Die wichtigsten Fakten:

  • Jüngster Wahlsieg bestätigt Wirtschaftspolitik von Premierminister Abe
  • Export und Binnenkonsum stützen konjunkturelle Entwicklung
  • Aktienmarkt zeigt weiterhin mögliches Kurspotenzial

Zwischenzeitlich sah es so aus, als könnte es eng werden für Japans Premierminister Shinzo Abe: Kurz nachdem er Ende September mit der Auflösung des Unterhauses im Parlament den Weg für vorgezogene Neuwahlen geebnet hatte, legte die eben erst von der Tokioter Gouverneurin Yuriko Koike gegründete „Partei der Hoffnung“ einen fulminanten Start hin – und schien die Mehrheitsverhältnisse in Japan durcheinanderzuwirbeln.

Rechtzeitig zum Wahltag am 22. Oktober konnte Abe das Ruder jedoch wieder herumreißen: Gemeinsam mit ihrem kleineren Koalitionspartner „Komeito“ gewannen Abes Liberaldemokraten 312 der 465 Sitze im Parlament und verfügen damit über eine Zweidrittelmehrheit. Mit der Wahl bestätigten die Japaner nicht nur Abe im Amt, sondern indirekt auch die Fortführung seiner als „Abenomics“ bekannten Wirtschaftspolitik: Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2013 versucht er, mithilfe seiner „drei Pfeile“ – umfangreichen fiskalpolitischen Maßnahmen, einer expansiven Geldpolitik sowie strukturellen Reformen – die lange Zeit lahmende japanische Wirtschaft wieder in die Spur zu bringen. Und aktuell scheint es so, als könne er dabei tatsächlich Fortschritte erzielen.

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Japanische Wirtschaft auf Wachstumskurs

So konnte das japanische Wirtschaftswachstum in den vergangenen sechs Quartalen jeweils zulegen, zuletzt mit einem leichten Plus von 1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Dieser positive Trend könnte sich auch in den kommenden Quartalen fortsetzen. Dafür spricht unter anderem die gute Stimmung unter den japanischen Konzernlenkern: Der wichtige japanische Frühindikator Tankan Manufacturing Index stieg im September 2017 auf ein 10-Jahres-Hoch.

Zu diesen guten Perspektiven trägt entscheidend bei, dass Japan derzeit ganz besonders von zwei Faktoren profitiert: der aktuell hohen Dynamik der Weltwirtschaft sowie dem im Vergleich zu den Währungen seiner wichtigsten Handelspartner schwachen Yen, der japanische Exportgüter in anderen Währungsräumen günstiger und damit wettbewerbsfähiger macht.

Beides zusammen stützt den japanischen Außenhandel: Das Volumen der Ausfuhren lag im September 2017 mehr als 14 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Für Japan ist dieser Trend besonders positiv zu werten. Schließlich erzielen die japanischen Unternehmen einen Großteil ihres Umsatzes im Ausland. Zu den wichtigsten Exportgütern gehören Autos und Autoteile sowie Halbleiter und Schiffe.

Japaner zunehmend in Kauflaune

Die Stimmung ist jedoch keineswegs nur in den exportlastigen Sektoren gut. Auch der Binnenkonsum scheint wieder anzuziehen. Lange Zeit waren die Japaner – wohl auch aufgrund von Mehrwertsteuererhöhungen und fallender Reallöhne – so konsummüde, dass die Regierung zu eher unkonventionellen Mitteln greifen musste, um den privaten Verbrauch anzukurbeln. Zum Beispiel ermuntert die Abe-Administration Unternehmen, ihre Mitarbeiter an einem Freitag im Monat früher in den Feierabend zu schicken, damit diese mehr Zeit zum Shoppen haben. Inwiefern der „Premium-“ beziehungsweise „Super-Friday“ seinen Zweck erfüllt, ist nicht bekannt. Fakt ist aber, dass die Kauflaune zuletzt angezogen hat: Im Oktober 2017 lag die Konsumentenstimmung deutlich über den Erwartungen und so hoch wie in den vergangenen vier Jahren nicht mehr.

Weiterhin positives Umfeld für Japan-Aktien: Deutsche Bank sieht mögliches Kurspotenzial von TOPIX & Co.

Unternehmen 2017 mit starken Gewinnsteigerungen

Der Export floriert, der Binnenkonsum zieht an: In diesem Umfeld haben die japanischen Unternehmen bisher starke Gewinne erzielt. Im ersten Halbjahr dieses Jahres konnten die Konzerne im breiten japanischen Leitindex Topix, der rund 2.000 Unternehmen beinhaltet, ihre Profite im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 20 Prozent steigern. Daraufhin passten die Analysten ihre Gewinnerwartungen für das Gesamtjahr 2017 nach oben an: Aktuell liegen die Prognosen bei einem Plus von 17,3 Prozent und damit gut 3 Prozentpunkte höher als noch vor sechs Monaten.

Gestützt wird der positive Ausblick auch durch Effizienzsteigerungen japanischer Unternehmen: Durch Rationalisierungsmaßnahmen konnten sie ihre Profitquote in den vergangenen Jahren spürbar steigern. Die Gewinnmarge vor Steuern lag nach Angaben des japanischen Finanzministeriums im zweiten Quartal dieses Jahres bei 6,8 Prozent – und damit fast doppelt so hoch wie Ende der 1980er-Jahre.

