Die wichtigsten Fakten:

  • Künstliche Intelligenz schon heute Teil unseres Alltags
  • Auswirkungen auf unser zukünftiges Leben noch nicht abschätzbar
  • Insgesamt sehr breit gestreutes Investmentthema

Obwohl die meisten Menschen Künstliche Intelligenz (KI) heute wie selbstverständlich nutzen, ist ihnen der Siegeszug der innovativen Technologie nur selten bewusst. Zu dominant ist das medial verbreitete Bild einer KI in Gestalt eines überdimensionierten Computers oder eines humanoiden Superroboters, das in Filmen wie „2001: Odyssee im Weltraum“, „Matrix“ oder „Terminator“ gezeichnet wurde. Der Algorithmus einer Internetsuchmaschine, die Handschrifterkennung auf dem Tablet oder die automatisierte Auswertung von Röntgenbildern lassen sich mit solchen Fantasien nicht immer sofort in Einklang bringen.

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KI: viel mehr als nur Superroboter

Künstliche Intelligenzen sind keine omnipotenten Problemlöser, sondern hoch spezialisierte Softwareprogramme, die für konkrete Herausforderungen die beste Lösung finden. Zu den bekanntesten KI-Anwendungen zählen die Programme, die in Brett- oder Videospielen die weltbesten Spieler besiegen können. Zwar ist der praktische Nutzen solcher maschineller Fähigkeiten eher begrenzt, sie machen jedoch das große Potenzial deutlich, das im Bereich der Künstlichen Intelligenz steckt: Das Computerprogramm AlphaZero beispielsweise erlernte im Jahr 2017 das Schachspiel nur anhand der Spielregeln und im Spiel gegen sich selbst so gut, dass es bereits nach vier Stunden als Autodidakt von keinem Schachmeister – sei es Mensch oder Maschine – geschlagen werden konnte.

Grundlagen für weiteren KI-Ausbau vorhanden

Voraussetzung für solch erstaunliche Leistungen ist die Fähigkeit, Muster in umfangreichen Datensätzen sicher und schnell zu identifizieren. Zwar mangelte es bereits in der Vergangenheit nicht an Ideen für neue Einsatzbereiche intelligenter Software. Es fehlte jedoch lange an Möglichkeiten, diese mithilfe entsprechender Speicher- und Rechnerkapazitäten befriedigend umzusetzen. Kostete ein Gigabyte Festplattenspeicher laut dem US-Forschungsinstitut Statistic Brain im Jahr 1980 beispielsweise noch fast eine halbe Million US-Dollar und vor 15 Jahren noch immer ein paar US-Dollar, sind es heute kaum mehr Centbeträge. Gleichzeitig verdoppelt sich die Anzahl der weltweit verbauten Mikroprozessoren etwa alle zwei Jahre. Die wachsende Verbreitung des Internets und der Cloud-Technologie sowie mobiler Endgeräte wie Smartphones führt zudem zu einer immer schnelleren Zunahme der verfügbaren Datenmengen und ihrer weltweiten Vernetzung.

Neben den technischen Aspekten waren es ökonomische Entwicklungen, die die Verbreitung von KI-Technologien in den vergangenen Jahren begünstigten. Insbesondere der rasante Aufstieg von Plattformunternehmen wie Online-Suchmaschinen, Social-Media-Plattformen oder Internethändlern hat in den vergangenen 20 Jahren zu einem Umbruch in der weltweiten Unternehmenslandschaft geführt. Das Geschäftsmodell vieler dieser Riesenkonzerne basiert im Wesentlichen auf dem „Tausch“ kostenloser Dienstleistungen gegen Kundendaten, die sie für Werbezwecke vermarkten. Das treibt die Entwicklung neuer, intelligent vernetzter Dienste in allen Bereichen voran: seien es die mittlerweile bereits weit verbreiteten Sprachassistenten für die eigenen vier Wände oder zukunftsweisende Systeme für selbstfahrende Autos.

Megatrend Künstliche Intelligenz: Investmentmöglichkeiten in einem Multi-Milliarden-Dollar-Business

Milliardeninvestitionen in die Zukunft

Die Auswirkungen dieser, gemessen an den Möglichkeiten, noch in den Kinderschuhen steckenden Technologien auf Gesellschaft und Wirtschaft lassen sich heute kaum abschätzen. Zumal über die Zukunft von KI unter Experten erhebliche Uneinigkeit besteht: Während die „Technoskeptiker“, nach der Definition des Physikers Max Tegmark vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), die Möglichkeit einer übermenschlichen KI in den kommenden 100 Jahren bezweifeln, erwarten einige „digitale Utopisten“ schon in den nächsten Jahrzehnten die physische Verschmelzung des Menschen mit Maschinen zur Verbesserung seiner Fähigkeiten. In welche Richtung das Pendel ausschlagen wird, hängt unter anderem davon ab, wie stark die Politik regulatorisch in die Prozesse eingreift und mit welcher Geschwindigkeit die weitere Entwicklung, insbesondere durch die großen Techunternehmen und staatliche Investitionsprogramme, vorangetrieben wird.

