Die wichtigsten Fakten:

  • Konjunktureller Ausblick trübt sich weltweit ein
  • Bedeutende Notenbanken dürften ihre Geldpolitik wieder lockern
  • Deutsche Bank erwartet in den USA zwei weitere Leitzinssenkungen 2019

Als die Deutsche Bundesbank noch die Leitzinsen für die Bundesrepublik festlegte, fand Geldpolitik im Verborgenen statt: Alle zwei Wochen traf sich der Zentralbankrat hinter verschlossenen Türen und entschied über die Leitzinsen. Die Sitzungs­protokolle blieben 30 Jahre unter Verschluss. Heute erscheint Geldpolitik in einem ganz anderen Licht: Wenn der Chef der US-Notenbank Jerome Powell oder sein Kollege Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank (EZB) ihre aktuellen Entscheidungen verkünden, schauen und hören die Marktteilnehmer ganz genau hin – ebenso wie bei Mark Carney von der Bank of England oder Haruhiko Kuroda von der Bank of Japan. Denn weltweit ist die Geldpolitik ein entscheidender Faktor für die Entwicklung der Kapitalmärkte und Volkswirtschaften.

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Moderates Wachstum, starke Zentralbanken

Der Handelsstreit zwischen den USA und China bleibt eines der Risiken für die globale Konjunktur. Zwar hatten sich die Kontrahenten am Rande des G-20-Gipfels darauf geeinigt, die Verhandlungen fortzusetzen und zunächst auf weitere Strafzölle zu verzichten – dennoch kündigte US-Präsident Donald Trump etwas über einen Monat später neue Zölle an, die umgehend von China mit Importverboten und einer Renminbi-Abwertung beantwortet wurden. Die Unsicherheiten belasten die weltweite Investitionstätigkeit und stellen die Struktur der internationalen Produktionsketten insgesamt infrage. Daher hat der Internationale Währungsfonds seine Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft im Vergleich zu seinem Aprilausblick leicht nach unten korrigiert – von 3,3 Prozent auf 3,2 Prozent.

Abnehmende Konjunkturdynamik: bedeutende Notenbanken wieder im Lockerungsmodus

US-Notenbank vor Zinssenkungen

Dieser Wachstumsabschwächung können sich auch die USA nicht entziehen. Arbeitsmarkt und Binnenkonsum zeigen sich in den Vereinigten Staaten zwar robust, die Risiken für den Welthandel belasten jedoch auch die größte Volkswirtschaft der Welt. Darauf hat die US-Notenbank reagiert: Ende Juli 2019 senkte sie ihren Leitzins erstmals seit zehn Jahren – um 0,25 Prozentpunkte auf die Spanne von 2,00 bis 2,25 Prozent. Die Deutsche Bank rechnet mit zwei weiteren Leitzinssenkungen im laufenden Jahr. Anfang 2019 wurden nach vier Erhöhungen im Jahr 2018 noch weitere Anhebungen prognostiziert. Das Kalkül der Zentralbanken: Durch eine Lockerung der Geldpolitik verbessern sich die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen. Hierdurch könnte die Investitionstätigkeit zulegen. Dies würde in der Folge die Konjunktur stimulieren.

Trotz der Zinssenkung zeigten sich die Marktteilnehmer eher enttäuscht, der US-Leitindex S&P 500 fiel zunächst von etwa 3.010 auf rund 2.960 Punkte, erholte sich aber anschließend auf 2.980 Punkte. Der Grund: Rund ein Viertel der Marktteilnehmer hatte eine doppelt so hohe Absenkung erwartet. Zudem signalisierte Fed-Chef Jerome Powell, dass der Zinsschritt eher als Anpassung zu sehen sei und nicht als Start eines Senkungszyklus missverstanden werden solle.

EZB bereitet Lockerung der Geldpolitik vor

Um die Wirtschaft in der Eurozone anzukurbeln, hat EZB-Chef Mario Draghi Ende Juli eine wieder expansivere Geldpolitik angedeutet. Zwar beurteilen die Währungshüter in der Eurozone das Risiko einer Rezession als gering, erwarten im zweiten Halbjahr 2019 jedoch keine positiven Impulse mehr. Gleichzeitig ist die Inflation weit von der EZB-Zielmarke „knapp unter 2 Prozent“ entfernt: Im Juli betrug sie 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Auf der jüngsten Sitzung des Zentralbankrats Ende Juli stellte Draghi die Marktteilnehmer daher auf eine geldpolitische Lockerung ein. Die Deutsche Bank geht davon aus, dass die EZB im September und Dezember 2019 den Einlagezinssatz um je 10 Basispunkte senken wird. Dabei handelt es sich um den Zinssatz, zu dem Banken Geld bei der Zentralbank „parken“ können. Aktuell liegt er bei –0,4 Prozent. Darüber hinaus scheint auch eine Wiederaufnahme der Anleihekäufe möglich (Quantitative Easing). Dies müsse laut Draghi von den Gremien geprüft werden.

Bank of Japan weiter auf ultralockerem Kurs

In Japan verfolgt die Zentralbank seit Jahren eine ultralockere Geldpolitik – inklusive Kontrolle der Zinsstrukturkurve, um sie auf niedrigem Niveau zu halten, und Käufen am japanischen Aktienmarkt –, allerdings mit begrenztem ökonomischem Erfolg. Mit 0,5 Prozent dürfte die japanische Wirtschaft in diesem Jahr unter Potenzial wachsen und die Preissteigerungsrate lediglich bei 0,4 Prozent liegen. Die Deutsche Bank geht davon aus, dass die japanische Zentralbank ihren Kurs auf absehbare Zeit beibehalten wird – zumal ihre weiteren Möglichkeiten eingeschränkt sind.

Bank of England in der Zwickmühle

Die Bank of England ist eine der wenigen Zentralbanken weltweit, bei der eine Zinserhöhung in absehbarer Zeit möglich erscheint: Auf dem Arbeitsmarkt herrscht nahezu Vollbeschäftigung, die Löhne steigen und die Inflation ist innerhalb der Zielkorridors der Währungshüter. Allerdings ist die mit dem Brexit verbundene Unsicherheit weiterhin hoch. Dadurch haben sich jüngst auch die konjunkturellen Stimmungsindikatoren auf der Insel verschlechtert. Bis in der Brexit-Frage Klarheit herrscht, dürfte die geldpolitische Straffung pausieren. Für das Jahr 2019 erwartet die Deutsche Bank keine Leitzinserhöhung. Wie es danach weitergeht, wird wohl maßgeblich vom Ausgang der Brexit-Verhandlungen bestimmt werden.

Die Entscheidungen der Währungshüter können die Entwicklungen an den Kapitalmärkten deutlich beeinflussen – wie auch die Entwicklungen am US-Markt infolge der jüngsten Fed-Entscheidung zeigten. Anleger sollten die Geldpolitik der wichtigsten Notenbanken daher in jedem Fall im Blick behalten und in ihre Anlageentscheidungen miteinbeziehen – an Transparenz und Informationen mangelt es anders als vor wenigen Jahrzehnten nicht mehr.



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Anlagewissen

Redaktionsschluss: 08.08.2019