Aktienmarkt könnte über weiteres Kurspotenzial verfügen

Das insgesamt intakte wirtschaftliche Umfeld verlieh den Kursen am japanischen Aktienmarkt zuletzt bereits neue Impulse. Im bisherigen Jahresverlauf gewann der Topix in Euro gerechnet rund 11 Prozent und erreichte am 2. November 2017 mit 1.794 Punkten fast den höchsten Stand seit Beginn der 1990er-Jahre – nur Anfang 2007 stand der Index seither kurzzeitig etwas höher. Dennoch scheinen japanische Aktien nicht zu hoch bewertet: Auf Basis der Gewinnerwartungen für die kommenden 12 Monate liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis im Topix bei 14,9 – und damit niedriger als beispielsweise im US-amerikanischen Leitindex S&P 500, der entsprechend mit einem KGV von 18,2 bewertet ist.

Vor dem Hintergrund starker Gewinnerwartungen könnte der japanische Aktienmarkt für entsprechend risikobereite Anleger daher eine interessante Investmentmöglichkeit darstellen – zumal japanische Unternehmen weiterhin von einer soliden globalen Weltkonjunktur profitieren dürften: Für das kommende Jahr rechnet die Deutsche Bank wie auch für 2017 mit einem Weltwirtschaftswachstum von 3,7 Prozent.

Bank of Japan schwächt den Yen und stützt die Börse

Neben der wirtschaftlichen Dynamik dürfte die japanische Notenbank (Bank of Japan, BoJ) die Börsen im Land stützen – etwa durch fortgesetzte Ankäufe japanischer Aktien: Aktuell kauft die BoJ jährlich Papiere im Volumen von umgerechnet 48 Milliarden Euro. Bereits jetzt hält sie rund 2,5 Prozent an der Marktkapitalisierung des breiten japanischen Aktienindex Topix und ist damit laut der japanischen Wirtschaftszeitung „Nikkei“ derzeit drittgrößter Anteilseigner japanischer Unternehmen.

Zudem dürfte die BoJ an ihrer ultralockeren Geldpolitik festhalten und das Zinsniveau im Land niedrig bleiben – nicht zuletzt weil eine weitere Amtszeit des amtierenden japanischen Notenbankpräsidenten Haruhiko Kuroda ab April 2018 durch den Wahlsieg Abes wahrscheinlich ist. Sollten gleichzeitig wie erwartet die Zinsen in den USA und der Eurozone anziehen, könnten Investoren vermehrt Kapital aus Japan abziehen – insbesondere aus den Geld- und Anleihemärkten – und in diese beiden Währungsräume umschichten. Ein schwächerer Yen wäre die Folge: Die Deutsche Bank rechnet mit einer Yen-Abwertung gegenüber dem US-Dollar um rund 3 Prozent bis Ende dieses Jahres beziehungsweise 6 Prozent bis Ende 2018 – mit entsprechend positiven Auswirkungen auf die Unternehmensergebnisse und damit die Aktienkurse.

Steigende Staatsverschuldung als potenzieller Risikofaktor

Bei allen Aspekten, die für eine Fortsetzung des japanischen Aktienmarkttrends sprechen, sollten Anleger die Kehrseite des Aufschwungs nicht aus den Augen verlieren: Die japanische Wirtschaft wird auch von staatlicher Seite stimuliert, verbunden mit der Aufnahme neuer Staatsschulden. Unterstützt werden diese Maßnahmen von der japanischen Notenbank, die einen Großteil dieser Schulden in Form von Staatsanleihen ankauft.

Die Regierung hat allein im September 2017 ein Konjunkturprogramm in Höhe von umgerechnet rund 15 Milliarden Euro auf den Weg gebracht, das unter anderem in Bildung und Kinderbetreuung fließen sowie Investitionsanreize für Unternehmen schaffen soll. Im Zuge dieser expansiven Fiskalpolitik ist die Staatsverschuldung bereits auf ein relativ hohes Niveau gestiegen: Aktuell liegt sie bei rund 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die deutschen Staatsschulden belaufen sich zum Vergleich auf weniger als 70 Prozent des BIP. Wenngleich Japan zugutekommt, dass sich ein großer Teil der Schulden in der Hand der BoJ befindet: Auf lange Sicht gilt es, hier die weitere Entwicklung zu beobachten. Kurzfristig könnte darüber hinaus eine weitere Verschärfung des Nordkorea-Konflikts für Unsicherheit am japanischen Aktienmarkt sorgen.

Derzeit scheint es, als könnten die japanische Wirtschaft und der japanische Aktienmarkt weiterhin von der dynamischen Weltkonjunktur und dem starken Binnenmarkt profitieren – ebenso wie von einem anhaltend relativ schwachen Yen. Dazu sollte der Wahlsieg Shinzo Abes dem Land politische Stabilität verleihen und weiteren Spielraum für die Fortsetzung seiner Wirtschaftspolitik verschaffen. Insgesamt könnten japanische Aktien daher für entsprechend risikobereite Anleger aktuell einen interessanten Bestandteil im Depot darstellen. Für Euroanleger scheint dabei ein währungsbesichertes Investment ratsam.



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Redaktionsschluss: 02.11.2017