Die wichtigsten Fakten:

  • US-Aktien sind aktuell höher bewertet als europäische Titel
  • Der Bewertungsaufschlag hat strukturelle Gründe
  • Auch US-Aktien könnten weiteres Kurspotenzial bieten

Die Stimmung an den Aktienmärkten in den USA und in Europa bleibt weiter gut: Jenseits des Atlantiks kletterten die Indizes zuletzt regelmäßig auf neue Rekordhochs und auch in der Alten Welt haben sich die Kurse nach einigen Rücksetzern in den vergangenen Monaten wieder deutlich erholt. Es scheint, als bewegten sich die beiden Regionen wieder im Gleichschritt. Doch bei näherer Betrachtung werden durchaus Unterschiede sichtbar – auch mit Blick auf die Aktienbewertungen.

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Bewertungen als mögliche Kaufkriterien

Mit verschiedenen Bewertungsmodellen versuchen Marktteilnehmer herauszufinden, ob eine Aktie billig oder teuer ist – also ob sich ein Kauf lohnt oder nicht. Dazu werden wichtige fundamentale Daten einer Aktie und des betreffenden Unternehmens miteinander verglichen, zum Beispiel der Kurs eines Papiers mit dem Buchwert des Unternehmens. Das sogenannte Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) sagt aus, ob der Wert aller ausgegebenen Aktien höher oder niedriger ist als – vereinfacht gesprochen – der Wert des Unternehmens. Grundsätzlich gilt: Je niedriger das KBV, desto günstiger erscheint die Aktie.

US-Aktien „teurer“ als Europaaktien

Blickt man derzeit auf den US-Aktienmarkt, liegt das durchschnittliche KBV im US-Leitindex S&P 500, der die 500 bedeutendsten börsennotierten Unternehmen der USA beinhaltet, bei 3,1 – das heißt, der Wert aller Aktien übersteigt um das 3,1-fache den Buchwert der Unternehmen. In Europa hingegen beträgt das Verhältnis nur 1,9. Sind europäische Aktien damit also automatisch die bessere, weil günstigere Wahl? Sicher nicht, denn der reine Vergleich der KBV verstellt den Blick auf die Besonderheiten der beiden Aktienmärkte.

US-Unternehmen mit den höheren Margen

Was die US-amerikanischen Unternehmen im Vergleich zu ihren europäischen Pendants auszeichnet, ist beispielsweise die höhere Eigenkapitalrendite, also der Nettogewinn eines Unternehmens in Relation zum Eigenkapital. Haupttreiber dafür sind nach einer Studie der Deutschen Bank die Nettomargen, also der prozentuale Anteil des Gewinns eines Unternehmens an dessen Umsatz. Diese sind in den USA allein seit dem Jahr 2012 rund doppelt so hoch wie in Europa. Die Gründe hierfür sind vielschichtig: Zum einen ist der US-amerikanische Markt im Hinblick auf die Sektorstruktur, die Gesetzgebung, die Sprache, die Währung oder die Mobilität von Arbeitskräften deutlich homogener als der europäische – was eine höhere Marktkonzentration zulässt und die variablen Kosten senkt. Zum anderen haben US-Unternehmen das derzeitige Niedrigzinsumfeld deutlich stärker genutzt, um sich entsprechend günstig zu refinanzieren.

Niedrigere Steuerbelastung großer US-Unternehmen

Schließlich zahlen einige der großen multinational agierenden US-Unternehmen auch schlichtweg weniger Steuern als ihre europäischen Wettbewerber: Dadurch liegt die effektive Steuerbelastung der Unternehmen im gesamteuropäischen Aktienindex Stoxx 600, der die 600 bedeutendsten börsennotierten europäischen Unternehmen listet, derzeit rund 3 Prozentpunkte höher als im US-amerikanischen S&P 500. Sollte US-Präsident Donald Trump in den kommenden Monaten seine geplante Steuerreform durchsetzen können, würde sich diese Differenz wohl weiter zugunsten von „Corporate America“ verschieben.

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Geringere Kursschwankungen als in Europa

Neben betriebswirtschaftlichen Vorteilen US-amerikanischer Unternehmen spielt auch das allgemeine Marktumfeld eine entscheidende Rolle dabei, dass Anleger in den USA höhere Bewertungen akzeptieren. So ist der US-Finanzmarkt deutlich größer und breiter aufgestellt als der europäische. Zudem ist der US-Dollar nach wie vor die zentrale Weltleitwährung. All das führt insgesamt zu einer höheren Liquidität sowie geringeren Schwankungsbreite des US-Marktes und im Umkehrschluss zu einer niedrigeren Risikoprämie seitens der Investoren für das Halten von US-Aktien.

Aktienrückkäufe statt Dividenden

Ein dritter Punkt, der US-Aktien gegenüber europäischen Papieren aus Anlegersicht interessanter machen könnte, ist die Ausschüttungspolitik der Unternehmen. Denn während in Europa Gewinne in rund 95 Prozent der Fälle als Dividenden ausgeschüttet werden, setzen viele US-Unternehmen eher auf Aktienrückkäufe. Letztere werden in den USA steuerlich bevorzugt behandelt, was zu geringeren Abschlägen beim Einkommen der Aktionäre und dementsprechend geringeren Renditeansprüchen führt.

Interessante Aktien – dies- und jenseits des Atlantiks

Insgesamt lässt sich festhalten, dass maßgebliche strukturelle Unterschiede zwischen den Aktienmärkten auf beiden Seiten des Atlantiks existieren. Entsprechend sind auch die Bewertungsdifferenzen nicht kurzfristiger, sondern grundsätzlicher Natur – das sollte bei jeder Überlegung für oder gegen ein entsprechendes Aktieninvestment berücksichtigt werden. Die eigene Anlageentscheidung allein nach dem Kurs-Buchwert-Verhältnis auszurichten, erscheint daher ebenfalls ungeeignet. Vielmehr gilt es, so viele Kriterien wie möglich einzubeziehen. Und dann können sowohl europäische als auch US-amerikanische Aktien, trotz aller Besonderheiten, für entsprechend risikobereite Anleger derzeit interessante Möglichkeiten bieten.



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Anlagewissen

Redaktionsschluss: 16.10.2017