkt. Das spricht dafür, dass weitere Lockerungen folgen könnten, sofern das Wachstum in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde unter Druck geraten sollte. Die Möglichkeiten dazu sollte die PBoC haben: Die Inflation bewegt sich auf einem sehr niedrigen Niveau und sowohl beim Leitzins als auch beim Mindestreservesatz ist noch deutlich Luft nach unten.

Zinsdifferenzen Fed, EZB & Co dürften sich ausweiten. Fed dürfte als erste bedeutende Notenbank ihre Leitzinsen anheben.
Zinsdifferenzen Fed, EZB & Co dürften sich ausweiten. Fed dürfte als erste bedeutende Notenbank ihre Leitzinsen anheben.

Konjunkturelle Stabilisierung – interessantes Anlageumfeld

Insgesamt scheint die Weltkonjunktur nach einem eher schwächeren Jahr 2015 in den kommenden Monaten wieder stabiler wachsen zu können. Zwar zeigt das langfristige Wachstum nach wie vor eine nachlassende Dynamik, die zyklischen Impulse sollten diesen Trend 2016 jedoch überkompensieren – das dürfte insbesondere für die Industrieländer gelten. Aus Sicht der Deutschen Bank ergibt sich daraus, unter Berücksichtigung der politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, für Anleger ein interessantes Investitionsumfeld, in dem jedoch ein sehr selektives Vorgehen angeraten sein könnte.