Die wichtigsten Fakten:

  • Automatisierungsgrad innerhalb der Industrie dürfte weiter steigen
  • Potenzial für Anbieter entsprechender Lösungen
  • Software- und Halbleiterhersteller sowie Maschinenbauer im Fokus

Von kollaborativen Robotern, die ihren menschlichen Kollegen als „smarte Assistenten“ monotone, körperlich anstrengende oder gefährliche Arbeiten abnehmen, über intelligente Maschinen, die selbstständig Fertigungsprozesse koordinieren, bis hin zur kompletten „Smart Factory“, die weitgehend ohne menschliche Eingriffe auskommt: Mit den Fortschritten insbesondere auf den Gebieten Künstliche Intelligenz, Robotik und dem „Internet der Dinge“ – also der Vernetzung von Maschinen und Gegenständen – dürfte sich die Automatisierung der Industrie künftig weiter beschleunigen. Nicht umsonst gilt die Digitalisierung der Produktion als vierte industrielle Revolution und steht damit auf einer Stufe mit den früheren Umbrüchen durch Dampfmaschine, Fließband und Computer. Langfristig dürften sich innerhalb der für die „Industrie 4.0“ zentralen Bereiche Robotik und Automatisierung daher für entsprechend risikobereite Anleger interessante Anlagemöglichkeiten eröffnen.

Der Trend zur Automatisierung in der Industrie dürfte sich fortsetzen – und interessante Anlagemöglichkeiten eröffnen

Kein neuer Trend – aber neue Möglichkeiten

Dabei handelt es sich bei der Automatisierung nicht um einen neuen Trend: Japanische Unternehmen beispielsweise begannen bereits in den 1990er-Jahren, massiv in Roboter zu investieren. Die Anzahl der Roboter pro 10.000 Arbeiter stieg seither von rund 50 auf etwa 300. Damit zählt Japan zu den am stärksten automatisierten Volkswirtschaften der Welt. Neu sind jedoch die technologischen Möglichkeiten und die Geschwindigkeit der weltweiten Automatisierungsbewegung: Alleine in den USA wurden im vergangenen Jahr rund 28.500 Roboter installiert – so viele wie noch nie zuvor und 16 Prozent mehr als 2017. Insbesondere die Hersteller von Lebensmitteln und Haushaltsprodukten sowie von Halbleitern und Elektronik setzen zunehmend auf Automatisierung. Global betrachtet „arbeiteten“ 2009 etwa eine Million Roboter in den Fabriken, 2020 könnten es Prognosen zufolge bereits drei Millionen sein. Laut Analystenschätzungen dürften sie ihren Anteil an der Produktion von heute weltweit durchschnittlich 10 Prozent bis 2025 auf 25 Prozent steigern.

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Steigende Produktivität, sinkende Lohnkosten

Der Hauptgrund für Unternehmen, die Automatisierung voranzutreiben, sind die Steigerung der Produktivität bei gleichzeitigen Kosteneinsparungen sowie die Verbesserung der Produktqualität. Außerdem können durch die Digitalisierung Produktionsprozesse flexibilisiert und Kapazitäten besser ausgelastet werden. Indem zum Beispiel Produktionsabläufe in Echtzeit überwacht und bei Bedarf automatisch rechtzeitig Rohmaterialien bestellt werden, lassen sich Leerlaufzeiten ebenso senken wie Lagerkosten – durch die Produktion „just in time“. Daneben gehört die Reduzierung der Arbeitskosten zu den Zielen – zumal auch in bisherigen Niedriglohnländern das Lohnniveau steigt. Das gilt insbesondere für China, lange „Werkbank der Welt“ genannt: Lag der Industrielohn im Reich der Mitte 2006 noch bei durchschnittlich 18.000 Yuan jährlich – umgerechnet etwa 2.300 Euro –, waren es 2018 bereits 70.000 Yuan (rund 9.000 Euro).

Strukturwandel am Arbeitsmarkt

Durch die fortschreitende Automatisierung könnte auch das seit Jahren stagnierende Potenzialwachstum stimuliert werden – sowohl in den Industriestaaten als auch in den Schwellenländern. Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind jedoch umstritten: Die Optimisten erhoffen sich vor allem einen Anstieg der Produktivität, während die Pessimisten das Risiko einer technisierten Arbeitswelt sehen, in der intelligente Maschinen den Menschen sukzessive ersetzen und ihn aus dem Arbeitsmarkt drängen. Einigkeit herrscht jedoch darüber, dass es in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu einem tief greifenden Strukturwandel am Arbeitsmarkt kommen wird.

Technologiebranche sowie Anwender könnten profitieren

Vom steigenden Automatisierungsgrad dürften insbesondere Unternehmen aus der Branche Technologie – sowohl im Hard- als auch im Softwarebereich – sowie die Nutzer von Industrie-4.0-Anwendungen profitieren. Abgesehen von der Softwarebranche stehen die entsprechenden Sektoren aufgrund des globalen Handelsstreits derzeit allerdings unter Druck. Die Hersteller von Hardware – beispielsweise Halbleitern – mussten unter anderem angesichts der US-Sanktionen gegen den großen chinesischen Telekommunikationskonzern Huawei nach einem starken Jahresstart zwischenzeitliche Kursverluste hinnehmen. Insgesamt liegt der Philadelphia Semiconductor Index, der bedeutende Halbleiterhersteller weltweit beinhaltet, seit Jahresbeginn rund 33 Prozent im Plus. Die weiteren Aussichten sind aktuell jedoch verhalten: In den kommenden 12 Monaten rechnet die Analystengemeinde für die Branche zum Beispiel in den USA mit einem Gewinnrückgang um 1,5 Prozent. Umgekehrt ist das Bild bei den Softwareunternehmen: Für diese werden im US-Leitindex S&P 500 Gewinnsteigerungen in Höhe von 12,8 Prozent prognostiziert – sie sind aufgrund der starken Wertentwicklung in den vergangenen Jahren jedoch relativ hoch bewertet. Als Anwender von Industrie-4.0-Applikationen profitieren könnten zum Beispiel Maschinenbauer. Hier erwartet die Analystengemeinde in den kommenden 12 Monaten Gewinnsteigerungen von 7,5 Prozent. Ihre Bewertung ist im Vergleich zum Median der vergangenen Jahre günstig.

Kurzfristige Risiken – langfristiges Potenzial

Kurzfristig könnten der Handelsstreit und eine mögliche Abkühlung der Weltkonjunktur auch innerhalb des Anlagebereichs Automatisierung und Robotik für Zurückhaltung bei Investitionen sorgen – und damit die Kurse belasten. Auf lange Sicht könnten Investments in Unternehmen, die in diesen Bereichen tätig sind, jedoch eine interessante Beimischung im Depot darstellen – denn langfristig dürften sie am steigenden Automatisierungsgrad teilhaben können. Aufgrund des breiten Spektrums infrage kommender Anlageziele scheint dabei ein aktives Management ratsam.



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Anlagewissen

Redaktionsschluss: 22.07.2019