Die wichtigsten Fakten:

  • Zinsen in den USA und der Eurozone zuletzt gestiegen
  • Weiteres Aufwärtspotenzial scheint begrenzt
  • Anleihen bleiben wichtiger Depotbestandteil

Ende 2018 gehörten sie noch zu den größten Risiken für Marktteilnehmer: zu schnell steigende Kapitalmarktzinsen in den USA und Europa. Nur wenige Monate später war davon bereits keine Rede mehr. Eine globale Konjunkturabkühlung und erste Rezessionsängste veranlassten die bedeutenden Notenbanken, mit einer expansiveren Geldpolitik das Wachstum zu stützen. Beispielsweise senkte die US-Notenbank Fed, die sich bereits in einem Zinserhöhungszyklus befand, im Juli nach neun Zinserhöhungen seit 2015 erstmals wieder den Leitzins. Zwei weitere Zinsschritte nach unten folgten, der bislang letzte Ende Oktober 2019. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) beschloss im September dieses Jahres umfassende geldpolitische Lockerungen wie eine Senkung des Einlagezinses und eine Neuauflage des Anleihekaufprogramms. Im Zuge der verhalteneren Konjunkturaussichten und der darauf folgenden geldpolitischen Lockerungen sanken die Kapitalmarktzinsen in den USA und der Eurozone auf neue Jahrestiefstände.

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Anleiherenditen zuletzt gestiegen

Auf die Tiefststände folgte ein plötzlicher Zinsanstieg: Aufgrund der Entspannung im Handelsstreit zwischen den USA und China sowie solider US-Wirtschaftsdaten nahm die Rezessionssorge der Marktteilnehmer ab und ihre Risikobereitschaft zu. „Sichere Häfen“ wie Bundesanleihen waren weniger gefragt, sodass die Rendite 10-jähriger Papiere seit ihrem Allzeittief am 28. August 2019 von –0,71 Prozent bis zum 20. November 2019 auf –0,3 Prozent zulegte. Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen kletterte im gleichen Zeitraum von 1,48 Prozent auf 1,74 Prozent. Verstärkt wurde diese Entwicklung von der US-Notenbank, die auf ihrer Oktobersitzung ein Ende ihrer Leitzinssenkungen in Aussicht stellte, sollten sich die Konjunkturdaten nicht überraschend eintrüben. Viele Anleger hatten bis dahin mit einer weiteren Leitzinssenkung im Dezember gerechnet.

Ist der nächste Zinsschock in Sicht?

Die jüngsten Entwicklungen lassen unter Marktteilnehmern unangenehme Erinnerungen wach werden: Im Jahr 2013 kündigte der damalige US-Notenbankchef Ben Bernanke einen Ausstieg der Fed aus ihrer expansiven Geldpolitik an. In Erwartung eines schnell steigenden Zinsniveaus, das die Anleihekurse unter Druck setzt, trennten sich Anleger in großem Maßstab von US-Staatsanleihen. Die Folge waren erhebliche Verwerfungen an den Kapitalmärkten weltweit. Zwei Jahre nach dem sogenannten Taper Tantrum war es die Renditeentwicklung deutscher Bundesanleihen, die für globale Marktturbulenzen sorgte. Nachdem die EZB überraschend bekannt gegeben hatte, auf weitere Leitzinssenkungen zu verzichten, stieg die Verzinsung 10-jähriger Bunds im Frühling 2015 innerhalb von nur sechs Wochen von null auf rund 1 Prozent – ein Ereignis, das als Bund Tantrum bekannt wurde.

Nachhaltiger Zinsanstieg unwahrscheinlich

Dass die Anleiherenditen auf absehbare Zeit weiter steigen und ein neues Tantrum (engl. für Wutanfall) heraufbeschwören könnten, ist aus Sicht der Deutschen Bank eher unwahrscheinlich. Denn aktuell sind die konjunkturellen und politischen Herausforderungen nach wie vor groß. Die US-Konjunktur hat sich zwar zuletzt stabilisiert, allerdings auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau, und der Handelsstreit ist trotz einiger Entspannungssignale noch lange nicht beigelegt. Darüber hinaus dürfte die US-Präsidentschaftswahl im kommenden November den Renditeanstieg begrenzen, denn die Unsicherheiten über die politischen Entwicklungen könnten im Vorfeld dieser Wahl zu einer erhöhten Nachfrage nach als sicher geltenden Anleihen führen. Sorgen bereiten den Marktteilnehmern dabei insbesondere die Pläne der demokratischen Favoriten Joe Biden und Elizabeth Warren, die Unternehmenssteuern zu erhöhen – was die Unternehmensgewinne und damit die Aktienkurse belasten dürfte.

In der Eurozone dürften das Anleihekaufprogramm der EZB, die Möglichkeit einer weiteren Senkung des Einlagezinssatzes im Dezember und die Rezessionstendenzen im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland einen starken Zinsanstieg verhindern – in Deutschland konnte eine technische Rezession im dritten Quartal 2019 nur knapp vermieden werden. Insgesamt erwartet die Deutsche Bank aber weder in der Eurozone noch in den USA einen gesamtwirtschaftlichen Abschwung.

Trotz jüngster Renditeanstiege – Anleihen bleiben wichtiger Depotbestandteil

Anleihen mit hoher Bedeutung im Portfoliokontext

Mit zu stark steigenden Anleiherenditen und im Umkehrschluss sinkenden Anleihekursen ist aus Sicht der Deutschen Bank daher derzeit nicht zu rechnen. Ohnehin sollten Anleger auf Anleihen im Depot nicht verzichten. Diese sind aus Korrelationsgründen ein wichtiger Portfoliobaustein: Belastet eine Eintrübung des Marktumfelds Anlageklassen mit höherem Risiko, zum Beispiel Aktien, können Anleihen mit einer Gegenbewegung Verluste im Depot begrenzen. Wie groß der Anteil der Anlageklasse sein sollte, hängt maßgeblich von der Risikobereitschaft des Anlegers ab – je vorsichtiger der Anleger, desto höher sollte der Anleiheanteil ausfallen. Ganz allgemein gilt dabei: Auch im Anleihebereich ist eine breite Streuung über unterschiedliche Regionen und Segmente wie Staats- und Unternehmensanleihen sinnvoll. Ein aktives Management im Rahmen eines Investmentfonds bleibt daher das Gebot der Stunde.



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Anlagewissen

Redaktionsschluss: 20.11.2019