Aktuell zumindest scheint die Dynamik weiter zuzunehmen: Die Europäische Union beispielsweise will in diesem und im kommenden Jahr gemeinsam mit der europäischen Wirtschaft 20 Milliarden Euro und danach die gleiche Summe jährlich in die Entwicklung und den Einsatz von neuen KI-Technologien investieren. Die chinesische Regierung gibt sogar gleich ein ganz konkretes Ziel aus: Bis 2030 soll das Reich der Mitte nach einem Beschluss des Staatsrats vom Juli 2018 die führende KI-Macht der Welt werden. Ob das gelingt, bleibt allerdings abzuwarten, denn auch der Platzhirsch USA investiert weiter kräftig in die Branche. Allein am MIT – also an einer einzigen privaten Universität – wird für die Einrichtung eines KI-Colleges mit 50 neuen Stellen rund eine Milliarde US-Dollar veranschlagt. Die Finanzierung ist gesichert und die Eröffnung für September 2019 geplant.

Offen bleibt, ob anzunehmende technologische Fortschritte im KI-Bereich das seit Jahren schwächelnde Potenzialwachstum tatsächlich nach oben verschieben können – und ob diese Entwicklung dann sowohl in den Industrieländern als auch in den Schwellenländern zu beobachten wäre. Unterschiedliche Meinungen herrschen ebenfalls hinsichtlich der Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Während die Optimisten sich von KI vor allem einen Anstieg der Produktivität erhoffen – ohne grundsätzlich negative Auswirkungen auf die Beschäftigung –, sehen die Pessimisten das Risiko einer technisierten Arbeitswelt, in der intelligente Maschinen den Menschen sukzessive ersetzen und ihn aus dem Arbeitsmarkt drängen. Einig sind sich beide Seiten dagegen, dass es in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu einem tief greifenden Strukturwandel am Arbeitsmarkt kommen wird.

Wettstreit um die globale Vorherrschaft

Bei aller Vorsicht hinsichtlich der Zukunftsaussichten Künstlicher Intelligenz bleibt festzuhalten, dass kaum ein anderer Bereich ein so großes Potenzial hat, unser Leben in den kommenden Jahrzehnten grundsätzlich zu verändern. So könnten nach Schätzungen des US-Marktforschungsunternehmens Juniper Research bereits 2022 weltweit rund 50 Milliarden Objekte – von Smartphones und PCs bis hin zu Sensoren in Industrierobotern, Küchengeräten oder Autos – im Internet der Dinge intelligent vernetzt sein. Und die Unternehmensberatung McKinsey & Company schätzt, dass die Weltwirtschaft durch zunehmende Automatisierung bis zum Jahr 2065 um jährlich 0,8 bis 1,4 Prozentpunkte stärker zulegen könnte – was den negativen demografischen Effekt auf das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern zumindest ausgleichen würde.

Welchen Stellenwert KI hat, wird auch daran deutlich, dass es im anhaltenden Handelsstreit zwischen den USA und China zwar vordergründig um Handelsdefizite, Zölle oder die Stahlindustrie zu gehen scheint, es sich im Kern aber vor allem um die Vorherrschaft im IT-Sektor dreht: Chinesische Unternehmen haben nicht zuletzt dank staatlicher Investitionsprogramme in den vergangenen Jahren den technologischen Rückstand auf ihre US-Pendants deutlich verringert und sie in Bereichen wie der neuen 5G-Technologie sogar bereits überholt. Mit Übernahmeverboten von Unternehmen aus wichtigen Schlüsselindustrien wie der Halbleiterbranche oder Restriktionen in der Zusammenarbeit mit großen chinesischen Telekommunikationskonzernen steuern die USA nun verstärkt dagegen. Denn schon Russlands Präsident Wladimir Putin hat 2017 mit Blick auf die KI-Entwicklung erkannt: „Wer in diesem Bereich die Führung übernimmt, wird Herrscher über die Welt.“

Breite Investmentpalette für Anleger

Wer als Anleger langfristig am Megatrend Künstliche Intelligenz teilhaben möchte, hat dafür bereits heute vielfältige Möglichkeiten. Allerdings wird er dabei nur selten auf ausgewiesene „KI-Unternehmen“ stoßen – es gibt sie schlichtweg kaum. Die maßgeblichen Player kommen vielmehr aus dem Bereich der Plattformökonomie, also den bereits angesprochenen Online-Suchmaschinen, Social-Media-Diensten oder Internethändlern. Hinzu kommen unter anderem global agierende Techkonzerne aus der Halbleiter- und Softwarebranche, Cloud-Anbieter, Grafikkartenhersteller, Gesundheitsunternehmen oder Autokonzerne und deren Zulieferer, die in verschiedenem Maße entweder als Entwickler, Nutzer oder Ausrüster von und für KI-Technologien vom Megatrend profitieren dürften. Regional könnte der Investmentfokus auf den USA liegen, der nach wie vor bedeutendsten Technation weltweit. Allerdings holen chinesische Unternehmen mit großen Schritten auf: Schon Ende des Jahres soll an der Schanghaier Börse das „Science and Technology Innovation Board“ eingeführt werden, ein Technologieindex mit 43 Unternehmen aus Bereichen wie Künstliche Intelligenz, Biotechnologie oder Cloud-Computing, dessen Marktkapitalisierung bereits in ein paar Jahren rund zwei Billionen US-Dollar erreichen könnte – das wäre doppelt so viel wie aktuell beim DAX.



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Redaktionsschluss: 09.05.2019